Mercedes-Benz 190E 1.8 - eine Liebeserklärung
18. Mai 2008 von CRen
[Aktueller Song: "Do You Remember The First Time?" von Pulp]
Ohne Frage ist der 190er “Babybenz” eins der besten Autos, die jemals gebaut wurden. Deshalb habe ich mir erlaubt, den eingebeulten Fiesta nicht mehr für teures Geld ausbeulen zu lassen, sondern ihn zu verkaufen. Verkaufspreis plus Versicherungssumme plus einige Bonus-Euro ergaben dann genau den Preis für diesen scheckheftgepflegten, nahezu neuwertigen 190E mit 54.600 Kilometern auf der Uhr von 1992. Eigentlich sollte es ja ein Smart werden, aber eine flammende Rede der Liebsten (”Wenn Du Dir “nen Smart kaufst, steig ich nicht bei Dir ein!”), meine persönliche Liebe zu alten Autos sowie die Gebrauchtpreise für Smarts erleichterten mir die Entscheidungsfindung zugunsten des 190E.
Irgendwo hinter Nassau-bei-Bad-Ems-bei-Koblenz, aber noch ein paar Kilometer weiter draußen stand es also, das gute Stück. Der Verkäufer, eigentlich Busfahrer und so eine Art Bob-Marley des Rhein-Lahn-Kreises, hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alten Leuten billig die Benze abzukaufen, die ein wenig fit zu machen und dann an dämliche Städter zu verkaufen. Dort beguckte ich mir also den Wagen und war sofort verliebt. Der Kauf wurde geregelt, der Wagen angemeldet und gestern abgeholt.
Die ersten Kilometer weigerte er sich beharrlich, meinen Fahrstil zu akzeptieren, nein, der Benz wollte geführt werden wie von Omi, die ihn 16 Jahre in ihrem Besitz hatte. Erst wiederholtes Vollgasgeben holte die Lebensgeister in den Motor zurück, vermutlich war er schlapp geworden beim sanften Gasfuß einer Oma im Hinterwald. Nach nunmehr 300 Kilometern seit gestern Nachmittag haben wir uns aber aneinander gewöhnt. Ich habe den Fiesta-Bleifuß gegen gediegenes Cruisen getauscht, das rechnet mir der Benz, indem er auf Wunsch laut brüllend die volle Leistung der etwas mageren 1,8 Litern Hubraum mit 109 PS entfaltet.
Ärgerlich ist allerdings, dass man, anders als im Klapper-Fiesta, kein Gefühl für die Geschwindigkeit hat. Im Benz ist Tempo 100 gefühlt kaum schneller als Tempo 50 im Fiesta. Die Stadt Köln hat mich deshalb zur Feier des Tages erstmal fotografiert, was ich auch sehr nett finde. Das Foto wird mir - das ist Service - zugesandt.
Ab Tempo 160 wird es etwas zäh, aber so ein alter Benz ist ja auch keine Rennmaschine. Tempo 195 ist den Berg runter aber drin und zum Glück sind pünktlich zum Benzkauf die Spritpreise wieder auf erträgliche 1,42 Euro gefallen. Den Verbrauch muss ich nun testen, an der Tankstelle schockte mich der Wagen erstmal mit einem - damals aufpreispflichtigen - 75-Liter-Tank, der wenige Kilometer nach Aufleuchten der Tankanzeige satte 62 Liter aus der Zapfsäule lutschte.
Innen regiert der Charme der 80er: Kein Airbag verunstaltet das Lenkrad, alles ist schön eckig, plastik und solide. Das Schiebedach, eine längst vergessene Erfindung, kühlt den Innenraum besser und angenehmer als jede Klimaanlage und Fahrer- und Beifahrersitz lassen sich separat heizen. Das Becker-Autoradio ist schlechter als gedacht, die angeschlossenen Boxen bringen jedoch trotzdem Wumms, weshalb ich mich auf den Einbau meines iPod-Radios freue.
Insgesamt ist der 190er ein saugeiles Auto, schon der Blick auf die dicke Haube und den Stern war die Investition wert. Die Bestuhlung ist unglaublich bequem, der Motor schnurrt wie ein Kätzchen und nichts klappert oder quietscht. Auch die Fixkosten halten sich in Grenzen: 440 Euro bei Teilkasko und 130 Euro Steuer im Jahr sind gerade mal 20 Prozent mehr als beim Fiesta, und das lohnt sich wirklich. Jetzt gilt es nur noch, den Spritverbrauch zu eruieren, aber das Grinsen, das ich seit gestern im Gesicht habe, werden mir auch gierige Steuereintreiber und geldgeile Spekulanten nicht nehmen!
Ich liebe mein Taxi!
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