[Aktueller Song: "I’d Wait a Million Years (Re-Recorded)" von The Grass Roots]
So, nach all den blöden Gags hier mal die Aufklärung über einige Dinge. Stichwort Hodenkrebs: Was ist eigentlich los mit dem guten, alten CRen? Und was wird jetzt gemacht? 10 Fragen, 10 Antworten:
Frage 1: Was, schon wieder?
Ja, schon wieder. Das nennt man “Rezidiv” und kommt schonmal vor. Irgendwo in meinem Körper haben wohl ein paar von den Krebszellen das letzte Bombardement überlebt und sich im Lauf des letzten Jahres vermehrt. Die gute Nachricht an die Damenwelt: Es kommt nicht von der anderen Seite, was mir Operationen und Hormoncrémes erspart. Trotzdem: 1:10.000, es überhaupt zu kriegen, 1:1000, dass es wiederkommt. Macht 1:10.000.000, ich sollte anfangen, Lotto zu spielen…
Frage 2: Wie ist der Status Quo?
Egal, wo es herkommt, es hat mich kalt erwischt. Bis auf meinen Vater hat es kein Arzt gemerkt, mit dem Erfolg, dass ich Metastasen überall habe: Leber, Lunge, noch nicht im Kopf, ein Glück.
Frage 3: Wie kann denn sowas passieren?
Weiß leider keiner, sicher ist: Die Chemotherapie letztes Jahr hat nicht alles gekillt. Vermutlich saß es irgendwo in einem Lymphknoten, schön gekapselt. Es müssen wenige Zellen mit exponentiellem Wachstum gewesen sein, denn bei der Blutuntersuchung Mitte Juli war noch alles OK.
Frage 4: Ist es denn heilbar?
Ja. Hodenkrebs ist gut heilbar. Man muss nur eben alle Zellen erwischen… verdammte Kurpfuscher. Diesmal geht”s den Viechern aber an den Kragen: Vier Zyklen plus Hochdosis dürfte in meinem Körper alles killen, was auch nur ansatzweise aussieht wie eine Krebszelle.
Frage 5: Wie funktioniert eine Chemotherapie?
Ganz genau kann ich es auch nicht erklären. Es gibt verschiedene Wirkstoffe, die kombiniert werden und die bekommt man dann in regelmässigen, auf das Tumorwachstum abgestimmten Zyklen über einen Zentralen Venenkatheter oder einen sogenannten Port verabreicht. Weil das Zeug pures Gift ist, wird es direkt vor das Herz gepumpt, um die Venen nicht kaputt zu machen.
Letztes Jahr bekam ich zwei Zyklen der PEB-Mischung, die aus den Zytostatika Cisplatin, Etoposid und Bleomycin. Bleomycin. Schon beim Schreiben dieser Worte kriege ich Brechreiz. Immernoch. Und das Wissen, dass möglicherweise ein dritter gereicht hätte, um mir den Mist jetzt zu ersparen, macht es nicht gerade besser.
Diesmal bekomme ich die PEI-Mischung, bestehend aus den Zytostatika Cisplatin, Etoposid und Ifosfamid. Und das Zeug ging komischerweise diesmal runter wie Öl. Mir war nur ein bisschen Übel und gekotzt habe ich auch “nur” zweimal. Hoffe, dass meine Krebszellen nicht genauso harte Kerle sind wie ich ![]()
Da Krebszellen, zumindest in meinem Fall, wesentlich empfindlicher sind als normale Körperzellen, sterben sie im Rahmen der Therapie (hoffentlich) alle ab. Normale Körperzellen hingegen, insbesondere schnellproduzierende, stoppen einfach die Produktion. Daher kommt der Haarausfall. Schleimhäute, Blut, Spermien und so Zeug sind auch betroffen. Man kann sich das wie einen Schlag mit dem Holzhammer auf den Kopf vorstellen: Eine Maus ist danach tot, ein Mensch ist höchstens ausgeknockt und wacht wieder auf.
Frage 6: Und was ist eine Hochdosis-Chemotherapie?
Die Hochdosis-Chemotherapie ist sozusagen der goldene Schuss nach den vier Zyklen. Dabei wird auch den hartnäckigsten Tumorzellen der Rest gegeben. Der Holzhammer wird zum Sniper und schießt die letzten Reste raus.
Leider kann der Schütze nicht so genau, dadurch haut es auch auch das Knochenmark kaputt, deshalb werden vorher gesunde Stammzellen entnommen. Die bekomme ich danach wieder verabreicht, damit sich das Knochenmark wieder aufbaut. Angenehm ist anders, aber was tut man nicht alles für seine Gesundheit…
Frage 7: Verdammte Kacke, das klingt wie ein Höllenritt!
Oh ja…
Frage 8: Und die Rückenschmerzen kamen von dem Rezidiv?!
Ja, und da ist kein Arzt drauf gekommen. Hodenkrebs ist gottlob – anders als andere Krebssorten – leicht und früh erkennbar und gut heilbar. Wenn der Hoden vergrößert und verhärtet ist und sich seltsam anfühlt, solte man trotzdem schnell zum Urologen rocken.
Bei einem Rezidiv ist die Erkennung hingegen schwerer: Da tun sich die Ärzte, selbst Urologen, gerne mal schwer. Sicherheit schafft nur ein Bluttest, da sind gewisse Hormone, die der Tumor produziert, klar erkennbar. Die Rückenschmerzen sind eine Folge der Metastasen, die auf die Nerven in der Wirbelsäule gedrückt haben. Und jetzt einer für die Hypochonder unter uns: Rückenschmerzen, die länger dauern und keine klare Ursache wie akute Bandscheibenvorfälle oder Rückenfehlstellungen haben, sind krebsverdächtig. Wissen leider nicht alle Ärzte. Dumm, wenn man wie in meinem Fall eben eine Fehlstellung samt eines (alten) Bandscheibenvorfalls hat: Da schieben die Ärzte die Schmerzen gerne da drauf, selbst wenn man selbst schon den Verdacht äußert. Besondere Profis verschreiben dann Akupunktur oder anderen esoterischen Hokuspokus. Man wäre das schön, wenn man damit Krebs heilen könnte…
Frage 9: Scheiße, ich will nicht enden wie Du! Gibt es keine Möglichkeit, Hodenkrebs vorzubeugen?
Die traurige Antwort lautet: Nein. Die Krankheitsraten haben sich in den letzten Jahrzehnten verdoppelt. Sei es ob besserer Diagnosemethoden, durch die Hodenkrebs, insbesondere als Rezidiv, bei Männern erkannt wird, die früher einfach irgendwann tot umfielen, ohne dass jemand wusste, warum.
Sei es, weil irgendwass das irgendwie auslöst. Aber was das sein soll, weiß niemand. Es kommt einfach. Risikofaktoren sind Hodenhochstand und Pendelhoden, Letzteres hatte ich auch und das war vermutlich die Ursache. Die Rate liegt bei ca. 1:10.000 pro Jahr, heißt: Ein Mann von 10.000 kriegt den Mist pro Jahr.
Ansonsten soll gesunde, vitaminreiche Nahrung Krebs generell vorbeugen. Aber viel ist auch Genetik. Und Umwelteinflüsse. Letztlich kann es jeden treffen, oder eben nicht. Nicht nur im Hoden. Wer allerdings Fälle in der Familie hat, sollte extravorsichtig sein und Checks wahrnehmen. Im Fall Hodenkrebs allerdings gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis familiärer Vorbelastung. Wahrscheinlich auch, weil rund 30% aller Männer danach unfruchtbar bleiben. Verhütung mal anders…
Mit Blick auf den Medizin-Nobelpreis sind auch Viren als Auslöser zurzeit noch unverdächtig.
Frage 10: Es wundert mich, dass Du da noch so locker drüber schreiben kannst…?
Selbstmitleid ist zwar mein Ding, aber nicht in solchen Sachen. Da hilft Selbstmitleid genausowenig wie Mitleid von Verwandten, Freunden und Bekannten.
Wer jemals einen wie auch immer gearteten Schicksalsschlag erlitten hat, weiß, was ich meine.
Angehörige Krebskranker können es zwar oft nicht glauben, aber es gibt nichts, was mehr nervt in so einer Situation, als von allen lange Gesichter und Eiei zu bekommen. Die langen Gesichter sieht man den ganzen Tag im Krankenhaus!
Man mag todkrank sein, mit einem Bein im Grab stehen, aber solange es einem gut geht, möchte man normal behandelt werden. Die Normalität gibt einem die Kraft, weiterzumachen. Lachen, Reden über andere Dinge als die verdammte Krankheit, ein Nachmittag im Park oder ein ordentliches Sushi, wenn man Bock drauf hat, das sind die Dinge, die Kraft geben!.
Man wird schon früh genug herumheulen und das Leben, die Therapie und alles andere in Frage stellen und dann braucht man die Schulter und Eiei. Aber erst dann! Und auch nur dann!
An dieser Stelle dicke Props alle, die mich momentan begleiten: Ihr kriegt das verdammt gut hin! Danke für all die netten und oft lustigen Besuche, die mir die letzten drei Wochen erträglich gemacht haben. Hätte nicht gedacht, dass ich doch so viele Freunde habe, wo ich mich doch nie melde…
Noch Fragen? Raus damit, wofür gibt”s denn die Kommentarfunktion?

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