Im Umgang mit der Popkultur gelten überall auf der Welt die gleichen Regeln: In ist, was den Massen gefällt.
Das bedeutet beim Besuch einer Disco, dass man hauptsächlich mit Charts-Lala terrorisiert wird. Und Charts-Lala bedeutet heutzutage vor allen Dingen Eminem, Ja-Rule und Beyoncé, also Black Music für Jungs mit weiten Hosen und Mädels mit riesigen Ohrringen.
Doch es gibt auch Läden, die sich diesem Trend widersetzen. Dazu gehört unter anderem das Carpe Noctem in Bonn.
Doch Vorsicht: Rock ist “in”, wie man an der neuen Popstars-Staffel leicht erkennen kann.
Rock me gently
Rockdisco – das bedeutet in Bonn vor allen Dingen Goth-Kinder, Studenten und Semi-Intellektuelles Volk. Punks und Abiturienten, dafür aber so gut wie keine asozialen Hip-Hop-Kiddies. Meistens jedenfalls.
Was aber nicht bedeutet, dass der Kiddie-Faktor ausgeschlossen ist, ein gefälschter Schülerausweis, ein angeklebter Bart, viele Taschentücher im BH oder viel zu viel schwarzer Lidschatten sind angebrachte Tarnvorrichtungen für Minderjährige, um sich an den lässigen Kontrollen der Türsteher vorbei zu schleichen.
Dunkel ist es im Carpe, denn der ganze Laden ist in schwarz gehalten. Ein paar ranzige Sofas und Kicker-Automaten helfen der oft Jugendheim-gewohnten Kundschaft, sich zu akklimatisieren.
Einlass für jeden
Doch fangen wir einfach mal am Eingang an. Bis auf das Schild, das auf den Laden hinweist, könnte man meinen, es handele sich beim Carpe um eine Abstellkammer des darüber liegenden Maredo-Lokals. Aber Fehlanzeige: Punkt 22 Uhr werden die Tore geöffnet, zwei Türsteher wachen über Erfolg und Misserfolg des Outfits.
Anders als in anderen Läden gilt: Jeder kommt rein, Turnschuhe, Gestank, bunte Haare oder Piercings sind eher ein Einlassgrund, als eine Lizenz zum Rausfliegen. Doch der fehlende Dresscode hat Sinn, sind doch die besten Kunden die mit dem bescheuertsten Outfit.
Auch ein Überdosis-mässig erhöhter Alkoholspiegel sind nicht unbedingt ein Disqualifikations-Kriterium. Das hat betriebswirtschaftlich Sinn, hauen doch gerade Betrunkene Unsummen raus, um noch betrunkener zu werden.
Gründe für den Rauswurf
Einmal drin, darf man allerdings nicht glauben, dass man sich benehmen kann wie Hund. Die Türsteher arbeiten zuverlässig, wie der Schreiber dieser Zeilen kürzlich volltrunken, aber erfreut am eigenen Leib feststellen durfte. Also niemals auf die Idee kommen, sich mit Kölsch-Gläsern zu bewerfen. Auch Schlägereien und Pöbeleien werden ungern geduldet und man sollte nicht zu groß sein, wenn man auf “Jump Around” tanzen will, sonst gibt’s ‘ne Abmahnung vom Türsteher.
Das Carpe ist das alternative Herz Bonns. Hier trifft man die Créme de la Créme der “irgendwie alternativen” Provinznest-Szene. Betrachtet man den Laden etwas genauer, erkennt man allerdings, dass sich auch “normale” Menschen dazwischen gemogelt haben, darunter meist verirrte Neu-Volkswirte und -Juristen sowie anderes Stylo-Gesindel.
Besonders oft trifft man allerdings einen anderen Typ Mensch an: Schülerinnen zwischen 14 und 20, die immer im Doppelpack anzutreffen sind. Sie kleben aneinander, fühlen sich super alternativ, eine blond, eine mit dunklen Haaren, trotzdem sehen beide irgendwie aus wie Avril Lavigne – sorry, Girls!
Diese Mädels sind nicht nur Stammgäste, nein, sie sind das Carpe. Alles, wofür das Carpe steht. Und doch gehören sie zu dem Laden wie Butter auf’s Brot. Ohne sie ist’s irgendwie trocken, unlustig, unspektakulär.
Alternative Juristen
In ihrer eingebildeten Andersartigkeit merken sie überhaupt nicht, dass sich zeitgleich im gleichen Raum noch mindestens zwei identische Mädchen-Combos aufhalten. Stattdessen warten sie darauf, meist mit der blonden als Köder, dass betrunkene Männer ihnen den Vollrausch finanzieren. Auch eine Maßnahme, sich durch den Abend zu bringen und allein diese Kalkulierbarkeit macht sie irgendwie Mainstream.
Überhaupt finden sich im Carpe viele Gestalten, die sich für etwas ganz besonderes halten. Da steht dann die Goth-Kid-Fraktion mit langen Gesichtern, wenn der DJ wieder Punk auflegt, die Punks ziehen bei der Gelegenheit auch gleich lange Gesichter, weil es ja voll der Kommerz-Punk ist und die einzigen, die die Party dann retten, sind die meist sturzbetrunkenen Studenten ohne Subkultur-Zugehörigkeit, die einfach die Musik besser finden als den Ashanti-R&B-Dreck in den anderen Läden.
Male und andere Individuen
Ritzer-Narben funkeln im Schwarzlicht, angestrahlte Piercings blenden den Betrachter und eigentlich hat jede zweite Person im Raum mindestens ein Tatoo. Oder auch zwei oder drei, eine Sonne zwischen den Schulterblättern oder ein Arschgeweih oder irgendwas anderes populär Subkulturelles aus dem Katalog der einschlägigen Tatowier-Läden in der Altstadt.
Tanzbar ist die Musik selten, aber das hindert die wenigsten daran, es dennoch zu versuchen. Über dem DJ hängt ein Alien-Wildschwein-Kopf, während in der DJ-Kabine ständig die Avril-Lavignes ein und aus gehen, um in der Plattensammlung zu wühlen. Man muss ja die schwer alternativen Kontakte pflegen, auch wenn der DJ einer von tausenden ist, die auf der nächsten Uni-Party dann auch mal gerne 70s-Disco auflegen.
Spaß gehabt
Trotzdem: Spaß ist, was Ihr draus macht und so kann man im Carpe eigentlich immer einen lustigen Abend verbringen. Die Leute sind, obwohl augenscheinlich altklug veranlagt, wesentlich lockerer drauf als in anderen Läden. Allerdings gibt es auch hier die üblichen Randerscheinungen wie die Disco-Queens, die dann eben keine weiße Stretch-Hose auf blondierten Haaren und ein Nabelpiercing, sondern schwarzgefärbte Haare und einen Nasenring tragen. Natürlich gibt es auch Feldwebel-Typen mit Weizengläsern, die den Frauen auf die Brüste starren, allerdings haben die im Gegensatz zu ihren Kollegen im Castello den Wehrdienst verweigert.
Die Bedienung ist schnell, die Getränkepreise liegen im Durchschnitt und die weitestgehend schwarze Innenausstattung sorgt dafür, dass sich das Auge des Betrachters voll und ganz auf die anwesenden Personen konzentrieren kann. Eine Kompanie Bierbänke lässt gibt Frischverliebten die Möglichkeit, ihre Zungenpiercings zu verhaken.
Auf den Toiletten hängen Kondom-Automaten und es empfiehlt sich, sein Geschäft in einer der Kabinen zu erledigen, damit einem nicht die interessantesten Neuerungen im Bereich der Klo-Grafitti entgehen.
Zwischen 22 und 23 Uhr ist der Eintritt am Wochenende frei. An anderen Tagen sollte man ohnehin nicht hingehen, denn dann laufen seltsame Stilrichtungen wie 80er, Hip-Hop oder Metall. Die Luft ist trotz der Anwesenheit von Punks vergleichsweise gut.
Übrigens: Die Subkultur ist auch kaufbar, auf der Website der Disco kann Carpe-Merchandise bestellt werden.
Mittwochs und Sonntags hat das Carpe Noctem geschlossen.
Diskothek “Carpe Noctem”
Wesselstr. 5
53113 Bonn
Tel.: + 49 (0)228 – 657971

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