Drei Wochen ohne Breitband-Internet
9. Mai 2008 von CRen
[Aktueller Song: "Summertime" von Janis Joplin]
Ja, so ist es, das süchtigmachende Breitband-Internet. Da hilft nur die Zwangstrennung und wochenlanges Offline-Dasein mit sporadischen Web 1.0-Ausflügen per GPRS ins datentechnisch vollkommen überlastete Web 2.0, um nicht nur braun, sondern auch sozial rehabilitiert zu werden. Plötzlich gehe ich wieder wie zu ISDN-Zeiten einfach mal spontan raus, kann tagelange dem Heim fernbleiben, ohne kribbelig zu werden und benutze Dinge wie ein so genanntes “Telefon”, um mit Menschen in Kontakt zu treten. Mein Macbook Pro ist plötzlich wieder mehr Möbel als Freund.
Kein Facebook, kein Youtube, nichtmal E-Mail und nur sporadische Blogging-Angriffe. Ich lese viel, sehe viel fern, bin plötzlich sehr aktiv und habe trotzdem viel zu viel Zeit. Das sieht man auch, ich habe abgenommen. Seit zwei Wochen gehe ich jeden Abend raus, Mittwoch war ich Abends im Schwimmbad, Donnerstag im Wald spazieren, denn wer viel herumkommt, isst auch weniger. Ein Burger am Tag reicht, die Pommes lasse ich jetzt oft liegen, weil ich trotzdem satt bin. Abends esse ich nicht mehr drei, sondern nur ein Brötchen oder gleich einen Salat, wenn überhaupt.
Auch das eingeschüchterte Kellerkind-Ego des Web 2.0-Nerds weicht dem gesunden Selbstvertrauen eines gutaussehenden Endzwanzigers, was mir prompt eine charmante Begleitung für die Schwimmbad- und Waldbesuche einbrachte. Die Haut ist reiner, weil der Zigarettenkonsum gesunken ist, ich komme jetzt mit einer kleinen Packung am Tag aus und auch der asthmatische Reizhusten ist verschwunden und die Laune einfach besser.
Ich konnte es heute sogar mit einem “Kaufe alle Autos, auch Unfall”-Autohändler argumentativ aufnehmen, leider erfolglos – wer will den Fiesta mit der Beule, von dem in drei Wochen gesparten Kippen und Ebay-Geld und der Kohle von der Versicherung kaufe ich mir nämlich jetzt “nen Benz!
Doch das Offline-Dasein hat auch seine Nachteile. So sind gewisse Dinge heutzutage einfach nicht mehr ohne Internet möglich. Das fängt bei der Bezahlung der letzten Düsseldorfer Strafzettel, drei an der Zahl, Gesamtwert 50 Euro, an, die sich mangels benachbarter Postbank einfach nicht klassisch überweisen lassen wollen.
Ebenfalls unangenehm: Die Vermittlung von Handwerksaufträgen (Spüle anschließen, Fiesta entmacken…) über Myhammer.de gestaltet sich, ohne die Möglichkeit, Bilder hochzuladen, eher schwierig. Alten Rödel kann ich mangels dieser Foto-Option nicht bei Ebay einstellen, sondern muss ihn wegwerfen oder abwarten. Und auch dieses Blog ist deshalb optisch etwas auf den Hund gekommen.
Menschen, mit denen ich sonst per Skype Kontakt halte, sind halt einfach nicht da. Auch die übliche Blog-Querleserei entfällt, obwohl Vienna da recht GPRS-Volumensparend arbeitet, sofern man keine videolastigen Seiten wie Karmataxi dort aufruft. Selbst GMail schaltet in den “sparsamen” HTML-Modus und lädt Jahrzehnte, was die dringende Erledigung des E-Mail-Verkehrs unnötig behindert.
Arcor hat das Rennen gegen Alice knapp verloren, Arcor will am 19.05. schalten, Alice kommt schon am 16.05. vorbei, jetzt muss ich Arcor nur noch erklären, dass ich den Umzug stornieren will, sonst habe ich nachher wieder das Dreckspaket am Hals und in 10 Monaten den ganzen Schaltungsstress noch einmal. Neuester Trick der Arcor-Hotline: Eine 0900er-Nummer speziell für Handynutzer, die mit einer Arcor Simcard (!) nicht funktionieren will. “Pech gehabt”, scheint die Computerstimme zu lachen, aber ich glaube vielmehr, dass Arcor den Preiskampf einfach durch vollständige Einstellung des Supports gewinnen will.
Dennoch: Die Vorteile des Offline-Daseins überwiegen deutlich. Vielleicht schreibe ich diesen Text ein wenig um und verkaufe ihn an die einschlägigen Online-Medien. Das wäre ein erster ernster Schritt in Richtung Freiheit…
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