AW: Der schlimmste Job, den ich je hatte

Irgendeine Maschine

Irgendeine Maschine

[Aktueller Song: "Pinball Wizard" von The Who]

Johnny Haeusler schreibt in einem überaus lesenswerten Artikel auf Spreeblick.com über den schlimmsten Job, den er je hatte: Zeitungsausträger. Da mache ich doch glatt mit und lege gnadenlos noch einen drauf!
Der schlimmste Job meines Lebens – und ich hatte bisher eigentlich meistens Glück – war definitv mein Job als – ja, als was eigentlich? Jedenfalls in einer Fabrik im Sauerland. Oh my fucking God…

“Ich war jung und brauchte das Geld”. Viele gute oder weniger gute Geschichten fangen so an, aber eigentlich stimmte das nicht ganz: Klar war ich jung, gerade 19, aber das Geld brauchte ich eigentlich nicht. Vielmehr war ich bereits damals ein Großmeister im Geldrausschmeißens, von dem ich dank Elternflatrate und Oma-Sparbuch ja auch ausreichend hatte. Die Schulnoten allerdings die sahen überhaupt nicht gut aus.

Wohl deshalb war dieses Lotterleben nicht gern von meinen Eltern gesehen und ehe ich mich versah, hatte meine Mutter mich bei einem Kumpel von mir eingebucht, der regelmässig im Sommer im traurigen Plettenberg, ortskernverschandeltes Epizentrum der metallverarbeitenden Industrie des Sauerlandes, anschaffen ging. Unter der mütterlichen Prämisse “wenn Du das nicht machst, gibt’s nichts mehr von uns! Lern mal das Arbeitsleben kennen!” unterschrieb ich also völlig freiwillig den Aushilfskraft-Vertrag der Plettenberger irgendwelche-Autoteile-aus-Metall-Herstellfirma. 1500 Mark sollte es für zwei Wochen geben, immerhin.

Wenige Tage später sattelten mein Kumpel und ich meinen altersschwachen 1200er-Käfer und rollten Eine-Mark-50-Sprit-sparend mit Tempo 90 auf der unsäglich ätzenden A4 gen Sauerland. Der jahrzehntealte Boxer mit Vierganggetriebe rasselte asthmatisch an den Steilhängen des regnerischen Sauerlandes und schon bald waren wir am Ziel angekommen. Es war Mitte Juni 1999 und auf den Plettenberg umgebenden Bergkuppen lag – und ich lüge nicht! – Schnee.

Unterkunft gab es kostenlos bei der Oma meines Kumpels. Diese war nicht nur ein bisschen wirr im Kopf, sondern auch eine ausgesprochene sauerländische Frohnatur, deren Wortschatz sich auf “Ja”, “Nein” und “Woll” beschränkte, wenn sie nicht gerade meinen Kumpel wortreich nörgelnd zurechtwies. Hier durften wir im Keller hausen, dem wohl kältesten und unwohnlichsten Ort des ohnehin schon kalten und unwohnlichen Plettenbergs, den wohl seit Jahrzehnten kein Mensch mehr betreten hatte.

Am Abend vor dem ersten Arbeitstag rauchte ich viele Belga-Zigaretten, die waren damals billig in Belgien und zählte Spinnen in meinem Kellerverlies. Draußen zersetzte saurer Regen die Reste meines Käfers und ich war totunglücklich. Wenigstens, so überlegte ich mit meinem Kumpel bei einer Flasche Bier zuviel, würden wir einfach bei der Arbeit sitzen und bei der zu erwartend dämlichen Tätigkeit fröhlich Unsinn quatschen.

In aller Herrgottsfrühe ging es dann leicht verkatert los. Erster Tag, aufstehen um 4:30 Uhr, Frühschicht um 6. Auf den Straßen – erwähnte ich, dass es Mitte Juni war? – lag Rauhreif und es war glatt. Schon in wenigen Minuten sollte ich die wohl dümmsten Menschen kennenlernen, die ich jemals getroffen habe. Oma Fürchterlich schlief meist noch, hatte aber am Vorabend ein paar Scheiben schimmligen Brots – Sauerländer werfen ja selten was weg – ranziger Butter und welliger Wurst rausgestellt, die wir natürlich stehen ließen.

Sauerländer, das weiß man ja, haben eine ganz eigene Art zu sprechen. Wenn sie denn sprechen, denn viel sprechen sie nicht. So empfing uns am Werkstor der grantig dreinschauende Vorarbeiter und teilte uns direkt zwei Gestalten zu, die als “wortkarg” zu bezeichnen wohl euphemistisch gewesen wäre. Meiner war ziemlich alt und hatte einen zahnlosen Unterkiefer wie die Comic-Parodie eines alten Mannes. Wie ich erfuhr, hieß er Walter und war dann doch erst 43. Er setzte mich an eine riesige Maschine und erklärte mir in winzigen Einzelschritten das Funktionsprinzip:

Stahlplatte aus einer Kiste nehmen und reinlegen, beide Knöpfe drücken und gedrückt halten, bis die Presse die Stahlplatte gebogen hatte und wieder hochgefahren war, Stahlplatte rausholen und in eine Kiste schmeißen. Auf den Zähler drücken. Ab und zu Öl aus dem Fässchen links von mir draufpinseln. Vorgang wiederholen, bis die leere Kiste voll und die volle Kiste leer war. Er wiederholte seine Instruktionen mehrfach, obwohl ich den Prozess bereits nach dem ersten Mal begriffen hatte. “Wau, Du bis’ kluch”, sagte er noch, “ich hab dafür zwei Wochen jebraucht, woll?” Dann entschwand er und ließ mich mit der Höllenmaschine alleine.

Die Höllenmaschine war nach allen Regeln der Arbeitssicherheit konstruiert, wie man sie sonst wohl nur in Behindertenwerkstätten finden dürfte. Ich durfte nur mit Handschuhen daran arbeiten. Wenn ich nicht beide Hände an den Knöpfen hatte, ging nichts. Wenn ich die Knöpfe zwischendrin losließ, fuhr die Maschine wieder hoch. Obendrein war das Ding elend langsam, der ganze Vorgang dauerte rund 40 Sekunden, denn die Presse baute einen enormen Druck auf. Das war noch viel langweiliger, als es sich jetzt anhört. Ständig fielen mir die Augen zu. Meinem Kumpel ging es nicht besser: Er war im Qualitätsmanagement gelandet, weil sie ihn in dem Laden ja schon kannten. Dort durfte er Millionen von bereits gepressten Stahlplatten mit einer Schieblehre einzeln auf ihre Korrektheit prüfen.

Geschätzte 1.000 Stahlplatten später war dann Schichtende. Ich war zu langsam. Ölverschmiert von Kopf bis Fuß. Ich bekam vom Vorarbeiter, der laufend hinter mir lauerte, meinen ersten Anschiss und als wir gegen 15 Uhr nach Hause kamen, nörgelte Oma Fürchterlich wegen der ungegessenen Frühstückswurst. Draußen schneeregnete es – erwähnte ich eigentlich, dass es Mitte Juni war? – und so war auch nicht viel mit Freizeitgestaltung, außer vielleicht Skat spielen, Rauchen und Saufen.

Auch an Tag zwei und drei saß ich acht Stunden an dieser Höllenmaschine. Ich merkte, wie mein Gehirn sich ob der monotonen Tätigkeit langsam in Matsch verwandelte. Der Vorarbeiter trommelte wie ein Sklaventreiber zum Akkord, doch was ich auch tat, alles hing an der mistigen Maschine, die einfach nicht schneller machte. Was das eigentlich für Platten wären, fragte ich den Vorarbeiter. “Motorteile für den Focht Fiiiista, woll?” Da ich viel, sehr viel Ausschuss produzierte, entschloss ich mich, niemals einen Focht Fiiiista Baujahr 1999 zu kaufen, dummerweise sollte ich mich acht Jahre später nicht mehr dran erinnern.

Mein Kumpel war indes versetzt worden und durfte jetzt eine Knopfstanze bedienen, das war eine fürchterlich laute Maschine, die aus Stahlbändern Knöpfe stanzte. Seine einzige Tätigkeit dabei war es, den Fuß auf einem Pedal zu halten und alle drei Stunden das Metallband zu wechseln. Ich wusste nicht wirklich, wer von uns es besser hatte und beschloss, noch langsamer zu arbeiten, damit ich vielleicht auch versetzt würde. Dann schlief ich mehr aus Versehen an der Maschine ein und wurde prompt mit einem zärtlichen “WAT GLAUBST DU OIGENTLICH, WAT DU DA MACHST?” direkt neben meinem Ohr wachgebrüllt. “Schlafen”, antwortete ich noch schlaftrunken. “DANN FECHST DU JETZT DIE NOIE HALLE, WOLL?!” Sein Befehl war mir Wunsch.

Der Vorarbeiter glaubte in seiner naiven Art doch tatsächlich, dass das Hallefegen eine Strafe sei. Dabei war die Verbesserung massiv. Fegen, das hieß: Bewegung, freie Zeiteinteilung, Ruhe vor dem Vorarbeiter, flexible Frühstückspause mit den Kollegen, die zusammen ungefähr den IQ eines Schimpansen zusammenbrachten. Mein vom Knopfstanzenbedienen ganz rammdösig gewordener Kumpel war abends grün vor Neid. Und so ging ich, anders als er, am nächsten Morgen frohgemut zur Arbeit.

Ich fegte und fegte, langsamer und langsamer, doch dummerweise ist auch die größte Halle irgendwann blitzblank. Ich schlich also ängstlich zum Vorarbeiter und fragte nach neuen Aufträgen. “Dann putzte jetz die Fenster, woll?” Wieder so eine Strafe, die keine war. Ich flitzte in den Werkraum, um Material zu holen und kam an meiner Höllenmaschine vorbei. Dort produzierte eine Frau fröhlich pfeifend ein Focht Fiiiista-Teil nach dem nächsten, viel schneller, als ich das hinbekommen hatte. Ich blieb kurz staunend stehen. “Wat guckste? Is meine Lieblingsmaschine, woll?” Ich war entsetzt und schämte mich irgendwie auch ein bisschen.

Bewaffnet mit Leiter, Abzieher, Lappen und Scheibenklar konnte ich mich auf diese Weise einen weiteren Tag körperlich betätigen, vor Maschinensitzen drücken und in mich reingrinsen. Ich winkte meinem Kumpel, der inzwischen wieder Stahlplatten auf ihre Korrektheit prüfen durfte, sein Gehirn lief ihm langsam aus den Ohren raus. Ich hingegen pfiff ein Lied und trödelte, wie ich nie zuvor oder danach jemals wieder getrödelt habe, hing doch die Höllenmaschine wie ein Damoklesschwert über mir.

Die erste Woche war vorüber. Wir fuhren nach Hause, nicht ohne uns ganz bourgeois über diese Firma und ihre Mitarbeiter lustig zu machen. Die Rückfahrt war lustig, im Kassettenradio liefen Oldies und mit jedem Kilometer, den wir uns Bonn näherten, wurde es wärmer und sonniger. Auf der Autobahn fuhren wir gut gelaunt Rennen mit anderen Käfern, Seat Marbellas und anderen fahrenden Pappkartons mit Faltdach, die damals ja noch zahlreich und meist mit hübschen Mädchen gefüllt die Straßen bevölkerten. Nach der obligatorischen Ehrenrunde durch Köln, weil wir uns da nicht auskannten und abkürzen wollten, waren wir endlich zuhause. Und völlig fertig.

Am nächsten Sonntagabend ging es zurück in die sibirische Berghölle Plettenberg, es war genau wie eine Woche zuvor. Oma Fürchterlich nörgelte, ich rauchte und zähle Spinnen und fühlte mich Elend, denn ich wusste: Die Halle war gefegt, die Fenster geputzt, die kommende Woche würde dem mich inzwischen wirklich hassenden Vorarbeiter ausreichend Möglichkeiten geben, mich an eine der zahlreich vorhandenen Gehirnfriteusen zu setzen. Doch es kam viel, viel schlimmer. Ich wurde Willi zugeteilt.

Willi, das war ein gedrungener Ursauerländer mit Träumen. Er war noch recht jung, sah aber wie alle in der Bude wesentlich älter aus. Bei Willi lernte ich, wie man riesige Stahlplatten zertrennt, nämlich, wer hätte das gedacht, mit einer riesigen Schere. Und weil das so laut war, trug Willi immer Ohrenschützer, aber nur auf einem Ohr, denn mit dem anderen wollte er ja hören, was ich sagte, wenn er eine seiner Geschichten erzählt hatte. Willi war, sauerlanduntypisch, eine echte Quasselstrippe. Seine Lebenswelt beschränkte sich auf Plettenberg, Dortmund, den BVB und die Bahnstrecke dazwischen, weiter war er nie gekommen.

Dafür konnte er wirklich bildlich von den Unfällen erzählen, die schon in seiner Gegenwart passiert waren. “Einmal hat’s einem den Arm abjerissen, woll?” “Schön.” “Und wennde bei der Knopfmaschine nich aufpasst, woll, dann reisstse Dich rein, woll.” Ich fragte mich kurz, wie dumm man eigentlich sein musste, um sich beim Drücken des zwei Meter entfernten Fußpedals gleichzeitig in der Knopfmaschine zu verfangen. Dann fiel mein Blick auf Willi, der sich wild und wirr irgendwelche sinnfreien fluglotsenhaften Gesten zurechtfuchtelte, um mir irgendwas zu verklickern, was ich nicht verstand, und ich wusste: Den Gehirnakrobaten in dieser bezahlten Bethel-Außenstelle war alles zuzutrauen.

“Wat machste denn so?” “Abi.” “Und wat machste danach?” Eine wirklich gute Frage, über die ich selbst noch nie nachgedacht hatte. “Vielleicht Polizei?” “Dat würd’ ich nich machen, woll, dat is mir zu jefährlich, woll.” Die Maschinen, von deren menschenfressenden Eskapaden er eben noch erzählt hatte, waren ihm offensichtlich noch nicht gefährlich genug.

Am nächsten Tag standen Willi und ich an einem großen, mit Kieseln gefüllten, rotierenden und nach Chemie stinkenden Kochtopf, der Grate und Kanten von Metallteilen abschliff. Die Arbeit war leicht, alle paar Minuten schütteten wir Metallteile rein und fischten andere heraus und Willi plauderte fröhlich von seiner Karriereplanung. Er hatte die Schule früh geschmissen (“Sobald et ging, woll?”), hatte sich früh in der Industrie beworben und jetzt, jetzt war er Großverdiener: “Dat mit die Bildung, woll, dat wird ja imma übaschätzt, woll? Ich hab dann lieber direkt die dicke Kohle jemacht, woll? Un jetzt bin ich hier, aba dat mach ich auch nich ewig, woll?” Willi träumte von einem Leben danach, einem Leben ohne Arbeit, auf das er sparte. Das ihm Bundeskanzler Gerhard Schröder schon wenig später bescheren sollte, zur Stammwählerschaftsicherung. Geholfen hat es weder Willi, noch Gerhard und beide tun mir in der Rückschau auch ein wenig leid.

So wusch ich also Graten ab und durfte zwischendurch mal wieder die Halle fegen, als ein Ingenieur mich bat, ein Kabel an einem Industrieroboter zu halten. Der Kerl sah aus wie Majestix und war sofort von meinem Potential überzeugt, weil ich das so gut machte. Kurzum buchte er mich für den Rest der Woche als Lakaien beim Vorarbeiter. Ab sofort durfte ich Werkzeuge halten und Kabel stecken, mein Kumpel hingegen saß inzwischen an meiner Höllenpresse, machte Focht Fiiiista-Teile und hatte sich im geistigen Leerlauf autodidaktisch Schimpfworte in 150 Sprachen beigebracht, die er laufend mit etwas entrücktem Blick lautstark rezitierte. Er sollte noch weitere zwei Wochen hier verbringen, ich hingegen war fertig, erhielt meine randvolle Lohntüte und schwor mir, mich nie wieder als klassischer Proletarier zu betätigen.

Es war vielleicht die harte Tour, doch ich habe seitdem riesigen Respekt vor Menschen, die so etwas ihr ganzes Leben machen können. Es ist ein besonderer Schlag Mensch, einfach in Kopf und Anspruch, doch zäher als die meisten, die sich für etwas Besseres halten. Meine Schulnoten wurden trotzdem besser und ich schaffte es letztlich sogar, ein Studium zu Ende zu bringen. Die Aussicht auf auf Fabrikarbeit war die perfekte Motivation. Danke für den Arschtritt, Mama!

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4 Comments on "AW: Der schlimmste Job, den ich je hatte"

  1. Vergelt-o-mat
    26/02/2009 at 18:39 Permalink

    Der beste Artikel, den ich hier je gelesen habe! Selton so gelacht, woll?

  2. Jonas
    26/02/2009 at 19:23 Permalink

    Ja, da kann man nur zustimmen… Ein grandioser Artikel!

  3. SBS
    09/03/2009 at 16:12 Permalink

    Ich kenn dich nicht, nur deinen Kumpel. Und jetzt wird mir so viel klar.

Trackbacks

  1. [...] via xtown & via spreeblick will ich hier einen zum Besten halten, kann mich aber nicht so recht [...]

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