[Aktueller Song: "Higher And Higher" von Howard Huntsberry]
Fotos sind Glückkonserven. Das Bild, das man von sich selbst betrachtet, ist immer eine jüngere, glücklichere Variante seiner selbst, von Freunden, Verwandten, Fremden. Nirgendwo wird die Vergänglichkeit so deutlich wie auf Fotos. Schon gestern, jünger, hübscher, fröhlicher. Und dann die Bilder von vor einem, drei, zehn Jahren.
Erinnerungen, die keine sind, denn Bilder verzerren das Gedächtnis, setzen den Fokus auf das, was auf dem Bild zu sehen ist, verziehen den Blick auf das Unwesentliche. Mit der Zeit verschwindet alles andere, das Foto ist die letzte totale Erinnerung.
Niemand knipst Menschen an ihren Tiefpunkten. Auf Hochzeiten wird fotografiert, auf Beerdigungen nicht. Keiner fotografiert verhungernde Kinder oder Menschen, die an Krebs sterben, sofern er nicht gerade für den “Stern” arbeitet. Stattdessen: Glückliche Momente, Gesichter ziehen, lustig sein, lachen, auf fast jedem Bild. Die unglücklichsten Pärchen wirken auf den Schnappschüssen zufrieden und Sorgen anderer verschwinden hinter einem oft aufgesetzten Lächeln.
Bilder sind Glückskonserven für Momente der Schwäche. Man schaut sie sich an, hört das Lachen geliebter, längst gegangener Menschen oder sieht eine jüngere, sorgenfreiere Version seiner selbst in unsäglichen Klamotten mit unzumutbaren Frisuren. Man weiß, dass man diese Bilder geschossen hat, aber wirklich erinnern kann man sich nicht. Man ist längst nicht mehr der.
Vielleicht sind die Bilder nur dazu da, am Lebensende noch einmal einen Blick darauf zu werfen. Sich fehlerinnern an Zeiten ohne Sorgen und nichterinnern an das, was all die Jahre belastete. Und wenn man dann endlich entschläft, glaubt man vielleicht wirklich, man hätte ein gutes Leben gehabt.
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01/07/2009 at 10:34 Permalink
Sehr sehr schön melancholisch…