Mit dem Auto in die Bretagne

Auf an's Meer!

Auf an's Meer!

—Aktueller Song: “Somewhere In the Between” von Streetlight Manifesto—

In wenigen Stunden fahre ich los: Mit dem Auto mit dem frisch implantierten Schiebedach Richtung Bretagne. Das klingt im Vergleich zur Weltreise vor inzwischen über zwei Jahren, die noch dazu von vulkanischen Aktivitäten gestört wurde, erst einmal unspektakulär: Immerhin sind es streckenmässig nur rund 1.000 Kilometer, die mich von zuhause trennen – Kindergarten, diese Strecke schaffen Rentner auf dem Jakobsweg auch problemlos zu Fuß. Genau deshalb habe ich mir die Reise etwas erschwert und gewisse, für Deutsche auf Reisen typische Dinge, einfach auf Seite gelassen, um das Abenteuer Europa mal so richtig zu erleben:

  1. Ich werde ab dem Überschreiten der französischen Grenze, also ab Dunkerque, keine Autobahnen mehr benutzen, sondern an der Küstenlinie entlangfahren, was die Entfernungskilometer faktisch mehr als verdoppelt und mich durch viele völlig unbekannte französische Provinzkäffer führen wird.
  2. Ich habe mir keinerlei Reiseliteratur zu Gemüte geführt – all mein Wissen über die von mir nur grob überschlagene Route basiert auf oberflächliche Besichtigungen per Google Maps und die Erinnerung an Bretagne-Urlaube als Kind in den 1980ern. Das Endziel soll La Rochelle sein.
  3. Ich werde nicht eine Unterkunft vorab buchen, sondern mich bei Bedarf in einem Hostel oder auf einem Campingplatz niederlassen. Das neue Zelt habe ich natürlich vorab nicht aufgebaut, außerdem verzichte ich mit meinen fast 33 Jahren und Bandscheiben-Problemen auf eine Luftmatratze und nutze stattdessen nur die 5,99 Euro-Isomatte von Aldi sowie den Meru-Schlafsack, der mir bereits in Neuseeland gute Dienste leistete.
  4. Das Auto ist natürlich kein Kombi, sondern ein zehn Jahre alter Corolla 3-Türer, in dem ich natürlich nicht ausgestreckt schlafen kann. Die einzige Vorab-Wartung bestand aus Ölstandcheck und Reifendruckkontrolle sowie einmal Durchsaugen.
  5. Eigentlich hatte ich die Tour per Vespa geplant, musste dann aber feststellen, dass Tankintervalle von 150 Kilometern sowie ein angehendes Karpaltunnelsyndrom in der rechten Hand – hier altert der Mausschubser – minimale Pausenintervalle von 80 Kilometern nötig machen würden. Zudem ist das Wetter in der Zielgegend eher unzuverlässig.
  6. Ich werde natürlich Anhalter mitnehmen, sofern sich das ergibt.
  7. In sechs Stunden will ich fahren und ich weiß nicht einmal, was ich einpacken will.
  8. Ich spreche exakt genauso so gut französisch wie Kisuaheli. Und Kisuaheli kann ich definitiv nicht.
  9. Als Campingkocher dient ein alter BW-Esbitkocher, als Geschirr muss das 4,95-Euro-Set von Amazon reichen. Soeben habe ich im Kaisers unten ein reduziertes Set aus Campinggaskocher, Töpfen und Gaskartuschen für insgesamt 19 Euro gekauft – besser ist das.
  10. Ich setze mich ganz bewusst dem Risiko aus, während eines Deutschland-Frankreich-EM-Spiels als Deutscher in einer der von den Nazis und ihren Folgen ordentlich gequälten französischen Regionen unterwegs zu sein.

Alles in allem schaut’s also gut aus – das Abenteuer Autoreise kann beginnen. Andere Leute empfahlen mir, eher Richtung Italien oder Südfrankreich durchzustarten, aber ich persönlich kann dem Mittelmeer an sich wenig abgewinnen – der Atlantik und die Nordsee sind aus meiner Sicht schon aufgrund ihrer Wildheit und Kühle deutlich interessanter, zudem schätze ich den keltischen Touch des französischen Nordens. Bleibt zu hoffen, dass die Tour lustig wird.