Köln: Stechapfel-Trip im Metro-Zoo (2005)
4. Dezember 2008 von CRen
Manchmal hat man einfach Pech.
Erst wird man unter Protest nach Köln in einen Schuppen namens “Lauschgift” geschleppt, in dem chillig geloungt wird. “Chillig loungen” ist der neue Großstädter-Sport. Man hängt nach Zahlung von fünf Euro Eintritt auf Sofas rum, hört Tom Jones, fühlt sich wie in Jimmy Hendrix Wohnzimmer und schaut ganz fürchterlich gelangweilt aus der Wäsche, ohne irgendwas zu tun. Zum Tanzen eignet sich die Musik nicht, zum Reden ist es zu laut, zum Flirten zu dunkel und überhaupt ist dieser Schuppen irgendwie erfrischend zweckfrei, weshalb es dort auch ganz angenehm ist. Kaum hat man sich dann eingelebt, wird man weiterschleift, zweimal um die Ecke, in einen Club, der “zur wilden Muschi” heißt.
“Wilde Muschi”? Das klingt verrucht, nach Nachtclub, nach tanzenden Gogos und jeder Menge Spaß. Dummerweise ist “Muschi” eher wörtlich zu nehmen, der Laden ist innen einer gigantischen Vagina nachempfunden, die weißen Wände mit roten Applikationen und das rosarote Licht erinnern in gewisser Weise an eine Pilzinfektion.
Eine von der juckenden Sorte, und das auf 300 Kubikmetern.
Soweit, so uncool. Doch “die Muschi” wäre nicht “die Muschi”, wenn sich nicht, passend zum Ambiente, völlig bekloppte Menschen dort eingefunden hätten. Schon am Eingang begrüßen zwei extrem schwuppige Metro-Schwuppen mit Unisex-Frisuren den noch nicht schockierten Gast und entscheiden über Einlass oder nicht. Dann wird man belehrt, dass Hemden “total unstylisch” seien, während dreckige Turnschuhe völlig OK sind. Die Gegenfrage, inwiefern denn jemand mit einem toten, zersauselten Stinktier auf dem Kopf über Stil entscheiden kann verkneift man sich am besten, dann wird man auch mit Hemd in den Laden gelassen.
Drinnen, an der engsten Stelle, sozusagen der Schamlippe des Ladens, ist die Garderobe. Die sollte man nicht weiter beachten, allein schon deshalb, weil man den Laden sicher sehr bald und vermutlich panisch flüchtend verlassen wird. Denn drin ist alles nicht nur im besten Vagina-mit-Pilzen-Look, nein, der Laden ist auch randvoll mit Metrosexuellen-Volk, männlich wie weiblich. Genau die gleichen Leute, die sonst rauchend vorm Unisex stehen. Schön ist das nicht!
Noch weniger schön ist die Tatsache, dass der Schwuppen-Himmel in gewisser Weise ein wenig zu laut beschallt wird. Mit geschätzten 560 Dezibel dröhnt House-Musik, dass die umliegenden Straßenzüge im Takt nur so hüpfen. Und mittendrin toben sich die Metros aus, während an der Bar drei Schwuppen-Alphatiere mit besonders elegant kaputtfrisierten Haaren die Getränke ausschenken. Das gesamte Ambiente lässt einen schnell glauben, man hätte sich irgendwelche Drogen gepfiffen, vorliebig Stechapfel, denn das Bild, das sich bietet, ist nichts anderes als eine bewegte Version von Hieronymus Boschs Höllenvisionen.
Dann spuckt die Oberschwuppe an der Bar Feuer, um kurz darauf mit der anderen Schwuppe den Poposteck-Tanz zu tanzen. Jetzt dürfte jedem klar sein, dass er sich tatsächlich in der Hölle befindet. Oder zumindest in ihrem Vorhof.
Spätestens jetzt ist es an der Zeit, sich ängstlich in den Notausgang zu kuscheln und leise zu beten. Nicht zu leise, denn Gott kann einen nicht hören, so vom Keller aus einer riesigen, pilzerkrankten Vagin heraus, die mit 560 Dezibel dröhnt. Streng genommen sollte man also ordentlich laut brüllend beten, auch dafür, dass sich vielleicht die Schwuppen beim Feuerspucken gegenseitig anzünden und das restliche Metrovolk in Panik zum Notausgang stürmt. Denn Metro-Haare brennen dank kiloweise reingemengter brennbarer Stoffe extrem gut, die zu engen Polyester-Shirts der Metros sind ebenfalls guter Zunder.
Dummerweise beherrschen die Barkeeper ihre Kunst und das in Flammen aufgehende Stinktier bleibt leider im Reich der Träume. Man bleibt also nur im Notausgang stehen und beobachtet den Laden. Interessant ist, dass immer wieder Mädels wie von der Tarantel gestochen ins Klo rennen. Das Klo ist ohnehin interessant, spuckt es doch wesentlich mehr Frauen aus, als reingehen. Das Rätsel um die brutale Koksbox, Verzeihung: Klo-Erstürmung ist schnell gelöst: Hier braucht jemand ganz, ganz dringend ein Näschen Schnee. Jede Dame, die das Klo verlässt, fängt nämlich auf der Stelle an zu tanzen, während sie sich nervös die Nasenlöcher reibt. Schön anzuschauen, besonders, wenn die Koks-Kristalle das fein operierte Näschen in seine Einzelteile zerlegen und Madame wieder aufs Klo flitzt, diesmal, um das Nasenbluten zu stoppen.
Wer mag, darf auch das Herrenklo unter die Lupe nehmen. Die erste Überraschung: Der Spiegel hängt noch, wurde also nicht zum Koksen missbraucht. Die zweite Überraschung: Die Toiletten-Kabinen haben defekte und ausgehängte Türen. Auch hier ein Rätsel, dessen so offensichtliche Lösung sich bei 180 im Hintergrund wummernden House-Beats pro Minute erst einige Viertelstunden später dem gemarterten Hirn erschließt: Der Junkie-Faktor! Wenn keine Türen drin sind, muss man auch keine Türen aufbrechen, um tote Junkies abzutransportieren. Das ist nur logisch, irgendwie. Vorsicht an der Klotüre, hier möchte sich das Ambiente gar zu aufdringlich anbiedern. Mit anderen Worten: Am klebrigen Griff kleben sicher diverse Pilz- und Herpeserkrankungen, man sollte seine Hände also nicht nur nach, sondern auch vor dem Urinieren waschen.
Ein letzter Blick auf die Höllenvision, dann nichts wie raus. Drinnen wird wild auf der Tanzfläche gevögelt, die Geschlechter bleiben dabei aber unter sich, derweil stiehlt man sich durch den Gebärmutterhals davon. Draußen kann man dann noch den Gesprächen der Schwuppen lauschen, die im Licht der Straßenlaternen noch eine Spur bescheuerter aussehen als unten im Rotlichtmillieu.
Kurz gefasst ist “die Muschi” ein super Club. Zumindest, wenn man darauf abfährt, mit einigen Dutzend zugedröhnten, feuerspuckenden Metro-Schwuppen in einer riesigen, pilzbefallenen Vagina auf House-Musik abzufeiern. Wer nicht so pervers ist, sollte den Laden hingegen lieber dringend meiden.
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