Wieder einmal Köln. Kein Plan, keine Idee, keine Lust auf die üblichen nervigen, die Standardveranstaltungen, von denen man nur schwer heim kommt.
Deshalb die gute Idee des Abends: Die Grosse-Leute-Party im Alten Wartesaal. Wider erwarten kommen wir (1,88 m, 1,90 m, 2,00 m) ohne Schwierigkeiten rein. Die gute Idee der Veranstalter: Männer unter 1,90 und Frauen unter 1,80 zahlen 50 Prozent mehr Eintritt, statt 8 Euro sind 12 Euro fällig. Das hält zum einen die eher kleinwüchsigen Söhne der Wüste von derartigen Partys fern, zum anderen auch die nervigen, kleinen Personen, die normalgroßen Männern wie uns ständig ihre auf gefährlicher Höhe hängenden Handtaschen ins Gemächt rammen. Auch der “oh, sorry, hab’ Dich nicht gesehen”-Faktor konnte vor der Tür bleiben oder, besser gesagt, wurde vom aktiven in den passiven Modus geschaltet. Aber dazu später.
Reinkommen, klein fühlen. Tanzende, schubsende, trinkende Menschenmassen jenseits der zwei Meter und ein bisher nie gekanntes Gefühl des “klein seins”. Ein Gefühl wie im Giraffenstall breitet sich aus. Zwischen all den Riesen fühlt sich auch der schlaksigste 1,90er wie ein wohlproportioniertes männliches Modell in der 1,80er-Preisklasse. Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft. Ängstliche Blicke unsererseits, erwarten wir doch Attacken monströser Rieseninsekten oder elefantengroßer Nagetiere. Doch die Attacke bleibt aus, stattdessen gibt es gigantische Dekoltées auf Augenhöhe.
Der kleinste unserer Gruppe, ein ansonsten stattlicher 1,88er, beginnt nervös vor sich hin zu brabbeln: “Verdammt… zu klein, ich bin zu klein…” Eine Cola beruhigt ihn, derweil wandere ich auf die Toilette, warte, bis auch der letzte Basketball-Profi sein Wasser gelassen hat und traue mich erst am leeren Pissoir die Hose zu öffnen. Faszinierend, wie schnell man Komplexe bekommt, wenn man klein ist. Ich beschließe, den restlichen Abend auf meine enorme Penisgröße hinzuweisen, wie es kleine Männer so gerne machen.
Durch die Menge zurück zu den Jungs. Ich stoße meinen Kopf an weibliche Schultern und Ellbogen, werde herumgeschubst und höre von weit oben den Satz “sorry, hab’ Dich übersehen!” Im Zigarettennebel verschwindet manch Kopf der anwesender Gäste wie ein Berggipfel bei Höhennebel. Es ist sicher kein angenehmes Gefühl, im Sommer immer warme Beine und vom Höhenwind kalte Ohren zu haben. Beim Kampf durch die Riesen recke und strecke ich mich, versuche, den Überblick zu behalten, aber ich habe keine Chance. Hier und da streift mein Blick den einer der anwesenden Damen. Diese rümpft auf der Stelle die Nase, ganz als wollte sie sagen: “Pfui, bist Du klein!” Ein Dackel unter Doggen, kein schönes Gefühl.
Zurück bei den Jungs suchen wir uns ein schönes Podest, um den Überblick zu behalten und finden es in Form einer leicht erhöhten Ecke oberhalb der Tanzfläche. Zwei Stufen erheben uns zumindest halbwegs über die Köpfe der anderen Gäste. Zurück ist die bekannte Normalperspektive, das Überragen der anderen. Die Stufen sind höher als gedacht, doch über zahlreiche Gäste können wir trotzdem nicht hinwegsehen. Wenigstens können wir auf diese Weise die anwesenden Damen über unsere mangelnde Körpergröße hinwegtäuschen, jedenfalls solange die nicht auch unsere Plattform erklimmen.
Die Musik wechselt zwischen Hip-Hop und House, faszinierend ist die Tatsache, dass sehr große Menschen, die sonst sehr gehemmt wirken, unter sich plötzlich enorme Partyfreude an den Tag legen. Auch wir lassen uns mitreissen, all die Riesen verbreiten eine Stimmung, die man sonst selten sieht. Kein Wunder, sind die großen doch sonst immer auffällige und beliebte Reibepunkte der durchschnittlich ≤ 1,80 Meter oder unterdurchschnittlich ≤ 1,70 Meter großen Bevölkerung. Diese fehlt auf der Party fast völlig und ist bestenfalls in Form von verschüchterten Mitbringseln in einigen Ecken anzutreffen. Entspannend, unter all den Riesen bestenfalls unterer Durchschnitt zu sein und damit in Sachen Schlaksigkeit nicht negativ aufzufallen. Das läd zum Tanzen ein.
Die Party allerdings leert sich recht bald. Die Riesen haben Knieprobleme, die größten Damen und Herren verschwinden nach und nach, übrig bleibt das gesunde Mittelmaß, dass bei den Männern jedoch immer noch bei rund zwei Metern, bei den Frauen bei gut 1,85 Metern liegt. Auch wir verschwinden gegen 2.30 Uhr, obwohl die Meute sich noch ordentlich amüsierte. Das ständige Recken, auf Zehenspitzen stellen und nach oben schauen fordert seinen Tribut vom ansonsten eher den Blick nach unten und das Ducken gewöhnten Körper, sodass uns die Müdigkeit wie ein D-Zug überrollt. Nichts wie nach Hause.
Trotzdem: Diese Party ist ein Erlebnis für alle, die sonst mit ihrer übermässigen Körpergröße zu kämpfen haben.
Empfehlenswert!
Weitere Infos: Grosse-Leute.de
Die Bildergalerien von Gästen vor Messlatten sind besonders empfehlenswert.

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