Der Meister bei der Arbeit: Bloggen macht dumm

Tastaturen ziehen mich magisch an.[Aktueller Song: "Spiderwebs" von No Doubt]

Der Technikboom ist böse! Da kauft man sich gezielt ein Macbook Pro samt Autorenprogramm als kreativstes aller Kreativwerkzeuge, um mal endlich ans Schreiben zu kommen und womit verdaddelt man seine Zeit? Man scannt das Internet auf Unwichtigkeiten und Nebensächlichkeiten und sortiert Daten durch die Gegend. Dann muss man mal Newsseiten checken und vielleicht das ein oder andere nutzlose Tool ausprobieren. Wenn man damit fertig ist, meldet sich auch schon wieder jemand im Skype oder es müssen E-Mails beantwortet werden. Damit kann ich Tage zubringen.
Die Wohnung verlottert zusehends und dann ist da noch das Problem mit den Sozialkontakten, die höchstens noch via StudiVZ oder Skype stattfinden. Und alles nur, um bloß nicht ans Schreiben zu geraten.

Das war irgendwie besser, als man noch Schmalband-Internet hatte und das Modem nur dann anwarf, wenn es wirklich nötig war. Für mehrere Cent pro Minute. Heute hat man DSL und weil das eine Flatrate ist, muss man ganz dringend das Web nach Dingen zum herunterladen scannen, sonst lohnen sich die sechs MBit ja auch wirklich nicht. Mit anderen Worten: Ans kreative Arbeiten kommt man einfach nicht. Das ist wie damals, wenn ich für Uni-Prüfungen lernen musste, ich drückte mich vor der unangenehmsten Pflicht und erfüllte stattdessen Übersprungshandlungen, Dinge, die sonst gnadenlos liegenblieben: Fensterputzen, Toilettenspülung reparieren, CDs nach Interpret, Jahr, Farbe und Gewicht sortieren, nur, um nicht lernen zu müssen. Der Erfolg gab mir damals Recht.

Heute drücke ich mich vor der Herzensangelegenheit, mal endlich diesen ganzen Killefitz, den ich hier im Lauf der Jahre zusammengelebt- und heruntergeschrieben habe, in Form und Ordnung zu bringen, damit daraus gegebenenfalls ein “bittersüßes, aber urkomisches Meisterwerk postmoderner Unterhaltungsliteratur” (FAZ) wird. Oder halt auch nicht, denn irgendwie kommt ja doch nichts bei rum. Sobald ich das Autorenprogramm anschmeiße, Ulysses für Mac OS X heißt das gute Stück und ist die wohl einzige Shareware, die ich jemals gekauft habe, ist jeder kreative Eifer verflogen. Überlegungen kommen auf, die sich auf die logische Unhaltbarkeit der ausgedachten Geschichte beziehen, die gestern Nacht im Bett noch “einfach genial” (CRen im Rausch des Eigenlobs), “absolut genial” (CRen im Gespräch mit sich selbst) oder sogar “vollkommen genial” (CRen auf Rotwein) aussahen. Beim Starren auf den fordernd blinkenden Cursor bleibt nur das flaue Gefühl, dass die selbstsuggerierte Genialität möglicherweise eine Folge von Schlafmangel und Alkoholkonsum gewesen sein könnte. Beschämt schließe ich dann Ulysses und wende mich wieder den üblichen Daddeltätigkeiten zu.

An guten Tagen finden zahlreiche Anfänge ihren Weg in die Dokumentverwaltung des Autorenprogramms. Keine davon wird jemals wieder angerührt. Selbst Ideen, die mich so gefesselt haben, dass ich sie voller Elan “unbedingt herunterschreiben” (CRen in kritischer Reflexion) wollte und die seitenweise an Tag 1 ins digitale Manuskript wandern, sind am nächsten Tag “die Zeit nicht wert, sie sich nochmal anzuschauen” (CRen, nachdenklich) und landen wahlweise im Ordner für zu vergessene Ideen, direkt im virtuellen Papierkorb, oder, ganz schlimm, zur Unkenntlichkeit verstümmelt, auf xTown.net. Der eigene Qualitätsanspruch steht über dem Wunsch, eine Geschichte zu erzählen. Und plötzlich fragt man sich, ob man das überhaupt tun sollte, das mit dem Schreiben.

Dann kommen diese nächtlichen Gedanken. Schreiben? Solltest Du das nicht lassen? Und wieso denkst Du nicht über Deine Ideen nach, sobald Du sie heruntergeschrieben hast? Und macht bloggen dumm und unkreativ? Dann möchte ich xTown.net dichtmachen und nie wieder bloggen, weil ich der Bloggerei die Schuld am mangelnden schreiberischen Selbstwertgefühl gebe. “Natürlich nicht, denk’ an die Google-Ad-Einnahmen”, sage ich mir dann und das Blog bleibt Blog und wird weiter fröhlich gefüllt.

Möglicherweise macht Bloggen aber tatsächlich dumm. Wenn man bloggt, lädt man seine Gedanken, Dinge, die belasten und fesseln, Geschichten, die man erlebt hat, direkt ins Internet. Und so wunderlich das klingen mag: In meinem Kopf sind sie dann tatsächlich nur noch marginal vorhanden und können kaum als Ideengeber für längere Geschichten dienen. Denn letzten Endes erzählt der Literat ja doch nur von sich und seiner Lebenswelt. Und wenn man das alles ablegt wie einen alten Mantel, ist es plötzlich weg.

Was also tun? Nicht mehr bloggen? Bloggen ist eine Sucht und beinhaltet auch die Gier nach Bestätigung von Dritten, von Freunden und Fremden in Form von Besucherzahlen und Kommentaren. Warum blogge ich und warum tun es meine Nachbarn? Warum checke ich etwa fünfzigmal am Tag Mails, ob es Kommentare auf irgendwelche Beiträge gab und warum fällt mir Schreiben gegen Geld überhaupt nicht schwer?
Die Antwort ist einfach: Ich bin eine Anerkennungs-Nutte. Ich brauche die direkte Bestätigung für meine Meisterwerke. Ein Buchprojekt motiviert da nicht ausreichend, der Arbeitseinsatz steht in keinem finanziellen, emotionalen oder zeitlichen Verhältnis zur Anerkennung. Zudem ist unsicher, ob die überhaupt kommen wird, man muss an bösen Verlegern und Lektoren vorbei, bevor man seine Geschichte endlich gedruckt bekommt.

Auf dieser Wissensbasis ist arbeiten für mich unmöglich. Nur für die Freude am Schreiben oder aus der Lust, eine Geschichte zu erzählen zu schreiben, kann ich nicht mehr, irgendwie. Das letzte Mal, dass etwas ernsthaft Form annahm, war zu Schmalband-Zeiten. Das Resultat war nicht schlecht, doch leider bleibt auch hier nur die Freude an rund 50 Seiten voller 10-Punkt-Schrift, die ich mir vermutlich nie wieder anschauen werde.

Aber Selbsterkenntnis führt ja angeblich zur Besserung… vielleicht darf Ulysses dann vielleicht doch nochmal eine ganze Geschichte verwalten. Wir werden sehen. Zuerst sollte ich allerdings das Internet abbestellen…

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