Auf einer Abitur-Party

Wer sich mal richtig alt fühlen möchte, dem sei kurz vor Abschluss seines Studiums ein Besuch auf einer Abitur-Party ans Herz gelegt.
Durch eine glückliche Fügung des Schicksals durfte ich, bald 27-jährig, den Riten der siebten Abiturienten-Generation nach mir beiwohnen. Das war alles, nur nicht schön.
Wer wissen möchte, was ich dabei gelernt habe, möge doch bitte weiterlesen.

Das große Problem ist, dass Abi-Parties voller Menschen sind, für die alles neu, toll und geil ist. Menschen, die sich bald nicht mehr sehen werden, was aber nicht schade ist, weil sie sich eh nichts zu sagen haben. Trotzdem sagen sie sich ständig etwas, nämlich, was sie alles Tolles nach dem Abi machen werden.

“Ausbildung, dann Studium” – ein Klassiker. Oder auch: “Eine Weltreise, danach Studium” – ebenfalls beliebt. Oder: “Ich gehe erstmal zum Bund, dann schau’ ich weiter.” Na doll. Ganz neu in meiner persönlichen “größter Schrottplan für nach dem Abi”-Liste: “Habe der Titanic ein paar Zeichnungen geschickt, vielleicht mache ich da Karriere…” Hört hört, Karriere bei der Titanic – warum nicht gleich bei der Schülerzeitung? Die hat eine ähnlich hochwertige humoristische und politisch qualifizierte Meinung und nimmt auch jeden Deppen, der “mal was gezeichnet” hat. Denn mal im Ernst: Sind wir nicht alle ein bisschen… links?

Ein weiser Mann hat mal gesagt: Wer in seiner Jugend kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer später noch Kommunist ist, hat kein Hirn. Insofern kann ich der Jugend diese Geisteshaltung noch einmal verzeihen. Aber zurück zum Text:

Nicht, dass ich es den Leuten nicht gönnen würde, das zu tun, was sie tun wollen. Aber die wenigsten der bisher von mir gefragten Post-Abiturienten haben im weiteren Leben das hinbekommen, wovon sie noch zu Abi-Zeiten geschwärmt haben. Und die Wenigen, die es tatsächlich geschafft haben, sind so unzufrieden mit ihrem Job, dass sie sich am liebsten Erhängen würden. Gesagt wird das auf dem Stufentreffen ein paar Jahre später natürlich nicht. Aber es hängt wie schwerer Zigarettenqualm im Raum und alle wissen: Die einzigen, die glücklich sind, sind die, die Lehrer geworden sind. Nur das will natürlich keiner zugeben, am wenigsten die Lehrer.

Apropos Lehrer: Keine Abi-Party im Schulgebäude ohne Aufsichtspersonal in Form von ein, zwei Lehrern. Bis zum Schluss bleiben genau zwei männliche Mittdreissiger, beide mit sehr schütterem Haar, die sich noch nicht so recht entscheiden möchten, ob sie lieber streng oder kumpelhaft mit den Schülern umgehen sollen. Mein inzwischen geläuterter Blick auf die Lehrerschaft und die Tatsache, dass bereits einige Jahrgangs-Genossen als Lehrer tätig sind, lässt mich diese Typen nur bemitleiden. Früher noch, als ich ein Unterstufen-Schüler war, von uns als Abi-Jahrgang 1990 oder 1991 gehasst oder bewundert, musste ich feststellen, dass diese Typen bestenfalls so weit von mir entfernt waren wie die Abiturienten, nur eben in die andere Richtung. Es bedarf also rund 14 Jahre gesellschaftlichen Misserfolgs und eines Magister-Studiums, um aus jungen, motivierten Abiturienten das zu machen, was sie am meisten hassen: Unentschlossene, linkische Lehrer. Das ist nur ein Jahr mehr, um aus niedlichen, schüchternen i-Dötzchen penetrant versoffene, immercoole Abiturienten zu machen.

Das mag frustrieren, kann jedoch auch eine Motivationsspritze auf der Leiter zum Erfolg sein. Ganz nach dem Motto: Egal, wie versoffen und arbeitslos Du irgendwann in der Gosse endest, wenigstens bist Du kein Lehrer geworden! Da erscheint das Leben plötzlich wie ein Sommertag am Strand.

Und dann diese Musik. In drei Stunden läuft insgesamt dreimal das gleiche Lied von Special D, Maroon 5, Nirvana. Zwischendurch, natürlich, die obligatorische Walking-on-Bacardi-Feeling-Sunshine-wannna-have-fun-Scheiße. Dazu auffallend schlecht tanzende Abiturientinnen, die ihre “Spaß-haben”-Attitüde mit ein wenig zu viel Schminke und guter Laune der Lächerlichkeit preisgeben.

Die Party gibt Einblicke. Auch ich habe mich auf dieser Schule einst herumgequält: 1997 bis 2000, Kooperationskurs Englisch-LK, Frau E-Punkt, an die ich mich gerne jedes Jahr zu Halloween mit einem Frösteln erinnere. Wohl deshalb suche ich die Wände nach Relikten der vergangenen Abiturjahrgänge, möglicherweise sogar meines Jahrgangs ab und finde “Abibo 2003″ und “Psychoterabi 2002″ sowie einige nicht minder unwitzige Mottos aus den Jahren 1993 bis 1997. Von den Jahrgängen 1998 bis 2001 keine Spur.

Über Umwege muss ich dann auch erfahren, dass die Spuren meines Jahrgangs in meiner benachbarten Heim-Schule im Rahmen der allgemeinen Schul-Sanierung im Jahr 2004 und 2005 (ASBEST!!!) dem Pinsel zum Opfer gefallen sind. So ist das Leben: Selbst die tiefsten Narben am Schulgebäude, egal ob Tisch-Zeichnungen in Raum 60 oder die Abitur-Andenken auf Stahlbeton, sind nach einigen Jahren verschwunden. Was bleibt, sind die reichlich hinterlassenen Narben in einsamen Lehrer-Seelen. Doch auch die werden schon bald vom Alzheimer verwischt.

Um ein Uhr ist Zapfenstreich. Ein Gästebuch liegt aus, in dem sich die Ex-Schüler “verewigen” können. Das wird “vervielfältigt” – für die Abi-Zeitung. Und landet, wie alle Dokumente dieser Art, irgendwann einmal in der Altpapier-Tonne. Genau, wie die erst kürzlich mit Stolz getragenen Abitur-T-Shirts schon bald ihren Weg in die Altkleidersammlung finden werden.

Natürlich geht kein Abiturient pünktlich zum Schluss. Man ist schließlich erwachsen. Stattdessen wird mit den hoffnungslos überlasteten Türstehern diskutiert, warum es nicht noch länger geht. Dann wird noch ein wenig gegrölt, wie toll man saufen kann und wenn die Halle endlich leer ist, lungern betrunkene Grüppchen vor der Tür herum, die nicht gehen wollen. Die ihrerseits diskutieren mit den anwesenden Lehrkörpern oder biedern sich gar an. Und dann hört man sie plötzlich, all die Abitur-Witzigkeiten, die man auch schon vor zwei, vier, sechs, zehn, zwanzig Jahren gehört hat. Es hat sich nichts geändert.

Ich gehe nach Hause mit dem schalen Nachgeschmack billigen Biers auf der Zunge. In meinem Kopf kreist die Frage, ob wir damals auch so waren. Ich erinnere mich an wilde Parties, an Sex, Drugs & Rock’n Roll und beschließe: Verglichen mit uns ist die Jugend von heute ein Haufen Versager! Wir waren mindestens hundertmal cooler!

Als ich dann zuhause noch einmal die Bilder meiner Abifahrt betrachte, lerne ich, dass die Erinnerung trügen kann. Ich schlafe weinend ein.

Verwandte Einträge:

, , , , , , , , , , , ,

No Comments on "Auf einer Abitur-Party"

Hi Stranger, leave a comment:

ALLOWED XHTML TAGS:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

 

Subscribe to Comments

Additional comments powered by BackType

Creative Commons Attribution-NoDerivs 3.0 Deutschland
This work by xTown.net is licensed under a Creative Commons Attribution-NoDerivs 3.0 Deutschland.