[Aktueller Song: "Mundian to Bach Ke (Radio Mix)" von Panjabi MC]
Ankommen in Indien. Kaum hat der kühlhausklimatisierte Flughafen Mumbai den Gast nach unmenschlichem Visa-Terror braununiformierter Bürokratielumpen ins nachtschwüle, nach Dieselsmog und Gewürzen stinkende Land gelassen, stürzen sich schon die Schmarotzer auf den hellhäutigen Gast. Einer bietet sich als Führer an, ein anderer erhebt Gebühren für nichts, während ein Dritter dienstbeflissen versucht, dem Indienbesucher den Koffer zu entreissen. Willkommen in Asien – wo ist eigentlich der Fahrer?
Ein kleiner Mann, altersmässig kaum einzuordnen, eilt herbei, verjagt die Bittsteller, Bettler und Abzocker mit einer Geste, mit der er auch Schmeißfliegen verscheuchen würde. Er fragt nach dem Namen, dann sagt er nichts mehr, sondern führt mich zum Auto. Der Wagen ist irgendein indisches Fabrikat, alt, klapprig, viel zu klein, viel zu schnell. Wir rasen durch die finsteren Vororte und Kreisverkehre Mumbais, Affen, Ziegen, Hunde springen auf Seite und überall liegen Müllhaufen.
Erst auf den zweiten Blick wird mir klar: Die Müllhaufen sind Menschen, die verlumpt und massenweise auf den Straßen schlafen. Ein streunender Hund uriniert elegant auf einen der Schläfer und wird von dem jetzt aufgewachten, urinnassen und wütend brüllenden Mann verjagt. Ein Badelatschen fliegt, die tragen sie hier ja alle, aber der Hund ist schneller.
Stattdessen trifft der Schlappen einen anderen Schläfer, der sich sofort erhebt und wild schimpfend auf den Werfer zurennt. Ein Streit entbrennt, geplapperte Hindu-Singsang-Worte fliegen, dann Fäuste. Andere wachen auf, stoßen dazu, es wird brenzlig. Ein Schild wirbt flackernd für Nestlé-Milchprodukte und bescheint die eskalierende Massenkeilerei.
Mein Fahrer gibt Gas.
“Dat’s India”, grinst er durch seinen Schnurrbart und überfährt die fünfte rote Ampel heute Nacht.
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