Internet-Kontaktanzeigen richtig lesen

Web-Liebe ist keine gute Liebe!
Web-Liebe ist keine gute Liebe!
—Aktueller Song: “Watch It Crash” von Streetlight Manifesto—

Internet-Dating, der Club der einsamen Herzen. Virtuelle Resterampe oder One-Night-Stand-Börse, egal wie man es dreht: Es ist gut, wenn man nicht mehr auf die Online-Dating-Dienste angewiesen ist und diese Zeit hinter sich lassen kann. In meiner harten Single-Zeit – so zwischem 2004 und 2006 – hat mir der Online-Spaß einige bizarre Erlebnisse verschafft, darunter eine junge Dame, die Live-Rollenspiele – wohlgemerkt mit Mittelalter, nicht mit Sex – sehr leiden konnte und mich anschließend wochenlang stalkte. Solltest Du mitlesen: Deinen Namen habe ich vergessen und auf Kontakt kann ich verzichten. Danke.

Nichtsdestotrotz habe ich in der Online-Dating-Zeit einige interessante Erfahrungen gesammelt, deren Niederschrift mir bisher noch nicht in den Sinn gekommen war – zu groß war die Scham vor den damit verbundenen Peinlichkeiten. Wer will sich schon als Online-Partnerbörsen-Besucher outen? Meine Freundin habe ich übrigens nicht aus dem Web, und das ist auch gut so. Aber gut, legen wir los: Einige wichtige Tipps für alle, die sich in Online-Dating-Börsen herumtreiben.

Steckbriefe richtig erstellen
Steckbriefe sind das A und O im Liebes-Web. Dort müssen Flirtwillige vor dem ersten Kontakt erst einmal menschenverachtende Fragen nach sportlichen, sozialen, kulturellen und kulinarischen Vorlieben beantworten. Die besseren Dienste – die die Geld kosten – versuchen daraufhin, anhand des Steckbriefs passende Partner vorzuschlagen, das Ergebnis ist immer deutlich älter, deutlich faltiger und deutlich unterschichtiger als man selbst, nur weil man Interessen (“Billige Hamburger”, “Star Wars”, “Bengalischer Damenfußball”) teilt und die Routinen zu blöde sind das zu erkennen. Das Geld kann man sich also sparen. Apropos Star Wars: Lieber nicht angeben, ebenso wenig wie “Star Trek”. Keine Frau gäbe das jemals an und wenn doch, sollte man ihre Gegenwart tunlichst meiden. Wenn Ihr Eure Vorliebe für Raumschiffe unbedingt zum Ausdruck bringen wollt, gebt Avatar an. Ja, der Film war schlecht, aber Frauen mögen tumbe Liebesgeschichten und Ihr schwer bewaffnete Raumschiffe – nur über diesen Film findet man eine gemeinsame Basis. Wer gerne grillt, sollte das nicht schreiben, sondern “gerne kochen”. Und wer auf Auto-Tuning steht, kann eventuell “Dekoration” als Hobby angeben.

Womit die Maßgabe klar sein sollte: Moderates Lügen ist Pflicht und auch das Foto sollte gut gewählt sein. Frauen greifen gerne zu 10, 15 Jahre alten Profifotografen-Bildern, als Mann sollte man sich ebenfalls nicht scheuen, ein Foto aus der schlanken Zeit bei der Bundeswehr zu veröffentlichen, auch wenn das alt ist: Frauen mögen Uniformen, auch wenn sie das nie zugeben würden.

So weit, so langweilig. Wichtiger ist ohnehin nicht das Tuning des eigenen Steckbriefs, sondern das Lesen der anderen – und das ist eine ähnlich hohe Kunst wie das Lesen von Immobilienanzeigen.

Steckbriefe richtig lesen
Attraktive und coole Menschen brauchen keine Partnerbörsen. Während Männer aus verschiedenen Gründen zwischen dekadenter Faul- und affiger Geilheit, mangelnder Sozialkompetenz, epischer Unattraktivität oder ernsthaftem Glauben an das Gute in der Welt und das Glück in der Liebe zum Web-Dating greifen, gibt es für Frauen nur drei Gründe, eine Partnerbörse zu buchen:
1. Marktwert prüfen, obwohl man in einer Beziehung ist.
2. Absolute Naivität.
Oder, 3. ein über ein halbes Jahrzehnt aufgebauter vögelfreier Frustrationsgrad.
Dessen Ursachen sind vielfältig, reichen von astronomischem Übergewicht über krankhafte Tierliebe und debilesoterischen Sternzeichenfetisch bis hin zur neurotischen Nervigkeit der Luxushühner-F-Prominenz Marke “Katzenberger” im Privatfernsehen. Wichtig ist zu wissen, dass Männer wie Frauen erster Wahl nur höchstselten einen Fuß in Online-Partnerbörsen setzen – die haben besseres zu tun.

Wer sich trotzdem hineinwagt, sollte Steckbriefe beider Geschlechter genau lesen. Und daraus seine Schlüsse ziehen, denn auch kleine Nebensätze sprechen Bände:

“Ich bin tierlieb.”
Bedeutet: “Ich habe mindestens eine nervige Katze, wahrscheinlicher aber einen ganzen Zoo verschiedenster unterschiedlich haariger Tiere in meinem Einzimmer-Appartement, weil ich beim anderen Geschlecht seit Jahren keine Zuneigung bekomme. Ich schaue auf meiner felldurchseuchten Couch gerne “Tiere suchen ein Zuhause” und “Menschen, Tiere und Doktoren” und kann an keinem Kino vorbeigehen, in dem ein banaler Film mit einer süßen Katze – etwa “Garfield” – läuft. Ich werde Dich per Mail mit süßen Tiervideos vollspammen. Wenn Du mich datest, ist ständig der fiese Zwergpinscher dabei und in meiner Wohnung stinkt es nach Kaninchenpisse und Katzentoilette. Außerdem kann ich nie bei Dir schlafen, weil ich den Zoo betreuen muss. Sonntags bin ich beim Pferd.”

“Ich schätze gutes Essen”
Bedeutet: “Ich esse gerne und vor allem viel. Die Qualität ist zweitrangig, wichtig ist, dass ich an jedem Restaurant und Essen, das Du für mich kochst, herumnörgeln kann, bevor ich es mit großem Appetit und Nachschlag auf meine Hüften klatsche. Rustikale, fettig-deutsche Küche ist mein Favorit, ich werde Dich durch die Brauhäuser der Stadt schleifen und Schweinshaxen vergleichen. XXL-Restaurants sind mir ebenfalls recht, ich esse alles, was Akne und Übergewicht verursacht. Noch bin ich hübsch, doch nach einem Jahr Fresstour mit Dir werde ich mein Gewicht verdoppeln und mich nicht mehr bewegen.”

“Ich mag Männer/Frauen mit ein paar Kilo zuviel.”
Bedeutet: “Ich habe nicht nur einen Vater/Mutterkomplex, sondern brauche was zum Festhalten. Ich selbst bin ein Fels im dreidimensionalen Raum und möchte neben meinem Partner endlich einmal zierlich wirken. Wenn ich eine Frau bin, meinen “Kilos zuviel” krankhaft aufgepumpte Muskeln, wenn ich ein Mann bin: Breite Hüften und vor allem Riesenmöpse, glaub’ also nicht, dass Du Pummel bei mir eine Chance haben könntest.”

“Ich bin ein lustiger Typ”
Eine der schlimmsten Phrasen überhaupt. Menschen, die sich selbst als lustige Typen bezeichnen, besitzen maximal die humoristische Kompetenz von Dschungelcamp-Moderatoren. Aber MAXIMAL. Bedeutet auch: “Ich mache ständig Witze über alles und jeden und lache selbst darüber. Auf Partys bierselig geworden renne ich von Gast zu Gast und sage “Lach doch mal” oder schiebe einfach zeigend wie es geht meine Mundwinkel hoch, um die Pflicht zur guten Laune auszudrücken. Lacht der Gast nicht, setze ich mich daneben und nerve ihn mit exponentiell schlechter werdenden Gags. Ich lache wie ein Gorilla (männlich) oder wie ein Pferd auf Speed (weiblich) und verwende gerne Diminutiv-Wortendungen, weil die Welt dann nicht mehr so groß und unlustig erscheint. Schon deshalb würde ich niemals Kaffee trinken: Mein Getränk der Wahl ist das “Käffchen”.

“Ich bin ein eher ruhiger Zeitgenosse”
Wer hofft, einen weniger verquatschten Zeitgenossen zu erwischen, sollte sich nicht an Menschen mit diesen Worten im Steckbrief angezogen fühlen, denn sie verheißen blanken Irrsinn: Stille Frauen möchten den Kerl nur für sich haben und sind vollständig antisozial und menschenscheu. Stille Männer greifen sich in jeder sozialen Situation sofort ein Bier und schießen sich innerhalb kürzester Zeit ab – keine gute Wahl!”

“Ich bin sportlich.”
Sportliche Typen sollte jeder Beziehungsinteressierte meiden wie der Teufel das Weihwasser: Schreiben diese Leute, sie wären sportlich, bedeutet das nicht nur eine Reihe von Einschränkungen – etwa Halb-Marathon-Läufe am Sonntagmorgen –, sondern auch Ernährungsfetischismus und absolute Verbohrtheit in Sachen “Spaß”: Wer ernsthaft sportlich ist, trinkt nicht, raucht nicht, lebt nur für den Sport. Doch nicht nur das: Sportler sind oft über alle Maße ehrgeizig, was sich auch in anderen Lebensbereichen niederschlägt. Sportliche Menschen können nicht verlieren, was sie zu ausgemacht unangenehmen Zeitgenossen macht.

“Ich mag Kinder”
Kinderliebe ist gut und schön, hat aber einen großen Vorteil: Er oder Sie können es gar nicht erwarten, selbst Nachwuchs in die Welt zu setzen. Der erste Sexualkontakt führt unweigerlich zur finanziellen Katastrophe, angepikste Kondome inklusive – also Finger weg!

Fotos richtig deuten
Ja, es ist traurig, aber wahr: Niemand in den Menschen-Tauschbörsen postet ein ernst gemeintes Foto. Der aktuelle Status Quo ist immer der Schlimmste, daher wird auf alte Bilder gesetzt. Wenn eine Frau wirklich gut aussieht, hat das nur einen Grund: Sie ist eine Professionelle oder verwendet schlicht ein fremdes Model-Bild von irgendeiner anderen Website. Bei Männern ist es die schiere Verzweiflung, die dazu führt, dass sie fototechnisch zum Bild des wohlgeformten und längst vergebenen Kumpels greift. Die goldene Regel: Fotos sind nur dann authentisch, wenn sie richtig schrottig aussehen. Dann sind Menschen am Werk, die echt sind – sonst nicht.

Fazit: Finger weg!
Das war nur eine kurze Auswahl dessen, was sich dem Menschen-Tauschbörsen-Nutzer andient. Liebe Leser: Es ist wirklich besser, sich etwas im echten Leben zu suchen oder Single zu bleiben, als seine Lebenszeit in Online-Kontaktbörsen zu verschwenden. Wer nur Liebe machen möchte, findet hier im Club der Verzweifelten aber reichere Beute als auf einer typischen Ü30-Party. Insofern sollte man wissen, was man tut – ich jedenfalls werde auch künftig meine Finger von solchen Diensten lassen. Sie verheißen die große Liebe, doch das, was rauskommt, sind dumpfe One-Night-Stands und langweilige neue Facebook-Stalker. Wer das braucht, kann sich natürlich damit amüsieren, alle anderen sollte die Finger von Online-Diensten lassen und das Geld lieber in einen vernünftigen Flirt-Coach stecken!

3 comments

  1. Plusculus

    Die Wirklichkeit ist das, was wirkt,
    die Reatlität ist das, was ist.

    “Echtes Leben”… Wie zur Hölle bist Du in meinen Feed-Reader gelangt?

Dein Senf dazu...