Stangenwaren-Individualismus
24. März 2008 von CRen
[Aktueller Song: "One" von Metallica]
Bei fast sieben Milliarden Menschen auf dem Erdenrund ist es kein Wunder, dass der, der es sich leisten kann, versucht, sich von anderen Menschen abzuheben. Individualisierungsversprechen sind es, die Produkte wie Apples iPod, den Mini Cooper und den H&M-Unfug zu Verkaufsschlagern haben werden lassen, ebenso Prada-Taschen und diese eckigen Webdesigner-Brillen oder die allseits beliebte Metrosexualität. Dumm nur, dass der ganze Mist über den zweiten und dritten Vertriebskanal, etwa Ebay, innerhalb kürzester Zeit auch vom Proll oder Semi-Proll adaptiert wird.
Versprühte der Powerbook-Tipper im Starbucks vor wenigen Jahren noch den elitären Flair eines Freelancers, der es geschafft hat, sitzen und tippen inzwischen auch Touristen aus Castrop-Rauxel in der Kaffeebude auf Apple-Rechnern ihre E-Mails. Der Mini-Cooper war nach seiner Einführung unerschwinglich und hoch begehrt, inzwischen haben ihn diverse Russen- und Türkenknaben als gute, nur 300.000 Kilometer alte Alternative zum hochverprollten 3er-BMW adaptiert, weil sich damit die Mädchen besser abschleppen lassen. Der Wagen ist aber auch “süß”.
Noch vor wenigen Monaten waren iPhone-Anwender hoch begehrt, wurden auf der Straße bestaunt, befragt und gegebenenfalls abgerippt. Spätestens seit der CeBIT weiß jedoch auch der intellektuell minderbegabte Beobachter, dass das iPhone das uniformierte Standard-Telefon applausgeiler PR-Tanten oder großkotziger mittlerer Manager ist. Die iPhone-Halterung im Mini oder BMW Cabrio ist bereits Serienausstattung und in ihrer Individualität merken die iPhoner gar nicht, dass sie sich selbst als peinliche Fashion-Victims geoutet haben. Schon sind die Preise für das Apple-Telefon bei Ebay auf erschwingliche Pegel gesunken, kein Wunder, übersteigt das Angebot der schnellmerkenden Early Adopter die Nachfrage durch die nichtssagende Masse der Gebrauchtkäufer des Apple-Nichtskönners.
Oder diese Alternativmode: Man will sich gegen das Establishment etablieren und greift deswegen zur Rasta-Frisur in Kombination mit löchriger Jeans und fürchterlich ironischen Adidas-Jacken im 70er-Stil sowie besonders amüsante T-Shirts mit “Brandt”, “Afri” oder “Lego”-Schriftzug. Das machen diese Leute seit nunmehr 15 Jahren und es bleibt einfach nur eine weitere Uniform, die keinerlei individuelle Note hat.
Die Aufzählung könnte ewig so weitergehen, es gibt diese Menschen, die sich einem Individualisierungszwang hingeben, in der Hoffnung, wenigstens für wenige Wochen von Dritten als Trendsetter angesehen zu werden. Die Wirtschaft leistet – zurecht – ihren Beitrag: Bestimmte Unternehmen bringen es fertig, ihre Stangenware als hochwertige Individualprodukte anzupreisen, die dann von sich selbst viel zu ernst nehmenden Individualfaschisten wie wahnsinnig gekauft werden. Dabei handelt es sich freilich nicht um wirklich teure, einmalige Designer-Produkte, sondern immer um Dinge, die zwar teuer und damit für die breite Hartz-IV-Masse unerschwinglich sind, sich aber auch von schlechter verdienenden per Leasing und Ratenzahlung gekauft werden können.
Das zieht sich übrigens bis hoch in den Geldadel: Wenn man sich an einem Samstagvormittag mal hier in Düsseldorf auf der Kö in den Starbucks setzt, um das flanierende Ungeziefer zu beobachten, sieht vor allen Dingen uniformierte Armani-Träger und Prada-Proleten, die allesamt die gleiche Brille, die gleichen hässlichen Schuhe und die gleichen bescheuerten Frisuren tragen.
Echter Individualismus hingegen ist es, sich grundsätzlich von dem Rest abzuheben. Es ist kein Protest, in einer Welt, in der alle Mini Cooper und Golf fahren, ebenfalls zu Mini und Golf zu greifen. Stattdessen sollten echte Styler zu wirklich freakigen Autos greifen, und das ist nicht – wie so viele Individualneurotiker glauben – ein W123er-Benz oder ein Ford Taunus von 1981, sondern etwas, das sonst wirklich keiner hat, ein Piaggio Porter zum Beispiel.
Das hat dann was, aber sowas trauen sich solche Leute ja nicht.
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