ATU: Phantomfehler und Panikmacher
14. Dezember 2008 von CRen
[Aktueller Song: "Affirmative Action" von NaS]
Der Ford Fiesta ist ein grundsolides Auto. In den fast 30 Jahren, in denen die Änderungen nur kosmetischer und selten technischer Natur waren, hat Ford eine gewisse Brillianz erreicht, die sonst nur von Langläufern wie dem Käfer oder dem T-Modell bekannt ist. Trotzdem braucht auch ein Fiesta Pflege. Besonders dann, wenn er in 9 Jahren nicht einmal eine Werkstatt von innen gesehen hat, sondern vom Vorbesitzer schwarz gewartet worden war. Ich traf also die denkbar schlechteste Entscheidung und gab mein Auto zu Autoteile Unger in die Inspektion. Zum Glück war mir schon im Vorfeld klar, was da kommen würde.
Autoteile Unger kürzt sich ATU ab und das steht vermutlich auch für “Autoreparaturtechnisch ungünstig”, denn ATU neigt dazu, gerne mal Probleme zu finden, die keine sind. Doch am besten fange ich vorne an.
Samstag vormittag fuhr ich zu ATU, um einen Inspektionstermin auszumachen. Heute, Montag war dann der Termin. Mit der wirklich nicht hübschen und entsprechend wenig freundlichen Dame im Verkauf verabredete ich eine 60.000er-Inspektion und eine Klimawartung, um die Klimaanlage mal durchzuschauen. Sofort sprang ein kleiner, haarloser Mann mit Brille im ATU-Dress ein und heuchelte Service: Was für ein Motor das sei? Ein Zetec? Ne, da sollten Sie auf jeden Fall Leichtlauföl mit fahren!
Leichtlauföl? Heißt: SAE 5W30 statt SAE 10W40, vollsynthetisch und “nur ein bisschen teurer als das normale.” Was daran besser sei, konnte er mir nicht erklären, dafür empfahl er mir, das “bei 16-Ventilern auf JEDEN FALL zu nehmen.” Wie gesagt, warum das Öl soviel besser sei, wurde nicht erklärt, weshalb ich das jetzt an dieser Stelle mal übernehme: Die Ziffern sind international genormte Werte für die Viskosität, also die Dünnflüssigkeit des Öls. Je niedriger der Wert, desto dünnflüssiger das Öl. Die 10 steht für die Viskosität im Sommer, die 40 für die Viskosität im Winter. Das W steht für Winterbetrieb und jetzt kommt der Clou: Der Motor macht das Öl wie eine Friteuse heiß. Dickflüssiges Öl wird also nicht so schnell heiß, dünnflüssiges hingegen schneller warm, wodurch sich 5W30 im Winter schneller im Motor verteilt und angeblich den Motor schont. 10W40 reicht da aber auch, wenn man keine Rennen fährt.
Insofern war der Rat des Herrn SAE 0, also überflüssig.
Heute Morgen bin ich dann zu ATU gefahren und habe die Klimawartung abgesagt.
“Aber das ist riskant”, warf der Gesichtselfmeter ein, “sie können sich ALLES damit kaputtmachen.”
Was genau alles heiße, fragte ich. “Naja, den Kondensator und dann wirds RICHTIG teuer.” Ich versprach, um ihre Seelenruhe besorgt, die Klimaanlage im Winter nicht mehr anzumachen, wenn der finanzielle Super-GAU drohe, aber eine Klimawartung wolle ich trotzdem nicht. Stattdessen ließ ich den Wagen stehen und wankte nach Hause. Das war um 8.30 Uhr.
11:03 Uhr: Das Handy klingelt. Dran war der phlegmatische KFZ-Meister und der wollte offensichtlich Provision kassieren. Ohne Umschweife legte er los. “Joa, wir haben da noch ein paar Problemchen gefunden.” Er zählte eine Liste ab, nach der der Wagen ein absoluter Totalschaden war und legte dann den Preis fest: Das wären dann alles zusammen 1783,67 inklusive Mehrwertsteuer. Also exakt die Hälfte des Wagenwerts von rund 3500 Euro.
Angeblich kaputt:
- Keilriemen “reißt bald”
- Spurstangenlager vorne und hinten “völlig ausgeschlagen, lebensgefährlich”
- Bremsscheiben “kaputt” + Beläge “komplett runter”
- Bremsleitungen vorne “schwer porös”
- Bremstrommeln & Zylinder hinten “tot”
- “massiver” Ölverlust am Motor
“Ich komme vorbei und gucke mir das mal an”, waren meine letzten Worte und so fuhr ich mit dem Fahrrad zu Unger. Denn ein bisschen Ahnung habe ich auch, das muss ich dann doch mal anmerken.
Der Wagen stand, halb auseinandergenommen auf der Bühne. Der Meister schlurfte heran, als er mich sah. “Alles kaputt”, sagte sein Blick, fast schon mitleidserregend. Er schien wirklich um meinen Wagen und mein leibliches Wohl bemüht.
“Dann zeigen Sie mal” und er führte mich zu meinem Wagen. Hier fehlte dem Phlegmatiker die nötige Fähigkeit zur Dramatisierung, der Climax kam zuvorderst.
“Hier, gucken Sie, die hintere Trommel ist tot. Da läuft Bremsflüssigkeit aus dem Bremszylinder.” Er fuhr mit dem Finger unter eine Gummilippe und förderte eine homöopathische Menge Öl hervor. Da ich wusste, dass der Wagen die letzten Jahre nur gestanden hatte, war mir klar, dass so ein Fehler auftreten würde. Gut sah das nicht aus, aber schlimm ist anders.
“Das sollten wir auf jeden Fall machen, das ist LEBENSGEFÄHRLICH.”
“Also bisher hat er ordentlich gebremst und ich hoffe für Sie, dass er das auch nachher noch tut. Zeigen Sie mir auch mal den Rest.”
Wie zu erwarten, waren die Bremsscheiben ein wenig eingelaufen, die Beläge hingegen OK.
“Ich dachte, die wären runter?” “Oh… ja, ne, die sind doch OK.”
In diesem Stil ging es dann weiter. Den Fehler in den Spurstangen konnte er mir nicht zeigen. Die waren schmutzig, sahen aber nicht wirklich ausgeschlagen aus. Wie man das feststellen könne? Durch Flackern in der Lenkung. Dummerweise hatte ich dergleichen bisher nicht bemerkt, was ich ihm auch mitteilte. Ob er denn schon mit dem Wagen gefahren sei? Natürlich nicht. Was daran denn lebensgefährlich sei, wenn man da weder was sähe oder merken würde, wusste er dann auch nicht. Der schleichende Tod kommt auf Spurstangenlagern…
“Und wie schaut’s mit der Bremsleitung aus?” Ja, die sei RICHTIG SCHLIMM PORÖS! Er war in Siegerlaune, wenigstens etwas, was er mir zeigen konnte. Konnte er aber dann aber nicht. “Werner, wo war die Leitung denn porös?” “Oben, musste mit der Lampe ran.” Und mit der Lupe. Als er die etwa sandkorngroßen kritischen Stellen, die sich wundersamerweise links und rechts an exakt der gleichen Stelle unter Drahtverschalung der Bremsleitung befanden, auftrieb, sahen die auf traurige Weise eher nach minimalem Gummiabrieb als nach porösem Gummi aus. Ich konnte selbst mit gutem Willen keine Poren finden. Brüchiges Gummi sieht anders aus. Das Spiel wiederholte sich beim Keilriemen, den er mir nur widerwillig zeigte und der mir SEHR neu aussah. Der Ölverlust am Motor war marginal und noch in keinster Weise TÜV-relevant. Aber auch hier: “Verkehrssicher ist der nicht!”
“So, dann unterschreiben Sie mir mal den Reparaturauftrag.”
“Wofür?”
“Naja, wir machen ihren Wagen wieder verkehrssicher.”
“Wieso, der tut’s doch? Poröse Bremsleitungen sehen anders aus und wegen der Scheiben und der Trommel würde ich gerne noch eine andere Werkstatt fragen.”
“WARUM DAS DENN?”
“Eine Frage des Vertrauens.”
Jetzt legte der Meister seine gesamte ATU-Schule vor. Offensichtlich nehmen alle ATU-Mitarbeiter Kurse bei türkischen Teppichhändlern.
“Vertrauen Sie mir etwa nicht?” Die Mitleidstour. Was fehlte, waren nur noch seine sechs Kinder, die er, wenn ich nicht reparieren ließe, an Sklavenhändler verkaufen müsse.
“Hören Sie, der Wagen ist 9 Jahre alt und alles, was ich sehen kann, ist normaler Verschleiß. Bevor ich also 2000 Euro in die Karre pumpe, würde ich gerne noch eine Zweitmeinung einholen.”
Danach war der Meister angefressen. Und wollte, dass ich ihm seine Mängelliste unterschreibe, in der nur stand “der Wagen ist nicht verkehrssicher.” Er möge doch bitte alle Punkte auflisten, damit wir da auch beide absolute Sicherheit hätten. “Eigentlich kann ich sie so nicht fahren lassen.”
“Machen Sie ihn zu, ich guck’ mal, wie ich das mache.”
“Das kann aber noch dauern.”
“Ich warte.” Und ich beobachtete. Statt noch die drei Minuten lang die Trommeln festzuschrauben und die Räder zu montieren, machte Chefe erstmal trotzig Mittagspause. Als er wiederkam, fuhr er den Wagen erst einmal ostentativ auf den Bremsenprüfstand. Eine gewisse Ungleichheit war sichtbar, aber kaputte Bremsen sehen anders aus.
Ich wünschte einen schönen Tag.
“Hmpf…”
200 Euro für die Inspektion bezahlt, mir noch eine Flatrate aufschwatzen lassen, um 10 Euro zu sparen und nichts wie weg.
Zehn Minuten später stand ich bei der Mini-Werkstatt bei mir um die Ecke. Das mit den Bremstrommeln und Scheiben war mir dann doch nicht geheuer. Ich fragte den Betreiber, was so eine Reparatur wohl kosten würde, wohlgemerkt ohne die ATU-Geschichte zu erzählen. Stattdessen fragte ich nach Youngtimern, die er auf dem Hof stehen hatte. “Ne, da werden Sie keine guten finden, die sind inzwischen 20, 30 Jahre alt und waren schon damals nach drei Jahren durchgerostet. Da muss man schon echt was investieren, damit sich das lohnt und alltagstauglich sind die dann auch nicht unbedingt.” Solche Aussagen sind nett, finde ich, gerade von KFZ-Meistern, die mit kaputten Fahrzeugen ihr Geld verdienen.
Inklusive Teilen, Arbeitslohn und Mehrwertsteuer veranschlagte er 350 Euro für die Fiesta-Reparatur. “Wenn die Bremsbacken nicht OK sind. Wenn sie OK sind, sind’s maximal 310 Euro.”
Irgendwie schien mir das der bessere Preis. Ich werde wohl dort reparieren lassen.
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