[Aktueller Song: "Where Do You Go to (My Lovely)" von Peter Sarstedt]
Der Kölner ist ja tendenziell nachtaktiv. Für diese Erkenntnis muss man nicht auf die Ringe fahren, dazu bedarf es nur eines Blicks in die Gesichter der Kollegen am frühen Morgen, wie sie da wie Kadaver über ihren dampfenden Kaffeepötten hängen, kaum fähig, ein vernünftiges Wort zu nuscheln. Sonst so gesprächig, zeigt auch der Kölner hier seinen Schwachpunkt. Wach wird er erst wieder gegen Abend und dann richtig. So richtig, dass der IKEA in Ossendorf eben bis 24 Uhr geöffnet hatte.
Nicht, dass ich normalerweise zu diesen Idioten gehören würde, die solche Angebote annehmen. Nein, eigentlich bin ich völlig immun gegen Einrichtungen wie verkaufsoffene Sonntage, an denen Luftballons an sonnenverbrannte Kinder auf bestickte-Hemden-Väterschultern verteilt und cholesterinhaltige Lockangebote vor jedem zweiten Ramschladen mit doch-keinen-Sonderangeboten gebraten werden. Diese Mischatmosphäre von Ramschladen und Volksfest, genervten Verkäufern und Menschenmassen, brüllenden Kindern und shoppenden Ehefrauen ist mir mehr als zuwider, ja fast ein Graus.
Warum tut man sowas?
Es ist eine urspießige Angewohnheit der altwerdenden Yuppie-Generation Golf, einen verkaufsoffenen Sonntag zu nutzen, um mit der ganzen Familie Shoppen zu gehen. Wer cool ist und das wirklich nötig hat mit der Familie zu shoppen, macht krank oder frei, so ist das! Und wer richtig cool ist, hat weder Job noch Familie, die ihn am Einkaufen zu regulären Zeiten hindern würden.
Manchmal, ganz selten, schrecke ich sogar nachts auf, weil mir davon träumte, meinen Sonntag zwölf Stunden lang shoppen zu müssen. Mit meiner hyperaktiven, Shopping- und IKEA-geilen Ex-Freundin. Dann schwitze ich viel und brauche lange, um wieder in den Schlaf zu finden.
Nun also verkaufsoffener Abend, bei IKEA, bis 24 Uhr, denn 0 Uhr klingt nach nichts. 24 Uhr hingegen nach 24 Stunden Bereitschaft, das zieht. Obwohl ich verkaufsoffen-Events verabscheue, bin ich – ebenfalls schwer nachtaktiv – nunmal auch ein Freund von rund-um-die-Uhr-Shopping. Ladenschlussgesetze sind was für Deutschland. Deshalb liebe ich meine Kölner Kiosks. Deshalb fuhr ich zu IKEA. Und weil ich zwei Bollö-Stühle und einen Tisch haben wollte. Spontan. Zum zweiten Mal. Weil heute die Sonne schien. Wie letztes Mal. Und ich auf dem Balkon nur einen ranzigen Pseudoliegestuhl habe. Auch ich werde langsam alt, dass ich mir jetzt Balkonsitzgarnituren in Akazienholz an einem Sonnentag kaufe, aber das ist ja Nebensache, denn zum Kauf kam es dann doch nicht.
Der Horror fing eigentlich schon vor der Haustür an. Am Auto fingen mich drei strunzbetrunkene Kölnerinnen mittleren Alters und mit dem Gehabe und Aussehen von Disko-Klofrauen ab – die Kölschkneipe gegenüber ist ein zuverlässiger Gegner, rund um die Uhr, das ganze Jahr. Ob ich Feuer hätte? Widerwillig steckte ich mit meinem orangenen BIC-Feuerzeug West Lights an, die ihrerseits in faltigen Mundwinkeln steckten und floh zum Auto, ehe die drei Grazien mich in ein Gespräch verwickeln konnten.
IKEA. Jetzt aber. 23.14 Uhr und der Parkplatz ist voll. Es wird ausgeparkt, kollektiv, das Shopping ist beendet. Männer kriechen auf dem Zahnfleisch hinter mit Glückshormonen vollgepumpten Frauen her, so ist das nach einem 14-Stunden-Shopping-Trip. Sinnloses Zeug in gelben Taschen wird in Pampersbomber-Ladeklappen geworfen und vor dem IKEA wird gegrillt, das Wetter ist ja gut, Tomaten mit Füllung natürlich, bloß kein Fleisch, das wäre gegen das Konzept. Gegrillt wird nur gesund, bei IKEA, von IKEA, durch die IKEA-Kundschaft.
Drinnen dann der Schnelldurchlauf: Treppe hoch, am Restaurant vorbei, runter in die fürchterliche SB-Halle. Unterwegs trotz der Kürze des Weges dann doch wieder wie immer irgendwelchen Billigrödel mitgenommen, den ich eigentlich gar nicht brauche. Bollö Gartenset ausfindig machen. Probesitzen. Für gut befinden. Tisch aufschultern. Wo sind die Stühle? Keine Stühle? Wo sind die VERDAMMTEN Stühle?
IKEA-Mitarbeiter suchen.
Die sich gierig vordrängelnde schwule Hupe mit rosa Hemd und Halstuch vom IKEA-Mitarbeiter wegschubsen.
IKEA-Mitarbeiter einfangen und die schimpfende schwule Hupe dabei am ausgestrecktem Arm weibisch schimpfen und fuchteln lassen.
IKEA-Mitarbeiter fragen, wo die Stühle sind.
“Auf dem LKW” als Antwort hören. “Gibt’s morgen früh wieder.”
Morgen früh ist Samstag. Samstag gehe ich nicht zu IKEA. Oh nein. Das sage ich diesem kleinen, untersetzten IKEA-Möbelpacker mit Raspelfrisur und Ohrring. Und dass die Bollö-Stühle schon letztes Mal nicht da waren. Er lacht. “Morgen gibt’s aber welche. Aber wenn Sie nicht kommen, gibt’s auch keine Stühle.” Haha.
Dem Impuls wiederstehen, das IKEA-Mitarbeiter-des-Monats-Grinsegesicht mit dem durchaus massiven Bollö-Tisch zu rastern.
Stattdessen ohne Vorwarnung mit samuraiartiger Geschwindigkeit die schwule Hupe loslassen, die sich sofort auf den IKEA-Mitarbeiter stürzt und ihn in einem Tonfall, den eben nur schwule mit rosa Hemd und Halstuch drauf haben, mit Fragen löchert. Das ist Strafe genug.
Tisch vor den Augen des schwul behupten IKEA-Mitarbeiters lasziv mitten in die Einkaufswagenhauptverkehrsstraße stellen.
Den Billigrödel auf den Boden schmeißen.
Laut fluchen.
IKEA verlassen OHNE einen Hotdog zu essen. Das tut denen richtig weh!
23.41 Uhr. An der 24-Stunden-Tanke in Köln-Ossendorf. Zwei Hirnamputierte plus ein dämlicher Tankwart sind nicht in der Lage, ein Kartenlesegerät zu bedienen. Ein Türkenbruder im Benz brüllt seine Schwester an, auf türkisch, aber es geht wohl um Ehrenmord, vielleicht nicht jetzt so konkret, aber bestimmt in den nächsten Tagen. Ein Besoffener haucht mir seinen Verwesungsatem in den Nacken. Auch das ist Köln ohne Ladenschlussgesetz. Und das ist definitiv besser als IKEA.

10/08/2009 at 13:52 Permalink
Oh Mann!
Der Schreibstil ist teilweise zwar wirklich ein bisschen grob, allerdings gefällt mir die Strukturierung sehr gut. Erinnert ein bisschen an manche coolen Filme ala Tarrantino oder Rodriguez 
Über deinen Artikel musste ich wirklich herzhaft lachen
Das Ikea-Problem kenn ich nur zu genüge. Ich habe es auch wirklich satt mich durch diese vollgestopften Gänge quälen zu müssen…