Musik-Vergangenheits-Zurechtpfuscher

turbojugend[Aktueller Song: "Ziggy Stardust" von David Bowie]

Eigentlich hört ja niemand mehr so wirklich die Musik, die er in seiner Jugend gehört hat, einzelne Lieder vielleicht, aber nie alles. Wenn er es doch tut, kann von fehlendem Entwicklungspotential ausgegangen werden, um mal sinnlos Personalabteilungssprech einzuwerfen. Alle anderen hören mehr, man ist eben nicht mehr “nur” Metaller, Hip-Hopper, Rocker, Britpopper oder sonstwas. Man muss sich nicht mehr über die Musik definieren, man hat jetzt ein Leben.
Denkste.

Neben den Entwicklungshilfebedürftigen, die ich hier mal gnädig auf Seite lassen möchte, gibt es zahllose Menschen, die sich ihre musikalische Jugend schönpfuschen. Egal, was sie gerade hören, egal, wie populär das ist, die Band haben sie immer schon als erste gehört. Oder den Sound höchstselbst aus einer coolen Stadt, etwa London oder Amsterdam, importiert, und zwar schon vor 10 Jahren, als Mixtape, versteht sich. Diese Leute glauben wirklich, es sei cool, etwas aus London oder Amsterdam mitzubringen, und wenn es nur ein Tripper oder irgendeine Schranz-Unterkategorie ist.

Wie dem auch sei: Da gibt es etwa das House-Mädchen, das ja schon immer House-Musik gehört hat und alle DJs der Stadt kennt. Etwas tiefer nachgehakt, vielleicht nach dem körperlichen Einhaken bei einem One-Night-Stand, stellt man dann fest: Da stehen ja Bravo-Hits im Schrank. Und ein Longplayer von, jaha, die hatten wir alle längst vergessen, Bed & Breakfast.

Oder der Hopper. Viele Hopper haben früher nämlich Metal gehört, denn Metal war, so glaubten sie damals, ziemlich tolle Musik. Später stellten sie fest: Weite Hosen und Kenntnisse von Nate-Dogg-Texten weiten die Herzen von leicht zu habenden Kreolenschlampen. Die Metal-Phase ist einfach aus dem Lebenslauf getilgt, zu peinlich. Dumm nur, dass auch Hip-Hop, abgesehen von einigen Bands und Künstlern, inzwischen auch ziemlich peinlich ist.

Ganz besonders toll sind Menschen, die in Musik eine Art Lebensinhalt erkennen. Mit jeder Wandlung des Musikgeschmacks wird auch die politische Richtung, gar der Kleidungsstil, notfalls sogar Tatoos geändert. “Nazis Raus”-Tätowierungen werden zu Hakenkreuzen umgelasert oder umgekehrt umgestochen. Einstiegsdroge für diese Hirnamputierten sind meist die “Böhsen Onkelz” und nene, die sind nicht rechts oder links und eigentlich mag man ja nur die Texte. Der elternuntaugliche Gegenentwurf zu den Hosen und den Ärzten ist zwar bis heute unhörbarer Schrott, aber das interessiert dann auch nicht mehr.

Ebenfalls schön: Menschen mit Kuschelrock-Ambitionen, die über “November Rain” von Guns ‘n Roses den Einstieg in die Rockszene fanden und seitdem rundum tätowiert und gepierct Minibands supporten, aber auch nur, weil der Freund oder die Freundin diese Typen kennt.

Zuguterletzt gibt es noch eine Gruppe, die wirklich verabscheuungswürdig ist: Die Schlagerkonsumenten, die mit Schlager großgeworden sind, weil Papa und Opa das schon gehört haben. Die hängen dann in schwitzigen Schnurrbart-Diskos mit einem Kölschfass rum und gröhlen Wolfgang-Petry-Texte, aber wenigstens können die jederzeit ganz ehrlich von sich behaupten, keine Musikvergangenheits-Zurechtpfuscher zu sein. Traurigerweise.

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4 Responses to “Musik-Vergangenheits-Zurechtpfuscher”

  1. Lady

    Der Grad zwischen Wolfgang-Petry-Schlager und Bands wie Juli oder Ich&Ich, Rodenstolz und wie sie alle heissen ist sehr, sehr, sehr schmal

  2. CRen

    Besonders Ich & Ich, die meiner Meinung nach eh wie Schlager klingen… aber nein, was in Deutschland Schlager ist, entscheidet ja die 1Live-Redaktion ;)

  3. Bloggeresk

    Der Hauptunterschied liegt wohl weniger in der Musik als mehr im Kleidungsstil der Hörer

  4. wazi

    Onkelz als Einstiegsdroge für Nazis?
    Hab ich etwas verpasst?


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