Türken sind engagierte Händler.
Das ist kein blödes Klischee, vielmehr ist es bewundernswert.
Wenn unsere deutschen Landsleute so geschäftstüchtig und optimistisch wie unsere türkischstämmigen Mitbürger wären, hätte dieses Land diverse Probleme nicht, die es hat. Aber das ist eine andere Geschichte.
Versteckt hinter dem Sterntor, einem alten Stück Stadtmauer in der Bonner City, befinden sich zwei Dönerbuden. Die eine trägt den typischen Dönerbuden-Namen “orientalische Spezialitäten”. Hier gibt es Döner, Falafel, Lamacun, Orient-Pizza, Süßkram und Pizza, ähnlich der von Pizza-Hut. Diese Bude ist der Platzhirsch, sie ist seit über einem Jahrzehnt am Platz.
Fünf Meter weiter, getrennt durch einen Schmuckladen, befindet sich die zweite Dönerbude. An ihrem Eingang prangt ein verblichenes Werbeschild: “Döner is(s)t lecker”. Dieser Laden wurde vor einigen Jahren eröffnet. Und das Sortiment entspricht, wie sollte es anders sein, dem der “orientalische Spezialitäten”-Bude.
Wer sich nun ein wenig mit Dönerbuden-Kapitalismus auskennt weiß, dass die Budenbesitzer sich normalerweise kennen und deshalb versuchen, die Preise auf einem Niveau zu halten. Wie die Türken so sind, kann man sogar vermuten, dass Bude 1 Bude 2 finanziell unterstützt, wenn es mal nicht so gut läuft.
Nicht so die Dönerbuden hinter dem Sterntor. Die liefern sich seit Monaten einen Preiskampf, der sie beide an den Rand des Ruins treibt. Der Döner-Preis sank von 3,50 auf 2,50 respektive 2 Euro.
Am wichtigsten ist allerdings die Pizza.
Die kostet in Bude 2 nur noch 50 Cent pro Stück. Das ist billiger als Tiefkühlpizza von PLUS.
Ganz anders Bude 1: Hier kostet die Pizza einen Euro. Und wie sie so sind, die Regeln des Kapitalismus, ist die Pizza-Auslage der 1-Euro-Bude immer voll, wohingegen die Auslage der 50-Cent-Bude immer leer ist, abgesehen von Spinat-Pizza, aber die isst ja auch niemand.
Interessanterweise hat die teure Pizza-Bude den günstigeren Döner. Geschmacklich schenken sich beide Buden nichts.
Der aufmerksame Passant kann jetzt gleich mehrere Beobachtungen machen:
1. Es gibt Menschen, die den Döner bei der Döner-teuer-Bude kaufen und die Pizza bei der Pizza-teuer-Bude. Gruppen solcher Menschen teilen sich für diesen Qualitätseinkauf auch gerne auf, um das jeweilige Leibgericht in der passenden Teuer-Bude zu kaufen.
Meist handelt es sich um Student – man möchte halt zeigen, was man hat.
2. Die Pizza-teuer-Bude hat den wesentlich besseren Service: Jeder Kunde ist ein persönlicher Freund des Verkäufers. Das ist familiär, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. Hier ist der Kunde noch König!
Derweil werden Kunden in der Pizza-billig-Bude gerne mal unfreundlich angeranzt. Daher auch der niedrige Pizza-Preis.
3. Die 1-Euro-Pizza ist identisch mit der 50-Cent-Pizza. Der Grund:
Der 1-Euro-Pizza-Dönerbuden-Besitzer, nennen wir ihn der Einfachheit halber Ali, hat ein geniales Geschäftskonzept entdeckt: Er kauft die Pizza seines Konkurrenten auf. Das hat für ihn zwei Vorteile: 100 Prozent Gewinnspanne und das ausstechen der Konkurrenz mit einem wesentlich besserem Angebot.
Und es wäre ein Wunder, wenn nicht mindestens ein kleiner Teil dieser Gewinnspanne an die günstig-Bude zurückfließen würde, immerhin lockt das Schild “Pizza 50 Cent” ja Kunden an.
Die sind dann angefixt und finden, natürlich, keine Pizza zu 50 Cent. Hungrig auf Pizza wandern sie dann zum 1-Euro-Pizzastand.
Eigentlich ein geniales Geschäftskonzept. Und mit Sicherheit ein abgekartertes Spiel.

No Comments on "Bonn, Sterntor: Kapitalismus zum Anfassen (2005)"
Additional comments powered by BackType