[Aktueller Song: "Wir können auch anders" von Fettes Brot]
Wer eine kleine Zeitreise unternehmen möchte, sollte sich einmal in die Deutzer Postfiliale in der Karlstraße begeben. Hier lagert die Post nämlich ihre altgedienten, aber alterssenilen Altbeamten und gibt ihnen einen Ort, wo sie auch im hohen Alter noch Post spielen dürfen. Alzheimer-Patienten brauchen schließlich das Gewohnte, damit sie sich wohl fühlen. Und tatsächlich: Diese Poststation ist ein riesiger Anachronismus
Zu den unangenehmen Seiten der Kölner gehört – neben Karneval, Kölsch und Kulturfaschismus – die Angewohnheit, immer erst kurz vor Ladenschluss zur Post zu gehen. Umso schöner, wenn das in einer muffigen Postbude der Fall ist, den der Konzern offensichtlich vergessen hat, hier sieht es noch so aus wie damals, als die Post noch orangene und grüne Telefone auf Antrag vergab und zwar ausschließlich in Westdeutschland. Es ist graubraungelb an diesem Ort und es riecht nach Briefen.
Vielen Briefen.
Der Schalterbeamte und ja, er ist definitv ein Beamter aus Altbeständen, stand bereits damals kurz vor der Pensionierung, trägt inzwischen stolz eine riesige Kassenbrille und Spinnweben unter den Achseln, so langsam bewegt er sich. Nach einer halben Stunde anstehen dann die Info: An diesem Schalter werden keine Pakete angenommen. Aber Päckchen. Warum? So ist das eben, Pakete werden nebenan angenommen.
“Nur nebenan?”
“Ja, es sei denn, sie verschicken es als Päckchen. Wieviel ist es denn wert?”
“Das ist ja wohl kaum relevant”, verschweige ich die 500-Euro-SSD in unauffälliger Verpackung.
Seine Mittelhandknochen und sein Ellbogen knirschen mumienhaft, als er mir phlegmatisch den Weg zu seinem Kollegen zeigt, der fröhlich im Nachbarraum zwischen den Paketen verwest.
Mühsam humpelt dieser Kerl von Tisch zu Tisch und regelt eins nach dem anderen. Ich könnte schwören, Schnecken kriechen auf ihm herum und schwingen kleine Peitschen, damit er mal in die Pötte kommt.
Computer gibt es hier natürlich nicht, an diesem vergessenen Ort bundesdeutschen Postwesens, stattdessen werden Paket-IDs händisch notiert und auf einen Ablagestapel gelegt. Jedes Paket wird kleinlich abgewogen, jeder Kunde bekommt den Rat, doch lieber ein Päckchen zu nehmen. Hier regiert die Gerontokratie, die Macht der alten Männer. Ein zweiter, deutlich jüngerer Kerl steht ganz hinten und guckt aus der Wäsche. Dumm aus der Wäsche. Er könnte helfen, aber gleich ist Feierabend, also lieber nicht, auch wenn die Schlange bis vor die Tür reicht. Als ich endlich mein Paket loswerde, ist eine Stunde verstrichen.
Nein, dieser Ort ist nicht schön. Und natürlich habe ich eine Knolle am Wagen, als ich wiederkomme, der Wagen war ja eigentlich “nur kurz” in der Ladezone abgestellt. Diese kölschen Turbo-Politessen sollten mal arbeiten, wo sie wirklich gebraucht werden…

21/01/2010 at 16:22 Permalink
haha. super!
21/01/2010 at 16:46 Permalink
Zum Glück gibt es von der Post den Internet-Dienst “Internetmarke”, mit dem man seine Briefmarken rund um die Uhr selbst ausdrucken kann. Abgeben kann man die so frankierten Päckchen und Pakte dann an jeder Packstation, somit ist man von den Öffnungszeiten völlig unabhängig.
24/01/2010 at 01:48 Permalink
Yeah! Das ist meine Hauspost! War in knapp drei Jahren Deutz knapp dreimal da und hab es dreimal bereut… Leider ist kein Wort dieses Beitrags überzogen, sondern eher freundlich dargestellt. Kürzlich musste ich zur Eröffnung eines Bankkontos ein Post-Ident-Verfahren in dieser “Salto Postale”-Kulisse durchführen, und… das ist ja modern. Das ist ja mit PC und so. Un’ dat hamwer jo nitt su jern, hee in Kölle… Was soll ich sagen, ich hab mich nach 40 Minuten Postbürokratie wirklich missbraucht gefühlt
24/01/2010 at 02:41 Permalink
In diesem Zusammenhang ebenfalls nennenswert ist das Postamt (sic!) in Bickendorf: Hier sind die Mitarbeiter nicht ganz so alt, dafür aber die meist weibliche Kundschaft, die ihre Einsamkeit mit drei täglichen Postbesuchen samt rheinischem Omaleidklagen bekämpft. Hier steht man auch als zweiter in der Schlange gern mal 20 Minuten, weil Omi von ihrem künstlichen Hüftgelenk erzählt…
01/02/2010 at 09:23 Permalink
“Entdeckung der Langsamkeit” – der passende Blog zu meinem Post-Albtraum vom Samstag http://ow.ly/12tJX (es ging genau um DIESES Postamt)
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01/02/2010 at 11:42 Permalink
Sehr geil. Da ich in der Nähe studiere musste ich da auch mal ein Paket abholen. Besser hätte man es nicht in Worte fassen können. Da siehts aus wie in früheren zeiten hängengeblieben. Da zu der Zeit allerdings außer mir niemand in dem Laden war, fand ich es eher interessant und lustig. Ich schätze dieser Eindruck relativiert sich als regelmäßiger Besucher:).