09.06.08
Was, so fragt sich der Leser mit Sicherheit jetzt, ist ein "Rheine"?Rheine ist eine Stadt am anderen Ende von Nordrhein-Westfalen, in Westfalen.
Um nach Rheine zu kommen, muss man von Köln aus im Stau die A3 hoch, auf die staubehaftete A2 wechseln, dann etwa 100 Kilometer auf der A31 im Stau stehen und dann noch einige Kilometer auf der A30 und einer Landstraße fahren, wo, wie sollte es anders sein, auch Stau ist. Umgekehrt geht es schneller, nämlich nachts mit Vollgas im 190er-Benz und unter Einsatz von etwa 25 Litern Sprit in nur 75 Minuten.
Dabei durchquert man ganz kurz Niedersachsen, trotzdem ist Rheine auch recht hübsch mit seinen knapp 80.000 Einwohnern. Man kann die offenbar nie zerbombte City von Rheine auch in wenigen Minuten bequem zu Fuß erkunden, es gibt dort gleich zwei große Kirchen mit hübschen Türmen. Ja, in Rheine ist die Welt noch in Ordnung.
Rheine ist eine Stadt, wie man sie aus diesen deutschen Jugendfilmen, die nicht in München oder Berlin spielen, kennt, zum Beispiel aus "Schule". Eine dieser Städte, die in dichter bevölkerten Gegenden wie dem Rheinland oder dem Ruhrpott bestenfalls als "Dorf" durchgingen, aber dort oben eben Städte sind.
Rheine ist umgeben von goldenen Kornfeldern und zahllosen Badeseen, die selbst nach zwei Sommerwochenenden noch nicht von der ganzen Prekariatskinderpisse umgekippt sind, weil einfach zu wenige Leute dort baden gehen. Außerdem gibt es einen "Naturzoo" und hübsche Parkanlagen. Jeder zweite fährt mit seinem AOK-Chopper herum oder trägt seine Mütze gar dämlich auf der Frisur in Rheine, Menschen zwischen 20 und 40 sind nämlich eher selten hier. Dafür kosten freistehende, rot verklinkerte Einfamilienhäuser lächerliche 150.000 Euro und die Luft hier ist wesentlich besser als etwa in Köln.
Rheine hat nur einen Callshop mit Internetcafé und der ist, wo sollte er auch sonst sein, an der Busstation neben Ali's Döner, wo es noch essbaren Döner für 2,50 Euro gibt. Auch sonst sind die Preise in Rheine moderat und in der City gibt es – das kennt man als Bewohner des Köln-Bonn-Düsseldorfer Raums gar nicht – echte Traditionsgeschäfte in gepflegten Häusern. Dönerbuden und Handygeschäfte muss man suchen, das höchste der Gefühle ist ein Grieche, der sich "La Scala" nennt und von außen wirklich teuer aussieht.
Gastronomisch bietet Rheine aber noch viel mehr, etwa ein original westfälisches Restaurant, wo sich der geneigte Besucher echt westfälisch von den chronisch überlasteten Kellnerinnen anmuffeln lassen kann.
Den berüchtigten westfälischen Muffel gibt es nämlich sonst nicht, der Rheiner an sich ist nicht nur freundlich, sondern auch bester Laune. So wird man nicht nur unmittelbar vor Ladenschluss am Samstag noch in den Media-Markt eingelassen, man bekommt dort sogar freundliche und kompetente Beratung beim Digitalkamerakauf, obwohl draußen die Sonne scheint. Auch das ist dem angeblich so freundlichen Rheinländer irgendwie nicht vertraut. Die positive Atmosphäre in Rheine wirkt erst einmal bedrohlich für den Großstädter, er vermutet überall Abzocke und böse Menschen, die es hier aber nicht zu geben scheint.
Doch, es war schön in Rheine. Rheine ist eine Stadt, in der man Kinder aufziehen würde oder gerne aufgewachsen wäre, wie die Herzensdame richtig bemerkte. Und Rheine ist die Garantie dafür, dass die Kinder, sobald sie den Führerschein haben, auch ausziehen und einem nicht mehr auf den Keks gehen, zum Beispiel in die große Stadt, um da zu studieren.
Vielleicht sollte man eine Stadt wie Rheine ernsthaft für später mal in Erwägung ziehen.


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