Die verlorene Sauf-Spaß-Verkettung

Hauptsache Party[Aktueller Song: "Say It Right" von Nelly Furtado]

Irgendwann, es ist noch gar nicht lange her, habe ich Bier als einen guten Freund bezeichnet. Bier, das wusste ich, macht glücklich. Glücklicher als Sexappeal, schöne Frauen und viel Geld, denn ab einer gewissen Menge des goldenen Gerstensafts glaubt man ohnehin, von all diesen Dingen unendlich zur Verfügung zu haben. Trinkt man Bier, ist egal, ob das Konto im Minus und die Fresse pickliger Hack sind. Während die Selbstbewusstseinsdefizite abperlen, wird das Ich übermächtig und der Biertrinker zum allmächtigen Meister der Potenz. Leider sind diese Zeiten jetzt vorbei.

Das erste Bier schmeckt immer scheußlich, besonders wenn es Jever ist. Das zweite geht den geübten Trinker schon runder runter und nach dem dritten ist das Bier nur ein Getränk, so wie Cola oder Wasser. Und während man so trinkt, wird man kurz, für einen kleinen Moment, sehr überheblich. Man möchte etwas erleben, fühlt sich goddamn sexy und unbesiegbar, zieht los, um die Nacht zu rocken. Die Nacht ist noch lang, das Konto im Geiste wieder unendlich voll und die Libido auf längst vergessener Höhe.

Spätestens in der Bahn ist das dann vorbei. Man kommt sich irgendwie fehl am Platz vor in diesem viel zu hellen, viel zu modernen, mit viel zu vielen, zu jungen und zu gut angezogenen Partygängern gefüllten Verkehrsmittel. Und weil man das Bier nicht mitnehmen durfte, weil sich der Hausmeistertyp von Schaffner sonst beleidigt fühlt und die Bahntüren offen lässt, bis auch der letzte Säufer-Arsch seine Sauplörre draußen abgestellt hat, kommt der erste fatale Tiefpunkt in der Abendgestaltung. In besseren Zeiten hätte man hier weitergetrunken, doch im sicherheits- und sauberkeitsfanatischen Deutschland des Jahres 2008 bleibt nichts als die trübe Hoffnung auf Bier Nummer vier am nächsten Kiosk. Und weil man Zeit hat, sich mit der eigenen Unzulänglichkeit und dem Kontostand auseinanderzusetzen, schwingt sich einer Schatten über die zuvor noch so gute Laune.

Angekommen im Saufzentrum der Stadt folgt der nächste Tiefschlag, der Wechsel der Biersorte. Anfänger steigen hier von Pils auf Alt oder Kölsch um, Profis bleiben bei der Sorte, landen jedoch aus Kostengründen meist bei Säuferplörren wie Grolsch oder beim unsäglichen, überteuerten Heineken in homöopathischen Minifläschchen, deren Inhalt schneller verdunstet als man ihn schlucken kann. Spätestens bei Zahlung von drei Euro für das Schlückchen Heineken oder vier Euro für den Pott holländischen Bauchspeicheldrüsenvernichters ist auch der letzte Rest guter Laune dahin. Von jetzt an schlägt das Bier nur noch auf den Magen und die Beine unter dem Körper weg, ohne auch nur den geringsten freudigen Mehrwert zu bringen.

Man versucht, zu Musik zu tanzen, die man nicht mag und schaut nach Frauen, die man nicht bekommt oder bekommen will, während Bier fünf bis acht die Kehle hinabgleiten. Die Beine werden schwer, die Augenlider auch und während man schlecht koordiniert einen Zehner nach dem nächsten für sinnlose Hopfengetränke wegballert, schwindet die Stimmung reziprok zum Hungergefühl. Die unvermeidliche Knoblauchpizza folgt früher als sonst, natürlich bekleckert man sich mit dem triefenden Fett, um hernach fettverschmiert und mit dem satten Duft eines sizilianischen Ziegenhirten in die möglichst ranzigste Bude der Gegend zu schlurfen. Diese Buden, wo die Türsteher schon froh sind, dass die besoffenen Gäste keinen Migrationshintergrund haben und deshalb jeden auch nur ansatzweise Deutschen hereinlassen.

Im Dunst aus Aldi-Zigaretten, billigem Eau-de-toilette und verschüttetem Faßbier fragt man sich dann, was man hier eigentlich tut. Tanzt nicht mehr, weil Schlager oder Schranz läuft, rennt hoch und runter wie ein angeschossenes Huhn und muss mit einer Frequenz von zwei Besuchen pro Minute zur Toilette rennen, denn Bier neun, das vom Faß, hat die Nieren zu Höchstleistungen angestachelt. Die Augenlider fallen sporadisch zu, bis eine dicke Frau auf einen aufmerksam wird und wohl hofft, man wäre zu besoffen, um das Ausmaß ihrer Physis zu bemerken. Doch weit gefehlt, es fehlt nicht an Fluchtinstinkt, sondern an Beinleistung und so verpisst man sich im wahrsten Sinne und leise schlurfend mit einem großen Umweg über die Toilette. Bier zehn bringt die Erkenntnis, dass man vielleicht besser nach Hause gehen sollte. Allein.

Alt und träge geworden schaufelt man sich noch eine Pizza oder vielleicht eine große Portion Pommes rein und wirft dem nächstbesten unfreundlichen und überaus gierigen Taxifahrer das restliche Geld in den Rachen. Man ist müde, ausgebrannt, fühlt sich schuldig gegenüber der Welt und sich selbst. Durch den Alkoholnebel zwängt sich das Wissen um den morgigen Kater auf und hindert einen am einschlafen. Und während man so daliegt und völlig leer auf längst verjährte sexuelle Eskapaden masturbiert, möchte man wieder 20 sein. Man schläft ein und träumt von dicken Frauen, die in einem Pool aus Bier plantschen. Nach nur drei Stunden wacht man mindestens 30 Euro ärmer auf und hat das Gefühl, ein Elefant würde im Kopf auf einer Pauke stepptanzen. Man würde gerne kotzen, aber das geht längst nicht mehr.

Der restliche Tag ist geschissen, meist der Sonntag und man schwört sich, nie wieder Alkohol zu trinken und erst recht nicht wieder ins teure Weggehviertel zu gehen, weil das sowieso nie Spaß macht. Dieser Vorsatz hält exakt drei Bier am nächsten Wochenende…

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