Masters of the Universe: Achtzigerjahre Stinkspielzeug

Moss-Man (Quelle: www.he-man.de)[Aktueller Song: "A Mess Of Blues" von Elvis Presley]

Es gab einmal ein Jahrzehnt, in dem die breite Masse der Menschheit noch nicht dem Öko-Gesundheitswahn anheim gefallen war. Ein Jahrzehnt, das sich von unserem wohl kaum unterschied, es gab Apple-Rechner und PCs und Videospiele und Kreditkarten und Pauschalurlaub. Allerdings gab es kein Internet, aber das war ja auch halb so schlimm, denn solange es Dinge nicht gibt, vermisst die auch keiner.

Damals, in den so genannten Achtzigern, war die Menschheit noch fortschrittsgläubig. Ohne ökologische Bedenken wurde gemacht, was Spaß macht. Und so lutschten wir als Kinder fröhlich an Weichmacher-Spielzeug chinesischer Produktion, das heute selbst im Arschloch-Herkunftsland verboten wäre. Und besaßen Actionfiguren mit besonderen Funktionen, die die heutige Einkind-Elterngeneration wohl sofort mit einer Sammelklage beantworten würde. Von diesen Actionfiguren und anderen 80er-Kindheitsphänomenen möchte ich Euch heute berichten.

Es ist schon witzig: In den 80ern war Krebs eine kaum heilbare Krankheit. Entsprechend entspannt war das Verhältnis der Menschen zu krebserregenden Dingen. Da wurde ohne Katalysator geraucht und Auto gefahren, chemische Zusätze in Alltagsgegenständen dienten als Konservierungsmittel und Weichmacher und nicht als “Krankmacher” und die zu den grünen Plüschsofas passende Eiche rustikal im Wohnzimmer sonderte wahrscheinlich mehr Abgase ab als eine Autobahn in der Rushhour. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hat es niemanden gekümmert.

Damals gab es Actionfiguren namens “Masters of the Universe“: Hässliche, muskelbepackte Gummiköpfe, die ihren außeriridischen Lebensinhalt darin gefunden hatten, sich mit anderen, noch hässlicheren Gummiköpfen zu prügeln. Es gab die guten, das waren die Krieger von Eternia. Und die bösen, das waren neben Skeletors Recken auch die Horde, die von einem graumellierten, ewig übellaunigen Halbroboter namens Hordak angeführt wurden und die innerlich zerrissenen Schlangenmenschen, die so eine Position einnahmen wie die Schweiz, nur nicht ganz so böse.
Nicht nur, dass diese Knaben sich aus unglaublich gesundheitsschädlichen Materialien rekrutierten, nein, sie hatten auch zahllose Funktionen, die heutige Eltern wohl in die absolute Gesundheitshysterie treiben würden. Da gab es gleich eine ganze Reihe von Figuren, deren Kopf man abschrauben konnte, einen kleinen Wassertank zu befüllen. Nach dem Wiederaufschrauben des Kopfes konnte man dann durch einen beherzten Druck auf denselben Wasser mit den Knaben versprühen. Aus heutiger, gesundheitsbewusster Sicht sicherlich ein Unding: Im Körper verbliebenes Restwasser könnte Weichmacher aus dem Plastikleib lösen, umkippen und den ewig nuckelnden Nachwuchs schwer verkrebsen. Nein, sowas gibt es heute sicher nicht mehr.

Doch es kam noch schlimmer: Spätere Masters-Figuren besaßen Fell, kleinteiliges Fusselzeug aus sicherlich nicht unbedenklichem Kunststoff, das sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit löste und in die von der allgegenwärtigen Raucherei der Erwachsenen ohnehin schwer belasteten Atemwege flog, um dort größere Verheerungen anzurichten als eine kleine Hieroshima-Bombe. Heute, in einer Zeit, in der ganze Schulen abgerissen werden (“Asbest!!!”) wäre es wohl kaum noch möglich, derartige Figuren zu verkaufen. Wir hingegen, die uns hauptsächlich in diesen Asbestschulen aufhielten, in denen selbst die Lehrer noch rauchen durften, wenn wir nicht gerade zuhause zugequarzt wurden, waren dankbar über das plüschige Gefühl in der Lunge, wenn wir wieder eine große Portion Fell eingeatmet hatten. Immerhin: Es war besser als die Alternative, der radioaktive Staub von Tschernobyl, der unsere Spiel-, Fußball- und Rasenplätze nachhaltig verstrahlte. Wir hatten damals zwar schon eine Sperre erhalten, in der wir nicht auf die Spielplätze durften, die etwa vier Wochen anhielt. Das war nicht einmal die Hälfte der Halbwertszeit, aber hey: Wir haben es soweit ganz gut überstanden.
Heute würde eine solche Katastrophe wohl zu monatelangen Ausgangssperren führen und jeder Kontakt mit der Außenwelt würde mit einer Antistrahlendusche finalisiert. Öffentliche Orte würden von Reinigungstrupps in Strahlenschutz-Uniform entgiftet und das Entgiftungsmittel selbst würde von irgendeiner gesundheitsbewussten Elternbewegung als krebserregend eingestuft. Die ohnehin schon viel zu dicken, viel zu energiegeladenen Einzelkinder müssten ihre Restjugend in der scheinbar sicheren Elternwohnung in sagrotangeschwängerter Luft bei garantiert strahlenfreiem Obst aus Südamerika vor der Playstation verbringen und noch fetter und energiegeladener werden, bis sie schließlich in der bleiverkleideten Praxis eines wahnsinnigen Jugendpsychiaters mit Ritalin bis zur Volljährigkeit ruhiggestellt würden.

Doch es sollte noch schlimmer kommen: Natürlich waren Tschernobyl, Weichmacher und Kunstfell noch nicht die tiefsten Tiefen der Gesundheitsschädlichkeit erreicht. Wir joggten jedes Jahr zu den Bundesjugendspielen auf dioxinverseuchten Sportplätzen, von deren Dioxinverseuchung noch keiner wusste und warfen in brutaler, ozongeschwängerter Julihitze Schlagbälle über den Platz. Dabei trugen wir Sporttaschen aus seltsamen Kunststoffen und in Fernost produzierte Adidas-Sporthosen, wie sie heute wieder in Mode sind. In den Taschen warteten unsere Masters-Figuren der dritten, final ungesunden Generation auf uns: Die Stinkfiguren.

Moss-Man und Stinkor waren es, die es uns angetan hatten. Stinkor sah aus wie die Stinktier-Version von Arnold Schwarzenegger. Ob seines eigenen Körpergeruchs trug er immer eine Art orangefarbene Gasmaske, was ich damals schon sehr seltsam fand. Denn auch Kinder lehrt die Erfahrung, dass Menschen zu allerletzt den eigenen Ungeruch wahrnehmen. Bei Stinktieren und Stinktier-Bodybuildern dürfte das nicht anders gewesen sein. Stinkor verströmte in der Tat den schwer synthetischen Patschuli-Ungeruch von Goth-Mädchen, der sich durch einen gepflegten Wurf in die Badewanne ins Unerträgliche steigern ließ. Wie ein nasser Hund verweste der Typ auf die ihm eigene, künstliche Art, sobald er nur ansatzweise feucht wurde.
Moos-Man war da anders, aber der gehörte ja auch zu den Guten. Wie sooft bei den Masters hatten die Produktentwickler einfach die Gußformen einer alten Figur für eine neue Figur verwendet, denn Moss-Man war eigentlich der gute, alte Beast-Man aus der ersten Masters-Serie, der Skeletors ewig dämlicher Handlanger war. Statt orange war er grün wie die Couch im Wohnzimmer und trug ein kleinteilig-staubiges “Fell”, das sich ebenfalls jederzeit bereit fand, jugendliche Lungenbläschen zu verkrebsen. Statt nach Stinktier roch er nach künstlichem Moos, also in etwa in der unsäglichen Art, in der auch die seinerzeit aufkommenden “Irish Moos”-Aftershaves rochen, die gerne von Mantafahrern und erfolglosen Yuppies aufgetragen wurden. Und genau wie die und sein Kumpel Stinkor wurde der Geruch besonders intensiv, wenn die Figur ins Wasser geworden wurde.
Das beste an diesen Figuren ist allerdings, dass sie selbst heute, über 19 Jahre nach ihrem letzten Verkauf, immer noch ihren originären Geruch tragen, wenn man sie auf dem Flohmarkt findet. Zwei Jahrzehnte schmutzige Kinderhände und elterliche Raucherei sind spurlos am Geruch der ansonsten meist ihrem Alter entsprechend aussehenden Figuren vorbeigegangen. Das Wunder der Chemie – heutzutage undenkbar!

Aus heutiger Sicht sind Stinkor und Moos-Man sicherlich das ungesündeste, was der Spielzeugmarkt je hervorgebracht hat: Die Weichmacher in den Gummiköpfen, das krüsselige Fell und dazu der sicherlich mehr als krebserregende Chemiegestank. Doch Mattel hat nicht nur eine ganze Jungsgeneration vergiftet: Eine Bekannte versicherte mir glaubhaft, dass auch Mattels Mädchenspielzeug über ähnliche Funktionen verfügte. Da gab es zum Beispiel kleine Ponys, die nach Erdbeer rochen. Und das tun sie wohl auch heute noch. Leider waren die Ponys oft Opfer maskuliner Hassattacken, weshalb sich ihre Flohmarktpopulation massiver verringert haben dürfte als die von Moos-Man und Stinkor.

Heutige Eltern würden wohl ob solcher Spielzeuge Amok laufen. Ich sehe schon wütend mit dem SUV vorfahrende, wie die Stammbesetzung von “Ally McBeal” aussehende Ex-Dinks, die armen Spielzeugverkäuferinnen mit dem Anwalt drohen, weil sie solche “hässliche, stinkende Chemiescheiße” an den lieben Nachwuchs verkauft haben. Der nächste Schritt wäre eine hysterische, weltweite Sammelklage gegen Mattel. Gesundheitsexperten würden im Tierversuch feststellen, dass der wochenlange Aufenthalt in einem Schwimmbad voll Stinkor-Flüssigkeit das Krebsrisiko um ein Promille steigern würde. Die Elternwelt würde ausrasten und den Konzern in Grund und Boden klagen. Eventuell dürfte Mattel nach dem erfolgreichen Richtspruch noch politisch korrektes Holzspielzeug aus nachwachsenden Rohstoffen verkaufen.
Das ist auch viel gesünder, solange es nicht splittert. Und das beste daran: Wenn man davon Krebs kriegt, weiß man gar nicht mehr, warum.

Weitere Infos zu dem Masters of the Universe: www.he-man.de/www.PlanetEternia.de/www.hordak.de

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