Nichts können, aber Filesharing machen!

[Aktueller Song: "Jerusalem (Out Of Darkness Comes Light)" von Matisyahu]

Neulich klingelt mein Handy. “Hallo, hier ist XXX”, vermeldet der Anrufer mit stark sauerländischem Dialekt. Ich überlege kurz, der Name sagt mir nichts, der Dialekt aus familiären Gründen schon mehr und sofort denke ich an verstorbene, mir unbekannte, aber stinkreiche Uronkel, erbensuchende Notare und einen warmen Geldregen, deshalb schalte ich auf freundlich. “Ja, was möchten Sie, bitte?”
Wie sich sehr bald herausstellte, war kein unbekannter Uronkel verstorben, vielmehr meldete sich nach fast einem Jahr der Käufer meines iBooks, das ich bei eBay verscheuert hatte.

Rückblende:
Mein größter Fehler ist, dass ich höflich bin, wenn es überhaupt nicht angebracht ist. Normalerweise kann man Privatverkäufe bei eBay nach dem Versand vergessen. Nicht so das iBook. Noch während ich es zur Post brachte, meldete sich der Käufer, der offensichtlich weniger Ahnung von Computern hatte, als heutzutage gesund sein kann. “Taugt das iBook denn auch für meine Tochter?” und “Kann ich das ins Internet machen?” waren den Fragen, die den Käufer bewegten. Ich blieb freundlich. Auch, als er mir verriet, dass seine Frau ja “viel mehr Ahnung” von Computern habe als er. Auch noch, als sich seine Frau als ebenso ahnungslos herausstellte. “Nein, das ist ein Apple-Rechner, da läuft kein Windows drauf, aber keine Sorge, das Mac OS X ist eh das bessere System für Einsteiger”, rettete ich, was zu retten war, eine erneute eBay-Auktion vor Augen. Und versandte das Teil mit einer handgeschriebenen Anleitung für den Start, installierte gewisse Programme und richtete alles ganz besonders idiotensicher ein. Alle Passwörter schrieb ich auf einen weiteren Zettel und war mir sicher, dass ich jetzt Ruhe haben würde, doch Fehlanzeige.

Wenige Tage später klingelte wieder das Telefon.

“Joa, unsere Tochter mag dat PC.”
“Schön, das freut mich.”
“Wir kriegen dem nur nicht an.”
“Ich habe Ihnen einen Zettel beigepackt.”
“Habense?”
“Habeich!”
“Moment, da weiß ich nichts vom, ich geb” Ihnen mal meinen Frau.”
Frau kommt ans Telefon.
“Joa, da waren zwei Zettel bei.”
“Haben Sie da mal drauf geschaut?”
“Joa, aber all dat mit dem Technikkram, wir sindanich so fit, woll?”
Es folgte mein Hinweis auf den als solchen gut erkennbaren Einschaltknopf am Laptop. Der Rechner startet, der Rechner ist da.
“Joa, jetzt klappts.”
“Wunderbar, dann wünsche ich Ihnen noch…”
“Jetzt mussa nuar noch ins Intanet mit ohne dem Kabel.”
“Haben Sie denn ein WLAN?”
“…”
“Einen Internetzugang ohne Kabel?”
“Joa, den hamwa.”
“Gut, dann… (Klicken hier, klicken da, es scheitert an der Passwortabfrage fürs WLAN.) Wissen Sie das Passwort?”
“Neee, dat hat uns der Nachbar eingebaut.”
“Dann fragen Sie ihren Nachbar doch mal.”
Stunden später folgt der nächste Anruf. Das Passwort für den Router ist bekannt, nicht das fürs WLAN. Ich erkläre stundenlang, wo überall Passwörter stehen könnten, bete, hoffe, flehe, werde zwischen Mann und Frau durchgereicht und muss schließlich selbst nach dem Standardpasswort des verwendeten Arcor-Routers suchen, das zum Glück funktioniert. Danke, Tschüss!

Drei Tage später klingelt erneut das Telefon.

“Joa, hallo, meine Tochter hätte da noch “ne Frage.” Ich bekomme eine völlig ahnungslose pubertierende gereicht.
“Ich will ICQ haben. Und MSN.”
“Ich will auch viel”, denke ich, stattdessen bleibe ich höflich und weihe Töchterlein in einem stundenlangen Kurs für Schwachsinnige nicht nur in die Geheimnisse der Softwareinstallation von OS X ein, sondern chatte zum Test noch eine Weile mit “Lady_Glamorgirlzzz94″ oder so. Es klappt und ich will nie wieder etwas bei eBay verkaufen und empfehle zur Sicherheit den Blick ins Handbuch, doch Töchterlein ist nicht so leseaffin, da werden lieber rechtschaffende Erwerbstätige um ihren Feierabend telefoniert.
Danach war erstmal Ruhe.

Ende der Rückblende.

Nun also der Anruf vor wenigen Tagen. “Joa, wir ham da so “ne Frage, wir ham unserer Tochter so “nen iPod da geschenkt.”
“Aha… den schließen Sie an und der läuft.”
“Joa, aba wir brauchen Musik.”
“Ja, dann müssen Sie Musik im iTunes-Store runterladen oder eine CD rippen.”
“…”
“Also eine CD einlesen und die dann auf den iPod spielen.”
“…”
“Also…”
“Dat mit dem iTunes – wie geht dat denn?”
“Sie registrieren sich und dann können Sie für “nen Euro pro Lied die Lieder runterladen.”
“Nen Euro? Wir dachten, dat wär” kostenlos im Intanet.”
“Nein, das ist nur illegal kostenlos.”
“Achso.”
“Ja, dann… tschü…”
“Geht dat nich auch so, also legal und kostenlos?”
“Ne, fürchterlich kompliziert. Also dann tschü…”
“Wartense, ich geb” Ihnen ma meine Tochter.”
Lady_Glamorgirlzzz94 kommt ans Telefon und piepst irgendwas von “… und meine Freundinnen machen dat auch alle.”
“Und Deine Freundinnen werden dafür auch alle eines Tages im Gefängnis landen”, warne ich, denn ich hasse alle Musikfilesharing-Noobs.
“… aba geht dat?”
Ja. Es geht. Und ich helfe ihr, dumm wie ich bin, bei der Einrichtung. Und weil die Software englischsprachig ist, bekomme ich alle Dialogboxen auf deutsch, also in deutscher Lesart vorgelesen. Wir kauen die Installation, die Einstellungen und die Suchfunktion durch, ein weiterer, sonst mindestens 1000 Euro teurer Computerkurs für schwachsinnige Teenager aus dem Hinterwald. “Und dat klappt jetz?”
“Probier”s aus.”
“Wat soll ich denn suchen?”
“Such, was Du haben willst, aber denk dran: Ist illegal.”
“Ich such” ma nach “Monnros”.”
“Dann such” Du mal schön”, hoffe ich, doch sie findet bereits die ersten Idiotenfilesharer-Tracks, die von orthographiebehinderten Idiotenfilesharern hochgeladen wurden. “Dat klappt!”
“Das ist schön. Und auf den iPod kommt”s dann automatisch. Sag” Deinem Vater mal, er soll sich mal ein Buch kaufen, da gibt es tolle Titel, zum Beispiel “Mac OS X für Dummies.”
“Ich bin nich dumm.”
“DAS würde ich nie behaupten.”
Es wäre auch zuviel verlangt, wenn solche Leute “Danke” sagen würden, wenn sie auflegen. Aber da ich vergessen habe, Töchterleins Upload zu sperren, dürfte sich sowieso bald die Staatsanwaltschaft um die verdiente Strafe für unendliche Dummheit kümmern.

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One Comment on "Nichts können, aber Filesharing machen!"

  1. Legion
    02/01/2010 at 00:40 Permalink

    xtown.net, die Seite gefällt mir.
    Lustig und traurig gleichzeitig.

    Aktueller Song:

    Mississippi Mud von Black Helicopters
    (Kennt kein Schwein – myspace-Suche bemühen,
    neben lady_x_glamour85tuzz gibt es auch das dort.)

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