Ein Nachmittag am Liblaer See

[Aktueller Song: "Baby It"s You" von Smith]

Es ist schwül und drückend. Die alten, dicken Männer schwitzen und sind im Statler & Waldorf-Modus. Warum also nicht an den See mit Sandstrand fahren, um das Schaulaufen der pubertären Landbevölkerung zu kommentieren und vielleicht die ein oder andere Runde zu schwimmen?
Der Sandstrand glüht, doch die Liegedecke reicht zum Schutz, die Sonne hat sich heute etwas zurückgehalten. Es riecht nach Sonnencréme Faktor 30 auf schwitzenden Körpern, nach Flutschfinger und in altem Fett gewendeten Pommes.

Neben dem See ist ein Campingplatz, auf dem Dauercamper wohnen. Der ist hübsch gemacht, es gibt sogar einen eingezäunten Bereich, auf dem ein sehr kleiner nachgemachter Campingwagen mit Liegestühlen steht. Die Zwerge dazu sind wohl gerade schwimmen und irgendwo dröhnt Marianne Rosenberg aus einem tragbaren Radio vor einem Campingwagen. Die Gegenbeschallung übernehmen Halbstarke mit Migrationshintergrund mit ihren Handys.

Beim letzten Besuch am See, irgendwann um das Jahr 2004, gab es noch keine Handys, die das konnten. Man fühlt förmlich den technologischen Fortschritt, den Aufbruch ins neue Jahrtausend und doch ist alles irgendwie gleich wie immer Ende Juli am Badesee:
Knaben in bunten Badehosen möchten Mädchen mit knackigen Hintern beeindrucken, laufen den Strand auf und ab und tragen dabei Goldkettchen oder Tatoos mit chinesischen Zeichen zur Schau. Die ersten Brust und Gesichtshaare wurden sorgfältig entfernt, zusammen mit dem Seitenhaar auf dem Kopf, das trägt man heute ja so, glaubt zumindest die Dorfjugend. Der heiße Sand macht das Schau- zum Spießrutenlaufen, statt stolzer Gockel sieht man hüpfende Weicheier, das kommt davon, wenn man sich die Hornhaut abschabt. Frauen machen das seit Generationen und so stehen dutzende von Paaren von Frauen-Flip-Flops am Wasser, die wussten intuitiv, dass heißer Sand auf der abgehornten Fußsohle schmerzt.
Im Wasser angelangt, wird das alte Spiel gespielt: Die Mädchen frieren, stehen herum, die Jungs lachen laut und aggressiv, springen und spritzen und werden doch ignoriert, bis der Bademeister sie von der Badeinsel wegermahnt.

Dazwischen spielen Kinder jeden Alters, denn es ist Montagnachmittag und wer hat da schon frei außer (Ex-)Studenten oder Urlaubern, die ja wegfahren, und Hartz-IV-Würdeträgern, die sich das eben nicht leisten können. Schnurrbärtige Patriarchen wachen brusthaarig unter dem Sonnenschirm über ihre zehnköpfige Sippe wie Pavian-Chefs. Sie sind Väter, Großväter und Ehemänner, alles zugleich, denn hier ist es noch normal, dass die Tochter sie mit 15 zum Opa macht und einen gleichalten Onkel hat. Will ein Kind nicht hören, wird es lautstark zurechtgewiesen, natürlich heißt es Kevin und hat blonde, speckige Haare.
Die Frauen, egal ob Mutter (17 Jahre alt) oder Großmutter (45) sehen so breithüftig und verbraucht aus, als hätte das Leben in ihrem Gesicht einen Kickstart hingelegt, was es vermutlich auch hat. Mutter fehlt der Mann zum zweijährigen Sohn, der muss für den Hauptschulabschluss lernen, Großmutter ist von Nikotin und Alkohol gezeichnet.

Eine Wespe kreist gierig um einen übergelaufenen Mülleimer aus Holzbohlen. Der Abfall riecht süßlich, geschmolzenes Eis läuft unten heraus und ein Kind wirft einen Kaugummi-Eisstiel hinein.

Plötzlich verdunkelt sich die Sonne. Ein fettes Ding von Frau, vielleicht Ende 20, aber gewaltig, stapft schattenwerfend mit einem schreienden Kind über den heißen Sand. Sie hat rote Haare und trägt ein weiteres Kind unter ihrem Herzen, allerdings sieht man das nur, wenn man genau hinschaut, denn sie ist wirklich sehr, sehr fett. Noch bevor sie etwas sagt, schreit das Hirn des Betrachters “britisches Prekariat!”, denn nur britische Prekariatsfrauen sehen bereits in so jungen Jahren so runtergeritten aus. Natürlich redet sie englisch und schleift das schreiende Kind durch den heißen Sand. Es hat auch rote Haare und wäre mal besser eingecremt worden. Dann kriegt es eben Hautkrebs, das nächste ist ja schon in Produktion. Die Rothaarigen machen offenbar Urlaub auf dem Campingplatz, eine fürchterliche Vorstellung, dass Bewohner eines so schönen Landes wie Großbritannien Urlaub zwischen Brühl und Erftstadt machen, ausgerechnet.

Am Kiosk gibt es Pommes oder Bockwurst. Eine Schöller-Fahne wird von Wespen umkreist, die sich sofort auf das ausgepackte “Brauner Bär” der meist minderjährigen Kunden stürzt. Eine Bikinischönheit mit sehr hässlichen Füßen kleckert einen weiteren Tropfen süßen Ketchups auf den Boden, als sie einem Möchtegern-Gigollo ausweicht. Der Boden ist bereits von zahllosen Fliegen besetzt, die von dem Tropfen aufgescheucht werden. Den Kioskbesitzer stört das nicht, er wischt die Fliegen vom Senfeimer und gibt die Bockwurst raus.

“Zwofuffzig” sagt er wischt sich den Schweiß von der Stirn.

Es ist ja auch sehr schwül und drückend heute.

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