IKEA zwischen den Tagen: Möbelmenschen-Horrorhölle

knut_ikea[Aktueller Song: "Catcher In The Rye" von Guns N' Roses]

IKEA in Godorf an einem 30. Dezember nach einem langen Weihnachts-Wochenende.
Schon der Blick auf den Parkplatz verrät: Heute ist Großkampftag! Alle, die irgendwie Urlaub haben, sind hier, denn IKEA hat zur Knut-Festivität ausgerufen. Rückstau bis zur Autobahnauffahrt nervt den junge Familienvater mit den grauen Schläfen in seinem geleasten Volkswagen-Minivan. Er brüllt wahllos andere Stauteilnehmer zusammen. Auf der Rückbank quengelt sich der sechsjährige Lars-Kevin dem Småland entgegen, während auf dem Beifahrersitz Mutter Ulrike schmollt, von der Schwangerschaft immernoch ein bisschen dick um Gesicht und Hüften.

Der Parkplatz-Einweiser tut sein Bestes, um weitere Eskalationen zu verhindern. Er teilt dem Vater einen Parkplatz zu, 80 Kilometer vom Haupteingang entfernt. Trotz der kalten Winterluft vermeint man, ein glühendes Flirren über der Blechwüste zu vernehmen. Wut kann Autodächer aufheizen.

Am Haupteingang lauert die erste Lars-Kevin-Falle: Ein altmodisches Karussell, beschallt mit Wolfgang Petry, sorgt für kindliche Heiterkeit. “Mamamamamama, Karussell!” Lars-Kevin zieht an Ulrike, die nochmal die Einkaufsliste durchgeht. Vater brodelt immernoch, der nächste Stau ist vor der Kinderabgabestation und weil der Vater die angestellte Kindergärtnerin anbrüllt, muss Lars-Kevin mit. Essen, erstmal, oben. Kindernudeln in Elchform, zweimal Köttbullar, dafür drei Stunden anstehen. Die Fleischbällchen tropfen vor ranzigem Fett, die Pommes schmecken Lars-Kevin besser als die Kindernudeln.

Das Kind rennt vor, verschwindet in der Menschenmasse. Mutter interessiert das nicht, sie prüft den Stauraum einer Wohnzimmerkombination. Vater verschwindet ebenfalls in der Menge, er hat eine scharfe Studentin gesehen, die aber nichts von grauen Schläfen hält. Zum Probesitzen auf dem Sofa muss sich Mutter Ulrike anstellen, während sie Vater anbrüllt, gefälligst das Kind zu suchen. Das Kind zerlegt gerade ein Billy-Regal, indem es daran raufklettert, Vater kann es gerade noch auffangen, ehe es sich seine Biobrei-zerweichten Knochen auf ausgetretenem Linoleum zertrümmert.

Kinderabteilung. Endlich. Küchen- und Wohnzimmerteile im Gegenwert eines Kleinwagens stehen auf der Liste und der Vater diskutiert mit Ulrike, warum was überhaupt gebraucht wird. Lars-Kevin hat sich in die Hose gemacht, sagt aber nichts, sondern wirft sich in ein Kinderspielzelt. Nur heftiges Geschrei mobilisieren den kleinen Tyrannen, da wieder rauszukommen. Lars-Kevin will ein Plüschtier, Ulrike will das nicht und Vaters Nerven liegen blank. Er brüllt beide an, vor Publikum, und einige rotgefärbt-feministische Sozialpädagoginnen rufen heimlich die Polizei. Der schlägt sicher Frau und Kind, denken sie, und dabei ist die Familie nichtmal im Erdgeschoss angekommen.

Erdgeschoss, Hinstellkramabteilung, Frauentraum, Männeralbtraum. Mutter nimmt keine gelbe Tasche, sondern einen Einkaufswagen und wirft wahllos sinnlose Dinge in den rollbaren Drahtkorb, derweil Lars-Kevin die Porzellanabteilung entdeckt und wahllos Tassen herunterschmeißt. Ein Sicherheitsmann bittet um Contenance, das Kind beißt ihm in die Hand. Vor den Toren der Filliale rücken aufgrund der Schilderung der Sozialpädagoginnen sechs Mannschaftswagen an, um den neu entdeckten Familienschläger zu verhören. Der denkt inzwischen ernsthaft darüber nach, einer zu werden.

Während Lars-Kevin in der Gardinenabteilung mit den Worten “muss pipi” blankzieht, entdeckt Muttern ein paar besonders schöne Vorhänge. “Wir haben Vorhänge” – “Wir brauchen aber noch welche”, so die Kurzform eines längeren Streitgesprächs, in dessen Verlauf Vater mehrmals eine ausholende Geste macht. Nicht mehr lange, nicht mehr lange.

Mutter hat die Körbe entdeckt: “Praktisch, da kann man was reintun.” Ein schlagendes Kaufargument und der Gipfel für den Überlaufenden Einkaufswagen. Und während Vater Lars-Kevin zur Sau macht, er möge doch bitte aufhören, fremden Frauen zwischen die Beine zu greifen, bricht eine Achse des überladenen Einkaufswagens. Spiegelscherben auf Wachskrümeln. Mutter Ulrike heult los, die Nerven. Vater eilt zu Hilfe, das Kind greift sich eine Spiegelscherbe und stürmt in die SB-Halle “Ritter!!!! Ich bin ein Ritter.” Blut fließt aus kindlichen Händen, Lars-Kevin kräht im Laufen los, stolpert und verfehlt nur um Haaresbreite den Heldentod.

Nebenschauplatz Eingang: Zwölf schwer gepanzerte Polizisten stürmen durch den Markt, rammen Studentinnen mit und ohne Eltern aus dem Weg.

Vater überlegt kurz, wie schmerzhaft wohl eine Selbstentleibung per Spiegelscherbe ist. Er lacht irre, während er seiner Frau beim Sortieren des Haufens Schund hilft, der noch vor wenigen Sekunden ein mit Schund vollgepackter Einkaufswagen. Ulrike ruft das Kind, das Kind kreischt wie am Spieß. Arzt wird es später bestimmt nicht. Andere Kinder stimmen ein und Ulrike verbindet ihren Sohn notdürftig mit Tempotaschentüchern.

Nebenschauplatz Eingang Hinstellkram. Die Polizisten hören das Kreischen, legen einen Zahn zu. Eine alleinerziehende Mutter samt ihres kreischenden Kindes wird unter einem Berg Porzellan aus indischer Produktion begraben.

“Regal 21, Fach 15″, befiehlt Ulrike. Das 100 Kilo schwere Pressspan-Paket fällt Vater auf den Fuß, nun brüllt er, wie noch zuvor das Kind und belegt seine Frau mit unaussprechlichen Flüchen. Lars Kevin brüllt mit, weil das Spaß macht und bekommt von seinem Vater eine gescheuert, woraufhin die immernoch tränennasse Ulrike den Vater anbrüllt. Sie kriegt ebenfalls eine gescheuert.

“Zugriff!”

Sechs Polizisten zücken ihre Waffen, die anderen sechs stürzen sich auf den Vater, der sich wehrt wie ein Berserker mit den Eiern in der Schraubzwinge. Wenige Sekunden später wird er abgeführt. “Geben Sie mir noch seine Kreditkarte, bitte”, schreit Ulrike den Polizisten hinterher.

Um 10.000 Euro Kreditlimit reicher schwimmt sie gegen den Strom der IKEA-Besucher, packt noch zwanzig Päckchen Teelichter ein, die kann man ja immer brauchen, und verschwindet in der Menge.
Lars-Kevin hat inzwischen den Weg ins Småland gefunden und andere Kinder gebissen.
Niemand wird ihn dort jemals abholen.

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3 Comments on "IKEA zwischen den Tagen: Möbelmenschen-Horrorhölle"

  1. Lady
    31/12/2008 at 13:09 Permalink

    Herrlich.

  2. wazi
    31/12/2008 at 15:30 Permalink

    Einfach nur geil :-)

  3. Töt-o-tron
    31/12/2008 at 17:36 Permalink

    Also, ich war auch am 30. dort. Allerdings erst gegen 18 Uhr und es war schön leer. Ich habe dann 3 der besagten Schränke gekauft. Als ich bei der Montage einen Dübel in das dafür vorgesehene Loch einbringen wollte, staunte ich nicht schlecht als der Dübel die Spanplatte wie eine Pistolenkugel durchschlug. Tolle Qualität.

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