Nehmen was kommt. In der Jazzgalerie an der Bonner Oxford-Straße sollte dieser Rat auf keinen Fall befolgt werden, sonst könnte der nächste Tag mit einer Begegnung der dritten Art beginnen: Wenn nämlich der Alkoholnebel verflogen ist und man die gestern schöngesoffene Prinzessin als das erkennt, was sie ist: Eine 40-jährige und dreimal geschiedene Lederfresse mit Swingerclub-Ambitionen, die sich mal wieder in Stück junges Fleisch genehmigt hat. Aber keine Sorgen machen, sie wird schon von alleine gehen.
Aber warum gleich den Teufel an die Wand malen? Besser, man beginnt dort, wo es losgeht, nämlich am Eingang. Neben den Veranstaltungspostern (Donnerstag: Ü30-Party! – Dienstag: ROCK-NACHT!) staut sich eine nicht unerhebliche Schlange aus Menschen, die Schule, Studium und vielleicht schon die ein oder andere Ehe hinter sich gelassen haben. Die Veranstalter haben verstanden: Verknappung schafft Nachfrage, was sich in Preiserhöhungen niederschlägt.
Rudis Restekiste-Elend
Und tatsächlich: Hat man erstmal den eierköpfigen Türsteher hinter sich gelassen, ist die Dankbarkeit so groß, dass die 7,50 Euro Eintritt und Mindestverzehr (2 Bons mit Werbe-Wackelbild, die mag man garnicht abgeben) wie von selbst in das käsige Dekoltée der offenbar Gothic-Versessenen Esoterik-Mitdreissigerin an der Kasse rutschen. Eine enge Treppe führt dann direkt in Rudis Restekeller-Elend.
Das Aroma von alten Socken, billigem Parfüm und ranzigem Achselschweiß kommt bei 60 Grad Celsius mit ungefähr 300 Prozent Luftfeuchtigkeit besonders gut zur Geltung. Und auch die Verursacher des Duftcocktails sind schnell ausgemacht: Links hinten, auf einer Anhöhe, stehen einige in Unehren gealterte Fitnessstudio-Tanten mit ihren flachschädligen Begleitern und versuchen vergeblich, durch besonders ausgelassenes Tanzen eine Spur jugendliche Attraktivität zurückzugewinnen.
Ranzige Nacktmulche
Das rockt nicht nur die Problemzonen, auch der eher unbedarfte Betrachter ist schnell damit beschäftigt, seinen Blick auf eine der eher selten vorhandenen unverdorbenen Damen zu richten. Unverdorben im Sinne von Verfallsdatum, nicht dass hier der falsche Eindruck entsteht, Klosterschülerinnen würden sich in der Jazzgalerie herumtreiben.
Die beste Anmache für Freunde ranziger Nackmulche: “Na, Mama, wo hast Du denn Papa gelassen?” Dabei ist Papa schon längst mit einer weniger ledrigen Mitzwanzigerin durchgebrannt.
Eine kurze Liste des Erlebten
Dummerweise war die Digicam mal wieder da, wo sie hingehört, nämlich zuhause im Regal. Sonst wäre an dieser Stelle vielleicht eine illustrierte Geschichte anzutreffen. So muss sich der Leser nun mit den möglicherweise unzureichenden Beschreibungen in Textform abspeisen lassen. Denn das, was in der Jazzgalerie herumläuft, spottet jeder Beschreibung.
Nach all der Häme sollte allerdings auch positiv erwähnt werden, dass durchaus auch hübsche Frauen anwesend sind. Wie sich das mit den Männern gestaltet, sei dem nicht ganz inkompetenten Urteil der Damenwelt überlassen.
Bacardi-Feeling
Die Musikauswahl ist der von Radiosendern nicht unähnlich, die ihr Programm mit dem Jingle “Das beste aus den 80ern, 90ern und von heute” ankündigen. Da wird dann gnadenlos versucht, mit Kate Yanai Bacardi Feeling aufkommen zu lassen. Dummerweise ist die Jazzgalerie von der Bacardi-Insel ungefähr so weit entfernt wie eine Fete im Königreichsaal der Zeugen Jehovas von einer Nacktbar.
Um das Karibik-Gefühl abzurunden werden dann vom DJ auch noch One-Hit Wunder wie Mr. Sixpack 1997 Peter André zitiert, womit sich nicht wenige der männlichen Besucher zu nervösen Bierbauch-Zuckungen anregen lassen. Dumm nur, dass dort kein Sixpack, sondern ein astreiner Pilsmuskel eher unelegant seinen Dienst verrichtet. Es muss nicht erwähnt werden, dass auch keine der anwesenden Damen nur annähernd das Zeug zum Boxenluder hat. Die einzigen Parallelen finden sich nicht im britischen, sondern im deutschen Dschungelcamp, Lisa Fitz lässt grüßen.
Besser wieder nach Hause
Die Musik wird laut und lauter und gegen Ende verlässt man den Laden, entweder mit einem Gulasch-Gesicht im Arm oder eben glücklich, noch die Wahl zu haben, alleine. Nochmal zur Erinnerung: Die Ü30-Party ist Donnerstags, die hier festgehaltenen Eindrücke wurden an einem Samstagabend gesammelt.

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