Beim blauen Elektronikfachgeschäft

Carohemd-Gollums und ihr Elektroschrott (Bild: Bildungsserver.de)

Carohemd-Gollums und ihr Elektroschrott (Bild: Bildungsserver.de)

[Aktueller Song: "Look" von Solillaquists of Sound]

Es riecht nach Nerd in diesem Laden. Nach ungewaschenem Keller-Bastelnerd. 99 Prozent der Kunden sind Männer, die Sorte, die grobgemusterte Karohemden trägt und Feuerwehrpieper am Gürtel. Aber auch die, die das nicht haben, die man ständig umrennt, weil sie so unsichtbar, fast durchsichtig sind hinter ihren 16 Dioptrin-Brillengläsern, sind hier, oder auch nicht?
Alles, was ich kaufen will, ist eine DVB-T-Antenne, unter anderen Umständen betrete ich diesen Laden auch nicht…

Linker Hand haben schnauzbärtige Oldschool-Elektro-Basteldeppen ihre Freude an Modelleisenbahnen, ferngesteuerten Autos und Plastikrobotern, rechter Hand kriechen ein paar picklige Junggesellen Mitte 30 wie bucklige Schnecken durch die Casemodding-Abteilung. Ein kleiner Junge – natürlich – mit Zahnspange versucht, seinen Vater von den Vorzügen einer ATI GTX 6000 XL Deluxe Turbo 3D Cinetic Fun oder ähnlich benannter Spielkinder-Grafikkarte für mehrere tausend Euro zu überzeugen, währen dort, weiter hinten, eine einsame, mittelmässig attraktive Frau eine Speicherkarte kaufen möchte. Drei der blassnasigen Verkäufer belungern sie wie Hyänen frisches Aas. Hin und wieder schnarrt das Geräusch von durch die Lefzen hochgezogenem Speichel. Der Gestank nimmt zu, ich passiere Platinen und Lötkolben. Ein Mann mit Kinderschänder-Bart, Typ Horst Schlämmer, beharkt gerade eine Verkäuferin über die Vorzüge dieses und jenes Lötzinns und schnell ist klar: Hier ist ist zumindest eine, wenn nicht sogar die Quelle des Verwesungsgestanks.

Ich streife weiter durch die Gänge, vorbei an Hi-Fi-Decks und Fernsehern mit Autokino-Diagonale und finde meine Antenne. Oder finde sie nicht, zu viel Auswahl und das Gerät was ich suche… da, ein glatziger, triefäugiger und offensichtlich angestellter Wasserkopf: “Entschuldigung, wo sind denn die Antennen?” – “Hinter Ihnen.” Peinlich, aber hier, in Gollums Höhle, kennen sich eben nur Gollums aus, meine Welt jedenfalls ist das nicht, schon das blassblaue Neonlicht irritiert mich, ich flattere nervös umher wie eine Sommermotte um die Stehlampe, vorbei an Schraubenziehersets für noch die perverste Bastlerhürde, vorbei an Stromprüfern und bunt blinkendem USB-LED-Unsinn, alles hässlicher, billiger Schrott, den ich nichtmal kaufen würde, wenn mir jemand eine Kanone vor die Nase hält. Elektrotand, hätte es zu Kolumbus’ Zeiten schon USB-Geräte gegeben, sie hätten die Indianer statt mit Glasperlen damit beschissen.

In meiner Verwirrung renne ich laufend gegen irgendwelche Kreaturen, die es ganz genau wissen wollen und jedes Produkt, jede Variation auf Unterschiede prüfen. Viele haben Testberichte aus dem Internet dabei, ausgedruckt auf Din-A4. Manche sogar Excel-Tabellen mit Plus- und Minuszeichen, gemeinsam gehen sie den Verkäufern auf den Keks, die trotz aller erbsenzählerisch-kleingeistiger BILD-Leser-Bastelfreude-Anfragen immer freundlich bleiben. Da fragt doch echt einer, ob der USB-Hub für drei Euro oder der für vier besser wäre! Hier hängt die IT-Abteilung also in ihrer Freizeit ab, irgendwie war das ja klar.

An der Kasse, wo bei anderen Läden die Süßigkeiten hängen, gibt es Kleinkram bis fünf Euro: LED-Schlüsselanhänger, Batterien, billige Stromprüfer, USB-Sticks und Speicherkarten, Elektrokrams als, die Süßigkeiten für den Nerd, der, wenn schon nicht jede Frau, doch wenigstens schon jeden Schokoriegel der Welt einmal gehabt hat. Besonders toll ist der singende USB-Weihnachtsmann, aber der gehört hier eigentlich nicht hin, der kostet fast 10 Euro.

In der Kassenschlange kann man sich bedenkenlos vordrängeln, wenn man wie ich Koteletten trägt, das erinnert an die Chefmobber in Schule, Uni, Kneipe, da werden sie ganz klein, die Jungs, selbst wenn sie größer sind als ich. Echsenhaftes Fauchen hier und da wird mit einem bösen “Ich hau’ Dich, ich versprech’s Dir”-Blick abgestellt. Am Ende zahle ich meine 8 Euro und hab’ endlich wieder was zum bloggen. Was für ein Spaß!

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4 Comments on "Beim blauen Elektronikfachgeschäft"

  1. wazi
    23/12/2009 at 14:54 Permalink

    So ähnlich gings mir heute auch… Aber kurz vor Weihnachten in solche Märkte zu gehen grenzt schon an Suizid!

  2. Sophie
    23/12/2009 at 15:10 Permalink

    Oh mann, ich muss heute noch zum “Musikhaus Tonger” in der Kölner City – da wird wohl wie immer absoluter Musiklehrer-in-Kordhosen-Auflauf sein…Einkaufen im Fachgeschäft ist doch irgendwie immer wie ein Kurztrip in eine fremde Welt.;)

  3. Andre
    24/12/2009 at 12:58 Permalink

    Conrad ist kein Fachgeschäft sondern der “Schlecker” unter den Pseudoelektronikläden.
    Aber ich gebe da gerne recht: Es sind alles Deppen, die woanders keine feste Anstellung in einem ordentlichen Beruf mehr bekommen konnten.

    Es gibt leider keine echten Elektronikläden mehr, wo man Schubfachweise Wiederstände, Transistoren und anderes Kleinviech kaufen kannn und sich mit echten Elektronikern in ausufernde Fachgespräche vertiefen kann. DAS war noch nerdig…

    Conrad ist so was wie die Eckkneipe aller verkommenen Subjekte und anonymen Nichstkönner. Sowie vor als auch hinter der Theke. Fachverkäufer wird, wer mehr als 2 Ausgaben von Computerbild gelesen hat und wer das heisse Ende vom Lötkolben kennt wird schnell zum Elektronikspezialisten ernannt.

    Ich erinnere mich noch an das abschreckende Beispiel als der Laden vor gut 15 Jahren am Rudolfplatz eröffnete als da zwei Verkäufer am Eingang standen und laut sagten “Denen muss man alle beim Reinkommen die Hände abhacken, die klauen eh alle wie die Raben…”

    Brrr …

  4. 3fler
    24/12/2009 at 23:43 Permalink

    Ich kenne Conrad (und seinen noch nerdigeren Wettbewerber “Radio Rim”) aus den 80er Jahren in München. Also bevor die Fillialisierung und “mit-China-Ramsch-Vollstopfung” vollzogen wurde. Damals gab es “gefühlt” Lötzinn in 20 verschiedenen Geschmacksrichtungen. Dioden, Widerstände etc. als Pfennigartikel, Weltempfänger (halblegal “nur für Export”) oder ausgemusterte Bundeswehr-Panzersteuerungen (oder sonstwas; jedenfalls viele Kabel dran und in olivgrün) vom Grabbeltisch. DAS war die Nerdhölle (bzw. der Nerdhimmel)! Heute ist Conrad nur noch eine Ramschbude mit überteuertem China-Schrott! Irgendwie schade!

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