Das Problem mit der heutigen Jugend ist, dass man selbst nicht mehr dazugehört.”
Salvador Dali
Das neue Jahrzehnt neigt sich dem Ende, das neue Jahrtausend hat gerade erst begonnen und man trifft sich zum achten Jahrestag des Abiturs. Obwohl man sich nicht mehr kennt, umarmt man sich und redet, obwohl man sich nichts mehr zu sagen hat. Man trinkt, weil das die anderen Mängel kaschiert. Zahllose halbe Liter später, denn Geld spielt nur noch selten eine Rolle, ist es spät und nur der harte Kern der harten Trinker ist noch da, die, denen man es ansieht. Die, die auch früher schon immer bis zum Schluss blieben, nur war der Schluss damals gegen 8 Uhr in der Frühe, heute findet er um 1 Uhr Nachts statt. Das können wir nicht auf uns sitzen lassen, wir müssen weitermachen.
Zu fünft unterwegs in der alten Heimat Bonn. Neue Lokale, neue Fußgängerzonen, überall neue Studenten und keine alten Gesichter. Wohin bloß? Die lange Fortgebliebenen steuern in Richtung In-Clubs an der Oper und wählen prompt den falschen, den mit dem roten Teppichkram, die Dreiraumwohnung. Es ist schummrig und dem Türsteher ist es egal, ob wir betrunken sind, solange wir fünf Euro abgeben. Innen ist es ausnahmsweise mal voll. Treppe runterwanken, Bier kaufen, umsehen. Die Musik ist schrecklich: Eine Art Reggae im Gentleman-Stil, aber ein fürchterlich taktloser DJ dreht ständig die Musik runter, raggabemufft ein seltsam verirrt wirkendes Publikum aus Friseur-Azubinen und Nachwuchs-Drogendealern, erzählt von “WAJAINAS” und “MOSSAFUKKAS”. Es ist nicht auszuhalten.
Flucht aufs Klo, wo sich gerade ein paar Jungs, vor wenigen Minuten dem Laufstall entstiegen, die Nase pudern. Sie schauen, packen weg, flüchten. Denken wohl, der besoffenen Opa wäre Zivilpolizist. Wenn die wüssten, es ist noch viel schlimmer. Frustriert schlage ich die paar Tropfen ab, die meine malträtierte Altmänner-Prostata zulässt und kehre zur Raggabemuffung zurück. Inzwischen erzählt der irgendwas anderes, diesmal sind es “PIMPAAAS” und “PLAAJAAAAS”, die Geschichte ist sicher spannend, ich verstehe sie nur nicht. Dann hält er die Fresse, dreht die Musik so laut, dass die Lampen dröhnen. Das Publikum nickt wie in kollektivem Rinderwahn mit dem Kopf. Während ich mich noch, von der Geräuschskulisse betäubt und nach Orientierung suchend, an der Wand entlangtaste, falle ich durch eine gepolsterte Tür in einen Raum, in dem ebenfalls laute, aber wenigstens als solche identifizierbare Musik läuft. Eine Ruhezone, wie einen Stadtpark oder eine Gummizelle, wobei der Vergleich wohl eher trifft.
Hier stehen nicht nur die anderen vier Opas, sondern auch ein einsamer DJ mit Flaum hinter den Ohren, der den Halbliter Reissdorf-Kölsch für drei Euro verkauft. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen Reissdorf eine absolute Oberstufen-Billigplörre war, aber die sind wohl auch vorbei, deshalb kaufe ich eins, man muss ja mit der Zeit gehen. Sonst ist niemand hier. Hin und wieder kommen seltsame Gestalten rein, verziehen das Gesicht, verschwinden wieder, während der DJ, extra für uns, die besseren Partyhits der 90er auflegt.
Wir Opas versuchen zu tanzen, was eine Gruppe Mädchen verscheucht, die scheu einen Blick in die Club-eigene Geriatrie geworfen haben. “Wo sind die Frauen?” fragt mich der Kollege. Ich weiß es auch nicht, hier jedenfalls sind keine, hier sind Mädchen mit zu kurzen Röcken und Lebensläufen. Wir setzen uns betrübt in eine Ecke und schämen uns unserer selbst. Wir denken das gleiche, sprechen es aber nicht aus. “Ist doch ganz nett hier.” Schweigen. “Aber auch komisch.” Kopfnicken. “Und jetzt?” Tja… Wir senken die Häupter und hoffen, dass unser Bier schneller schal wird als wir. Wird es nicht.
Als wir wieder aufsehen, treffen sich unsere Blicke. Die Wahrheit durchschlägt alle gleichzeitig wie eine starke elektrische Entladung. “Wir sind zu alt für den Schuppen.” Die Erkenntnis trifft mich bereits das zweite Mal binnen 14 Tagen. Auf dem Weg nach draußen schauen wir uns auch nicht um, als der DJ von Geschlechtsorganen und “LAAAAIDIIIIROKKAS” erzählt.
Ein dickes Mädchen baggert und bekommt für ihren Vaterkomplex mein halbes Reissdorf geschenkt. Ich gehe, dankbar für die Anerkennung. Es ist gerade halb drei, die Kollegen sind weg und den Nachtbus habe ich dann auch verpasst.

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