[Aktueller Song: "One Foot On the Gas, One Foot In the Grave" von Streetlight Manifesto]
What the fuck ist eigentlich in meinem Bekanntenkreis los? Alle ziehen zusammen, heiraten, machen Kinder. Bäuche schwellen, permanentes IKEA-Einkäuferglück allerorten und überall Menschen, die sich wohl mit 30 “reif” für Nachwuchs fühlen. Das ist wirklich nicht mehr feierlich, zumal sich, sobald die Kinder da sind, die Existenz der Betroffenen quasi auflöst und durch ein kleines, brüllendes, windelbeschmutzendes Etwas ausgetauscht wird, das jedes noch so starke Ego seiner Eltern Sekunden nach seinem Urschrei auflöst. Sicher: Ich wünsche den Eltern alles Gute, aber irgendwie ärgern darf ich mich ja schon.
Stolz präsentieren die in halbdebil “Gugu”-sagenden Jungeltern verwandelten Freunde und Bekannten einem dann ihren Kurzen. Die Männer machen komische Witze, die kein Kinderloser mehr versteht und freuen sich wie hirnamputierte Schimpansen über jeden Furz, den der Nachwuchs unter sich lässt. Und die Frauen? Die erzählen nur noch Insider, selbst mauerblümchenhafteste Mauerblümchen erzählen plötzlich pralle Storys über den Zustand ihrer Vagina, Kaiserschnitt und 48-Stunden-Geburtsblutbad. Ne, was lustig.
Frühförderung, Kindergarten, ist alles schon geplant. Und natürlich ist dieses eine Kind der nächste Mozart oder Einstein, da sind sich die Eltern sicher, entsprechend wird der Name auch mit System vergeben, da gibt es Ratgeberliteratur zu. Und wenn sich Wolfgang-Amadeus Schulze und Albert Müller schließlich doch in die falsche Richtung entwickeln, Drogen nehmen wie andere Leute Nahrungsergänzungsmittel und obendrein trotz Bauchbemalen im Geburtsvorbereitungskurs, Rhetorikkurs im Kindergarten, Holzspielzeug und Baumumarmen mit der biologisch abbaubaren Grundschullehrerin dann doch lieber vorziehen, mit 15 als stinkender Punk auf der Straße zu schnorren, dann werden sie gucken, diese Geniemacher.
Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste sind Menschen, die bei Facebook ein Profilbild Marke “stolzer Vater”, so mit Tragegurt und Sabberklumpen imselben, einstellen. Oder gleich nur noch ein Foto des Nachwuchses, der ist ja auch so süß. Zeigt der Welt doch, dass Ihr besser seid als all die kinderlosen Gleichaltrigen, dass Ihr Eurem evolutionären Auftrag nachgekommen seid und jetzt viel erwachsener seid als die, die keine Kinder haben wollen, dürfen oder können. Zum Kotzen ist das.
Sicher, niedlich sind sie dann, die kleinen Scheißer, aber nur, wenn man sich nicht drum kümmern muss und nur zu Besuch ist. Selbst die höllisch-keimigen Abwasserrinnen von Kalkutta riechen wie eine Frühlingsbrise gegen das, was ein Baby mit einer Windelladung unter sich lässt.
Und faschistoid werden sie dann auch noch, diese jungen Eltern. Lungern mit stolz- und milchgeschwellter Brust auf Spielplätzen herum und desinfizieren jedes Sandkorn, jede Katzenscheiße, die Klein-Jonas sich kindlich-pragmatisch in die Fresse schaufeln muss. Beäugen jeden, der sich einfach so und ohne Kind dazugesellt wie einen, der Kinderseelen Böses will. Die Eltern stellen das Rauchen ein, das ist schließlich unterschichtig, kriegen dafür aber noch mehr Kinder, was ja heutzutage noch unterschichtiger ist.
Gehen Abends nur noch weg, wenn sie einen Babysitter haben und haben sich auch sonst voll und ganz mit dem Menschenschinder-System arrangiert, das ihnen diesen Lebensweg aufzwingt und sie glauben lässt, dass das der der einzig richtige wäre. Erklären sich selbst zu Bessermenschen, weil sie am System gescheitert sind, weil sie in ihren 38,5-Stunden-Jobs mit Elternteilzeit unzufrieden sind, auch wenn sie sich das nie eingestehen würden. Die Träume der Jugend sind an der Realität zerschellt, gemeinsam ist man stark, zieht verzogene Gören hoch, die man nur geworfen hat, um sich selbst zu ersetzen. Das Geld, was dabei noch übrig bleibt, geht in die Haifischkredite zwielichtiger Geldverleiher, man wird zum Zahlzombie und am Ende will das einst so niedliche, inzwischen zum Dauerstudenten hochgezogene Gör einfach nicht ausziehen.
Wenn das Haus dann endlich Mitte 70 in den eigenen Besitz übergeht, klopfen schon Krebs und Bluthochdruck an der Tür, die längst zu Aasgeiern herangereifte und sich wie die Karnickel selbst reproduzierende Brut lungert im Haus und am Krankenbett herum, um abzugreifen, was möglich ist, wenn den ehemals so stolzen jungen Eltern die Lampen ausgehen. Dann ist am Ende das Leben vorbei, das meiste scheißegal und alles, was von einem übrig bleibt, sind ein paar DNA-Konstrukte, die seit Jahrmilliarden durch die Weltgeschichte schleichen.
Ob sich der Aufwand für ein paar Blumen auf einem in wenigen Jahrzehnten vergessenen Grab dann gelohnt hat?
Da bleibe ich lieber noch ein paar Jahre jung…


08/02/2010 at 08:42 Permalink
Du bleibst nicht jung (das ist dir ja schon selbst aufgefallen.)
Du bleibst bloß allein.