Oper, Bonn: Kreis des Lebens (2004)

Schonmal in der Oper gewesen? Wer dabei an Verdi oder Mozart denkt, sei eines Besseren belehrt. Die moderne Oper lebt nämlich nicht mehr von der möglichst originalgetreuen Inszenierung klassischer Stücke. Vielmehr hat die Moderne blutig-sexuellen Einzug gehalten.Schonmal in der Oper gewesen? Wer dabei an Verdi oder Mozart denkt, sei eines Besseren belehrt. Die moderne Oper lebt nämlich nicht mehr von der möglichst originalgetreuen Inszenierung klassischer Stücke. Vielmehr hat die Moderne blutig-sexuellen Einzug gehalten.

Und so wird der intellektuell-anthroposophische Zuschauer reichlich mit wenig anthropophilen oder gar intellektuellen Bildern genervt – den Begriff “geschockt” vermeide ich hier absichtlich, handelt es sich dabei doch um eine Künstler-Floskel.

Die moderne Oper als Schlachthaus
Nein, die moderne Oper versteht sich vielmehr als eine Art semikritische Form der Zurschaustellung blanken Fleisches und viel, zuviel Kunstblut, selbst bei klassischen Stücken. Sozusagen ein Gewaltporno aus der hintersten Reihe der Videothek, kunstlos und live aufbereitet von einem kettenrkoksenden, alkoholkranken Paranoiker, der sich selber als verkanntes Genie vorstellt und von “Insidern” gerne als Regisseur bezeichnet wird.

Was nur der Kundige wissen kann: Der Regisseur hat beim Skript meist keine kreative Arbeit geleistet, daher lebt er seinen hach-so-kreativen Minderwertigkeitskomplex mit Perversions-Output in der trotz literweise Kunstblut eher blutleeren Inszenierung aus.

Stücke, die der Videothek würdig wären
Auf diese Weise entstehen schaurig scheußliche Stücke, die jederzeit Stoff für eine bildungsbürgerliche Kontroverse in den dritten Programmen bieten können. Diskussionen, die keinen so Recht interessieren, zu denen aber jeder selbsternannte Bildungsneurotiker seinen Senf dazu geben kann. Einzige Voraussetzung: Ein Opern-Abo.

Und weil die Oper ja bekanntlich nur etwas für wirklich gebildete Menschen ist, sollte man sich als durchschnittlicher Student lieber von diesem Etablissement fernhalten. Auch ich meide die Oper wie der Teufel das Weihwasser, was aber weniger an den alptraumhaften Stücken liegt als vielmehr an dem dreisten Obdachlosen, der vor der Oper in einem Erdloch haust.

Das eigentliche Problem: Der Obdachlose

Dieser hat es sich zur Gewohnheit gemacht, die operngängige Elite auf dem Weg zu Benz und BMW um einen Euro oder mehr anzuflehen. Das künstlerisch interessierte Volk sollten sich beeilen, damit es, je nach Jahreszeit, unter die ersten drei bis zehn ersten am Ausgang gehört, dann ist der Obdachlose meist noch guter Dinge und fragt einfach nur nach einer kleinen Gabe.

Kleiner Tipp: Einfach die Oper eine halbe Stunde vor Schluss verlassen, dann ist der gute Mann, der übrigens sein Hab und Gut in einem Einkaufswagen vom Discounter zwischen Erdloch und Opernpforte hin- und her bugsiert, noch am Bahnhof unterwegs, einen Schuss setzen, einen Döner kaufen, betteln gehen.

Hartnäckiges Gebettel
Die letzten Pärchen (es handelt sich immer um Pärchen) hingegen sollte beim Kontakt mit dem inzwischen zurückgekehrten Obdachlosen am besten die Beine in die Hand nehmen. Immerhin rechnet der charmante und äußerst wohlriechende Herr mit einem Euro pro Pärchen. Konnte er diesen Wegpfand nicht eintreiben, wird er gerade bei den letzten Pärchen schonmal aufdringlich.

Ein frisch benutztes Spritzbesteck an der bisher AIDS-freien Halsschlagader der eigentlich viel zu jungen Begleiterin setzt auch den hartnäckigsten Weihnachtsspenden-Verweigerer unter den nötigen Druck, Almosen locker zu machen. Selten sieht man Bonner Brieftaschen samt Kreditkarte schneller den Besitzer wechseln.

Goldene Visa-Card gegen Spritzbesteck
Mit Beute und Einkaufswagen macht sich der Obdachlose dann auf, um eine goldene Visa-Karte gegen einen Silberlöffel, eine Kanüle, eine Spritze und ein halbes Kilo Heroin zu tauschen. Hernach nimmt er sein Nachtlager vor dem Eingang der Oper in Beschlag, wo er völlig High die Nacht verdämmert und dabei lauthals unflätige Lieder intoniert.

Bei Sonnenaufgang kann der freundliche Rauschebart dann von den letzten heimkehrenden Nachtschwärmern beobachtet werden, wie er seine Notdurft am stählernen Bundesadler vor der Oper verrichtet. Danach schließt er die Oper auf, um auf seine Schauspieler zu warten. Er muss sie schließlich heute mit ihnen das neue Stück proben.

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