[Aktueller Song: "The Message" von NaS]
Früher, als Teenager, habe ich ja Hip-Hop gehört. Leider halb im Verborgenen, denn auf meiner Schule war Hip-Hop Mitte der 90er eher verpöhnt. Hip-Hop-Hörer mussten sich verstecken, weil sie sonst von den allgegenwärtigen Schwermetallern, Satanisten, Punks und Bravo-Hits-Hörern ausgelacht oder gehauen worden wären. Klamottenmäßig ging im coolen Bonn auch nicht viel, für die passenden, besser gesagt: unpassenden Hosen für 200 Mark musste man nach Köln fahren. Und da das Geld für derartigen Luxus oft fehlte, weil wir es lieber in die Schlitze von Arcade-Automaten warfen, behalfen wir uns mit auf halbacht hängenden Levis 501, T-Shirts in XXL und Starter-Mützen. Gott, sah das scheiße aus!
Trotzdem hatten mein Kumpel und ich aber immer die coolen Chickz Nicole und Steffi um uns, die immer unsere mit LLCoolJ oder Dr. Dre gefüllten Walkman-Stöpsel haben wollten, wenn wir arbeitsverweigernd in der letzten Reihe im Kunstunterricht saßen, die Basecap tief in der Fresse. Arme Frau Uher.
Ja, Frau Uher, unsere Kunstlehrerin, muss besonders unter uns unglaublich coolen Hip-Hoppern gelitten haben. Wenn wir malen sollten, malten wir, und zwar am liebsten mit Edding auf die Tische. Nicht, dass wir getaggt hätten, das war uns zu dämlich, schließlich waren wir ja gehobene Hopper und keine dämlichen Sprayer-Penner. Zumindest meinten wir das und wenn wir dann doch die Spraydosen auspackten, taten wir das am alten Wasserwerk im Wald unten, das sowieso bald abgerissen wurde. Und das, obwohl seinerzeit die B-Boy- und Sprayer-Szene noch eng mit der Hip-Hop-Szene verknüpft war.
Aber auch die “Szene” war per se nicht existent: Auf unserer bessere-Kinder-Schule auf dem Dorf gab es bestenfalls hin und wieder Besuch von den, zumindest aus unserer Sicht, “echten” Gangstas aus dem “echten” Ghetto ein Dorf weiter, weil wir uns mal wieder aufgrund unserer losen Coolejungs-Klappe mit denen angelegt hatten. Dann gab’s immer fast auf die Fresse, aber als White-Rich-Kid-Hopper war man ja auch sowas von rhetorisch begabt, dass man den finalen Super-GAU einer Ohrfeige (“Schläggee?!?”) von einem ebenfalls sehr pubertären, aber eben wesentlich asozialeren Hopper abwenden konnte. Knapp zwar, aber immerhin. Damals waren ja selbst die Bushido-Klone, die seinerzeit ja gar nicht wussten, dass es Bushido mal geben würde, unbewaffnet. So brav war’s damals, anno ‘96 in da Ückesdorf-Hood. Und das war auch gut so, sonst hätten die Prolls uns Billig-Gs gepflegt mit einem Drive-By erledigt.
Damals waren wir, trotz des Beefs mit den “echten” Gs, so cool, dass wir im Gehen festgefroren sind. Mein Kumpel hatte sich damals angewöhnt, sehr langsam zu reden und zu gehen, sich überhaupt wie in Zeitlupe zu bewegen, eine Angewohnheit, die er auch heute noch pflegt und die mich regelmäßig auf die Palme bringt, wenn ich den Typ mal sehe, denn das mit den Kumpels ist ja auch schon lange vorbei. Ich für meinen Teil war ja immer mehr so der nervöse Typ und deshalb haben wir, meist im Matheunterricht bei Frau Nelles, ganz coole Reime geschrieben. Die waren so cool, die hätte uns sogar Moses P. abgekauft, da waren wir uns sicher. Nur, dass auch die Reime von Moses Pelham nicht wirklich cool waren, so in der Rückschau.
Trotzdem war ja das Rödelheim Hartreim Projekt als Gegenbewegung zu den schon viel zu oft auf den Bravo-Hits gefeatureten und damit viel zu mainstreamingen Fantastischen Vier das größte. Damit konnten wir zwar auf keiner Party punkten, aber uns zumindest einen gewissen Lebensstil angewöhnen: “Auf die fünfte Mio saufen und dann besoffen Porsche fahren”, sang Pelham und das machen wir ja bis heute, nur dass wir nun eher die fünfte Mio VERsaufen und der Porsche inzwischen sogar ein dicker Benz mit Chauffeur geworden ist. Ein dicker Benz von den Stadtwerken… damals bin ich für die Pelham-Anwandlungen in eigentlich jeder Mathestunde vor die Tür gestellt worden. In kürzester Zeit wurde es zum Sport, die Reime dann draußen weiterzuschreiben, weshalb sich mein Kumpel und die Mädels unmittelbar nach meinem Rauswurf redlich bemühten, ebenfalls den Klassenraum verlassen zu dürfen.
Ja, ich würde an dieser Stelle gerne erzählen, dass wir viel Skateboard gefahren sind, Autobahnbrücken besprüht haben und zwischen zwei Gangbangs viel Gras geraucht haben, damit der Steckschuss im Bein nicht so schmerzt, aber dem war leider nicht so. Drogen fanden wir scheiße, wir haben damals nichtmal geraucht und Alkohol? Pah! Metaller-Schwachsinn! Und Sex? Das war auch nicht, die Mütze war wohl im Weg. Stattdessen waren wir immer irgendwie in irgendwen verknallt und statt vernünftiger Depri-Mucke musste natürlich Bone-Thugs’n Harmony herhalten. Das klang irgendwie romantisch, wir verstanden ja den Text nicht. Heute verstehe ich ihn und seitdem stehen die Platten auch nur noch im Schrank. Das geht mir übrigens mit verdammt vielen meiner Hip-Hop-Platten so, die ich mir natürlich hauptsächlich wegen des Parental Advisory-Aufklebers gekauft habe.
In der Rückschau waren wir seinerzeit unglaublich peinlich. Dann fingen mit der Oberstufe plötzlich alle anderen an, Hip-Hop zu hören und das erleichterte uns dann doch, uns von unserer Peinlichkeit zu distanzieren und auf andere, rockigere Musik auszuweichen. Frühpubertäre Entgleisungen sind ja durchaus tolerierbar, doch als die ganzen Metaller nach den Sommerferien ‘96 plötzlich Ihre Megadeath-T-Shirts gegen Shirts mit Grafitti eintauschten und mit Freeman-T-Porter-Hosen und Nike-Turnschuhen antanzten. Sie seierten und altgediente Hopper mit Kool Savas und dem Wu-Tang-Clan zu, hatten immer schlaue Sprüche zum damals glaubwürdig verkauften, in der Rückschau aber völlig inszenierten Eastcoast-Westcoast-Konflikt wären natürlich nie dem bösen Kommerz anheim gefallen. Es war die Zeit der ersten wirklich kommerziellen deutschen Hip-Hop-Welle mit “Musikern” wie Nana, Papa Bear und Down Low, deren redliche Versuche, sich auf deutschem Boden als schwarze Gangster zu profilieren, gnadenlos scheiterten, um Platz für Plattenbaugewächse wie Sido und Bushido zu machen.
Das war dann auch die Zeit, um auf andere, passendere Musik auszuweichen. Statt der bösen schwarzen Jungs hörten wir Crossover, Punk-Rock und Ska und kauften beim Hip-Hop nur noch Qualitätsware wie 2Pac oder später die Black Eyed Peas ein. Und siehe da, plötzlich klappte es auch mit den Mädchen. Mein letztes Hip-Hop-Album war für viele Jahre “Chronic 2001″ von Dr. Dre, die CD ist bis heute ein Meisterwerk. Dann allerdings begann die Zeit von Eminem. Und mit Eminem wurde der Kram endgültig massenkompatibel. Die ersten beiden Alben besitze ich auch noch, danach verschwanden meine weiten Hosen endgültig im Schrank. Irgendwann, es muss um die Jahrtausendwende gewesen sein, habe ich dann begriffen, dass man eigentlich besser Musik hören sollte, die zum eigenen Lebenshintergrund passt, um nicht komplett peinlich zu rüberzukommen.
Inzwischen, Jahre später, hat sich der Musikgeschmack geglättet. Was gut ist, wird gekauft, scheiß’ auf’s Image. Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Irgendwie bin ich im Pop angekommen und finde Oasis toll. Ich glaube, der kleine Gangsta damals hätte den alten Mann dafür ziemlich verscheißert, allerdings auch nicht lange, denn wenn ich heute meinem 11 Jahre jüngeren Alter Ego über den Weg laufen würde, würde ich ihm erstmal für seinen beschissenen Musikgeschmack und seine albernen Klamotten eine reinhauen…

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