Warum ich durchhalten werde
13. November 2008 von CRen
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[Aktueller Song: "Surrender" von Dropkick Murphys]
Sicher, die Krankheit ist ein ganz großer Bullshit. Nicht wissen, ob man in einem Jahr noch unter den Lebenden weilt, macht es schwierig, Dinge privater und beruflicher Art zu planen. Viele von Euch fragen sich sicher: “Woher nimmt der die Zuversicht?” oder “In seiner Situation würde ich verzweifeln.” Das ist nicht schlimm, das ist das gesunde Denken, dass ich vor nichtmal 18 Monaten auch noch hatte.
Aber wenn man eine unbehandelt tödliche Krankheit mit sich herumschleppt, wird alles anders. Man lernt plötzlich das Leben zu schätzen. Und wenn es mir doch mal schlecht geht, greife ich zu einer sicherlich fragwürdigen, aber doch recht effizienten Methode: Ich stelle mir vor, wer es schlechter hat als ich. Da sind all die Leute, die schwerere Krebsarten haben. Da sind all die Kinder in armen Ländern, die nie eine Chance auf ein schönes Leben haben.
Da sind die, die unter chronischen Krankheiten leiden und Menschen, deren Nervensystem nach und nach versagt. Es gibt Schwerstbehinderte und Minenopfer, Kinder in Kohleminen und Menschen, die wegen politischer “Verbrechen” in Diktaturen zum Tode verurteilt werden. Täglich sterben tausende von Menschen qualvoll, weil sauberes Trinkwasser oder Impfstoffe fehlen. Die, die es schwerer als ich haben, sind überall. Und sie alle können immernoch lachen.
Ich hingegen lebe in einem der reichsten Länder der Welt. Die letzten 29 Jahre waren weitestgehend problemfrei, wenn man sich das Leid der Welt betrachtet. Ich hatte Spaß und musste mir nie wirklich Sorgen machen. Ich durfte zur Schule und hatte vom ersten Tag meines Lebens an beste medizinische Versorgung, sauberes Wasser und nahrhaftes Essen zur freien Verfügung. Auf mich wird nicht grundlos geschossen, ich muss meine Gesundheit nicht täglich für ein paar Cent aufs Spiel setzen, niemand verkauft mich oder vergewaltigt mich aus einer Laune heraus und nichts explodiert in meiner Nähe, außer ich wollte es. Ich darf meines Glückes Schmied sein und muss niemandem dienen. Und trotzdem wusste ich das nicht zu schätzen und habe jahrelang kleine Probleme für große gehalten.
Und selbst jetzt, mit einer Krankheit im Nacken, die vor wenigen Jahrzehnten noch 100% tödlich war, bekomme ich die bestmögliche Behandlung, ohne mir finanzielle Sorgen machen zu müssen und obendrein die Chance auf vollständige Heilung. Und das nur, weil ich in Deutschland geboren bin und nicht etwa in Somalia. Ich habe die Chance, gesund zu werden, die viele Menschen auf der Welt einfach nicht haben. Für die viele Menschen ist Krebs das Schrecklichste, was es gibt, doch es geht viel, viel schlimmer: Eine schwere Krankheit mit Aussicht auf vollständige Heilung, sei sie noch so klein (was bei mir zum Glück nicht der Fall ist), ist besser als ein Leben langsamen Dahinzuvegetierens.
Hierzulande hat jeder hat die Chance, durchzukommen und irgendwann gesund entlassen zu werden. Aus Respekt vor all den anderen, die diese Chance nie bekommen, sollte man also durchhalten, egal wie übel es gerade ist, egal wie schlimm es sich anfühlt und egal, wie schmerzhaft oder widerlich die Behandlung ist. Und das hält mich oben.
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