… Pumuckl fand Meister Eder in seinem Bett. Normalerweise brühte er morgens Heißgetränke für sich und seinen Kobold auf. Doch dieses mal nicht. Röchelnd, mit einem schmerzverzerten, eingefallenen Gesicht lag der alte Mann in den Federn, den leeren Blick ins Nirgendwo gerichtet.
“Pumuckl! Pumuckl!” rief er schwach.
Der Kobold kam auf die Bettdecke gesprungen. “Was ist los, was gibt es, soll ich Dir etwas klabautern?”
Der alte Mann nahm drei tiefe Atemzüge. “Pumuckl, ich muss sterben”, röchelte er.
Pumuckl wollte das nicht wahr haben. “Nein, Du darfst nicht st… ste… sterben”, krakelte er mit seiner Fistelstimme, in der Trauer lag.
“Ich muss gehen. Alle Menschen müssen irgendwann gehen. Und leider kann ich Dir meine Werkstatt nicht vererben, weil Du eigentlich überhaupt nicht existierst.”
Die Augen des Kobolds wurden feucht.
“Aber eins musst Du mir versprechen, Pumuckl. Du musst… Du musst…” ein Krampf schüttelte den alten Mann, dann entspannten sich seine Gesichtszüge. Meister Eder war tot. Der Kobold brach in Tränen aus. “Neeeeeein, NEEEEEIIIIIIINNNNNN!” hallte es durch die ganz und gar unbelebte Schreinerei. Ein kalter Windzug pfiff durch die Einsamkeit.
Wenige Tage später – jemand war schon da gewesen, um den inzwischen starren Leichnam abzuholen – striff eine junge Frau durch die Werkstatt. “Das ist aber süß!” und packte Schiffsschaukel und Bett von Pumuckl in einen großen Koffer. “Das bringt sicher ein paar Euro bei Ebay.”
Der Mann, der sie begleitete, sprach eine seltsame Sprache, von “Sanierung” und “Logistik” redete er, dass es Pumuckl ganz schwindelig wurde. Er zwickte und zwackte beide, doch die beiden interessierte das wenig. “Wir müssten hier mal den Kammerjäger kommen lassen.” – “Ja, die ganze Bude hier ist offensichtlich verlaust. Und wie es hier stinkt… als wäre hier eine Müllkippe explodiert!” Der Geruch von Alter, Tod und ungewaschenem Kobold hing in der Schreinerei, dass es einem ganz schlecht werden kann.
Pumuckl war sauer, wollte die Werkstatt nicht aufgeben. Dann kam der Kammerjäger. Eine riesige Plane wurde über das Haus gehängt, dann leitete jemand Gift ein. Pumuckl musste husten, ihm wurde so schlecht, dass er ganz grün im Gesicht wurde. Jetzt bekam er es mit der Angst, doch er wollte durchhalten. Bis der Mann mit dem Gaswerfer kam, angezogen wie ein Astronaut. Er sprühte alles mit Gift ein und räucherte den Laden, der einst Meister Eder gehört hatte, aus. Pumuckl kniff und biss, doch der Gummianzug des Astronauten war einfach zu dick, außerdem war ihm ganz schlecht von dem ganzen Gift. Bei nächster Gelegenheit ergriff er die Flucht, fest entschlossen, sich einen neuen Meister Eder zu suchen.
Tage später. Hunger und Durst, Regen und Kälte trieben den kleinen Kobold durch die Münchener Innenstadt, zum Bahnhof. Eine Eisenbahn – sowas hatte Pumuckl schon lange nicht mehr gesehen. Er klammerte sich an einem Koffer fest, entschlossen, mitzureisen. Unter einem Sitz in einem Abteil zweiter Klasse fand er einen Heizungsschacht und eine nur halb gegessene Junior-Tüte. Sein Hunger ließ ihn das verwesende Fleisch und die ranzigen Fritten wie ein Festmahl vorkommen.
Während er aß, füllte sich das Abteil. Eine Gruppe Jugendliche kam an, mit großen Reisetaschen. Zwei Mädchen und zwei Jungs, mit zu dicken Locken verfilzten Haaren und Capri-Hosen, die Füsse mit nichts als Flip-Flops bekleidet. Kaum rollte der Zug an, begannen diese Kinder, sich laut lachend eine große Zigarette zu drehen und zu rauchen. Pumuckl wurde ganz schlecht von dem Geruch, doch irgendwie fühlte es sich auch gut an. Er hatte das Gefühl, zu schweben und wurde übermütig. Laut singend tanzte er durch das Abteil, zwischen den Füssen der Teenie-Hippies umher und sprang schließlich auf den Klapptisch. Er war ja unsichtbar, insofern keine Gefahr.
Als er so auf dem Tisch tanzte, merkte er plötzlich, dass ihn die Kiffer anstarrten. Er starrte, völlig high, zurück und begann auf der Stelle laut loszulachen. Ein Lachkrampf wie nie in seinem Leben schüttelte ihn, als er in die dämlichen Gesichter der vier Kinder starrte, die ihrerseits zurückstarrten. Plötzlich fragte einer von ihnen, ganz langsam, wie Kiffer das eben tun: “Sagt mal, seht ihr auch einen kleinen Trickfilm-Mann auf dem Tisch tanzen?” Alle anderen stimmten zu. “Geiler Scheiß”, stammelte einer von ihnen, dann begannen auch sie zu lachen. Pumuckl musste noch mehr lachen und so lachten sie sich kaputt, stundenlang.
Irgendwann merkten die Kinder, dass der Kobold vielleicht doch keine Einbildung war, fassten ihn an, hoben ihn hoch. Pumuckl gefiel das, er hatte sexuelles Verlangen bekommen vom Dope und starrte gierig ins pralle Dekoltee des einen Hippie-Mädchens. Die nahm ihn hoch, drückte ihn und setzte ihn wieder ab. Alle unterhielten sich, aber Pumuckl konnte sich nachher nicht mehr erinnern, worüber.
Irgendwann mussten die Kiffer leider aussteigen und vergaßen den Kobold, wie Kiffer das eben tun. Auch Pumuckl, inzwischen wieder halbwegs klar im Kopf, fand das Gefühl geil. Er rannte den Kiffern hinterher, doch die wollten – oder konnten – ihn einfach nicht hören, obwohl er schrie und bettelte, er wollte mehr von diesen lustigen Zigaretten. Plötzlich rannten die vier Jugendlichen los, in ein Taxi und ehe Pumuckl, der etwas wacklig auf den Beinen war, das realisierte, war der Wagen auch schon verschwunden. So stand er allein im Bahnhofsviertel und wusste weder ein, noch aus.
Welche Stadt war das? Pumuckl konnte ja nicht lesen und einfach fragen wäre zu gefährlich. So irrte er, barfuß, wie er war, durch diese triste Stadt. Überall standen junge, aber irgendwie müde aussehende Frauen herum, die Männer in Anzügen ansprachen. Pumuckl wurde es ganz schwindelig, dass er in eine Pfütze tappte. Eine ausgelaufene Flasche Lösungsmittel lag auf einem großen Müllberg, die Pfütze löste ihm seinen Zeichentrick-Fuß bis zum Knie auf. Fast wäre er ganz hineingefallen, hätte er sich nicht am Schuh einer dieser müde aussehenden Frauen abgestützt, die in der Pfütze stand. Er brüllte vor Schmerz, doch niemand hörte sein Wehklagen, als er so auf dem Schuh saß, mitten in der Terpentin-Pfütze.
Die Frau machte einige Schritte, sodass der Kobold auf einen der Müllhaufen klettern konnte. Dort fand er einen alten Zahnstocher und eine kaputte Nagelschere, mit deren Hilfe er sich ein Holzbein schnitzte. Viel, viel besser, hätte es nicht zu regnen begonnen. Einige Tropfen striffen den versehrten Kobold, der sich in einen Pappkarton zurückzog. Dort saß er nun, der arme, kleine, rothaarige Wicht und weinte bitterlich. Beweinte seinen Meister Eder, die Zugfahrt und sein verlorenes Bein.
Weinte und weinte, bis er plötzlich eine Stimme vernahm: “Hey, Kleiner, so einen wie Dich hab’ ich hier aber lange nicht gesehen.”
Pumuckl schaute auf. Vor ihm stand sie, eine Kabauter-Frau, das erkannte er an ihrer roten Mütze. Aber sie war zu dünn, sind doch Kabauter-Frauen sonst immer sehr rundlich und rustikal, das wusste Pumuckl von Besuchen bei seinem holländischen Cousin David. Diese hier hingegen war schlank, fast schon mager und auch sie hatte diesen müden Ausdruck ihrem mit hochwertiger Tinte gezeichnetem Gesicht. Ihr hagerer Körper war mit einem knappen Kleid bekleidet, ihre kurzen Beine wurden von zerrissenen Netzstrumpfhosen verunziert und ihre Arme waren voller roter Pickel. Sie trug hohe Schuhe und rauchte eine Zigarette an einem langen Plastik-Filter. “Hey, Kleiner, Du siehst fertig aus. Willste’nen Kaffee?” Pumuckl sagte, dass das genau das Richtige sei.
Karla, so hieß die Kabauter-Frau, wie Pumuckl später erfahren sollte, lud ihn in eine dunkle Kaschemme ein, in der laute Rock-Musik lief. Unter einem Tisch tranken beide frisch gebrühten Kaffee aus einem Fingerhut, den Karla aus der Kaffeemaschine gezogen hatte. “Ich habe noch keinen anderen wie mich getroffen, niemals”, sagte Pumuckl. “Nicht? Wo kommst Du denn her?” “Aus München.” “Ja, München ist aber auch total spießig. Die Bayern sehen Sonderlinge wie uns nur ungern.” Pumuckl begann wieder zu weinen. Er erzählte Karla vom Tod des Eders, von seiner Reise, seiner Angst…
“Komm, Kleiner, ich hab’ da ‘ne Lösung. Hier sind viele von uns gestrandet und alle haben sie ähnliche Geschichten zu erzählen.”
“Von uns?” Pumuckl war verdutzt.
“Ja, hier sind viele von unserer Art.” Sie betrachtete mit ihren großen, traurigen Augen ihr Spiegelbild in einem der verchromten Tischfüsse. “Viele gemalte Zwerge ohne zuhause. So wie Du. So wie ich.”
“Gemalte Zwerge?” Pumuckl betrachtete seinen verbliebenen Fuß. Sein anderes Bein gab mit dem Zahnstocher-Holzbein ein komisches Bild ab.
“Ja, gemalte Zwerge. Kobolde, Kabauter, Heinzelmännchen, Mainzelmännchen, Mummins… sogar ein paar Schlümpfe hat es hierher verschlagen.” Sie zog an ihrer Zigarette, als wäre es das natürlichste der Welt, obwohl Pumuckl bisher immer gedacht hatte, er wäre der letzte seiner Art.
“Komm, ich zeig sie Dir.”
Wenige Minuten und einen ordentlichen Fußmarsch durch kalte, feuchte Kanalisation, durch trockene Keller und über die verdreckten Straßen später kamen Karla und Pumuckl in einem riesigen Kellerraum an. Tonnenweise Aktenordner stapelten sich in riesigen Regalen, die bis unter die Decke reichten. “Das ist der Keller der Stadtverwaltung. Hier kommt nie jemand hin, deshalb wohnen wir hier.”
Sie gingen um eine Ecke und Pumuckl traute seinen Augen nicht, als er realisierte, was er da sah: Laute Musik dröhnte aus zahlreichen Pappkartons mit Türen und Fenstern, teilweise so hoch gestapelt wie die Aktenordner und verbunden durch ein dichtes Netz an Brücken und Treppen. Reger Verkehr herrschte dazwischen, weiße und rote Zipfelmützen, blaue und blasse Zeitgenossen, die sich durch das Gedränge schoben, an Ständen um kunstvoll verzierte Fingerhüte feilschten. Sogar einige Playmobil-Kutschen konnte Pumuckl sehen, die sich, von gezähmten Ratten gezogen, durch das Gedränge schoben.
Ein verlebt aussehender Schlumpf mit Zigarrenstumpen auf einem Kutschbock knallte die Peitsche und trieb seine Tiere an, während mehrere dicke Kabauter-Frauen sich kichernd über eine Mainzelmännchen zubewegten. Oben im Gebälk kletterten einige besonders dicke Ratten mit Geschirr und Sattel, geführt von Kobolden wie ihm, die offensichtlich irgendwelche Sanierungsarbeiten durchführten. Kopfüber strichen sie die Fassaden der Pappkartons. Einer von ihnen trank einen großen Zug aus einer Plastikflasche, lachte kurz und stürzte von seiner ebenfalls kopfüber hängenden Ratte, hinab auf die Straße, ohne, dass das jemanden interessierte. Einige streunende Schaben stürzten sich aus dunklen Winkeln auf den noch nicht ganz toten Körper, rissen an ihm und flitzten in ihre Winkel zurück. Der betrunkene Kobold war, bis auf einige Tropfen Trickfilm-Tusche, verschwunden. Pumuckl wollte ob des Horrors, der da gerade geschehen war, seine Begleiterin ansprechen, doch Karla blickte leer an ihm vorbei. “Komm, ich zeig’ Dir meine Bude.”
Sie pfiff eine besonders große Ratte heran. Ohren und Schwanz waren schwarz-gelb lackiert, der mehrere Sitze samt Anschnallgurten waren auf ihrem Rücken montiert. Sie fauchte Pumuckl heran, der kaugummi kauende und Turban tragende Heinzelmann auf ihrem Rücken fragte: “Wohin?” “Man, Muck, Du weißt doch, wo ich wohne!” “Ah, Karrrrrla, meine Gute…” Karla sprang auf einen der Sitze und zog Pumuckl hinauf. “Anschnallen!” Und los ging die Reise.
Die riesige Ratte wand sich elegant durch das Gewimmel aus kleinen Trickfilm-Zwergen, wich geschickt anderen Ratten mit gleicher Lackierung aus und kletterte plötzlich ein senkrechtes Rohr hoch. Höher und höher ging die Reise, hinein ins Dunkel. Dann, plötzlich, hielt die Ratte vor einer unauffälligen Pappschachtel an, die mit dickem Draht am Rohr befestigt und innen rot beleuchtet war. Ein kleiner Balkon, auf dem Moos und bunte Flechten wuchsen, bildete eine Art Vorgarten. “Danke, Muck!” – “Keine Prrrrrobläm”, grinste der Taxi-Gnom und verschwand mit seiner Taxi-Ratte im Zwielicht.
“Trautes Heim, Glück allein”, murmelte Karla. “Komm doch rein.” Pumuckl war völlig perplex, betrachtete die Aussicht auf staubige Aktenordner und weit, weit unten das Treiben dieser seltsamen Zwergen-Siedlung. Die Tür stand auf und kaum hatten Karla und Pumuckl das muffig riechende Appartement betreten, wurde Pumuckl auch schon zu Boden gerissen. Ein riesiger, brutal aussehender Schlumpf mit dicken Oberarmen und tätowierten Tribals auf der blauen Haut drückte den Kobold zu Boden. “Karla, was ist das für ein Arschloch?” Pumuckl wollte sich zur Wehr setzen, doch der Schlumpf war stärker. “Darf ich vorstellen? Das ist Knacki, mein ‘Beschützer’.”
Pumuckl starrte den schmuddeligen Schlumpf verängstigt an.
“Und wer bist Du?” fragte der Schlumpf.
“Ich bin Pumuckl, Nachfahre der Klabautermänner”, stammelte Pumuckl.
“Der Typ ist harmlos.” Karla.
“Sicher?” Knacki.
“Jaja, hab’ ihn am Bahnhof aufgelesen.” Karla. “Ich mach’ uns ‘nen Tee.”
“Na gut, dann… ” Er stieg von Pumuckl herunter. “Aber wehe, Du machst Mätzchen, Kleiner!”
Einen Tee später waren die beiden Männer versöhnt. Trotzdem tauschten sie wüst Blicke aus. Pumuckl ängstlich, Knacki aggressiv. “Musst Du jeden beschissenen Stricher nach Hause bringen?” Knacki war sichtlich eifersüchtig. “Er ist kein Stricher und außerdem ist das nicht Dein Zuhause, Knacki.” Karla schien den Kerl auch nicht zu mögen, trotzdem nahm sie dankbar eine Packung weißen Puders, die er ihr reichte. “Komm klar, Karla!”
Karla begann, das Zeug zu schnupfen. “Willste auch?” Pumuckl wusste nicht so recht. Dann stieg auch Knacki ein. “Is geiler Stoff, Alter!” Pumuckl musste an die Jugendlichen im Zug denken. Das Gefühl war geil gewesen und so zog auch er sich eine satte Ladung Kokain in die Nase. Er musste heftig niesen, das weiße Pulver verteilte sich im Raum. Pumuckl war dem Teufel wieder einmal von der Schippe gesprungen.
Karla und Knacki fanden die Nummer natürlich nicht lustig. Während Karla schreiend versuchte, Knacki davon abzuhalten, Pumuckl den Hals umzudrehen, flüchtete der Kobold aus der Wohnung. Er sollte Karla niemals wiedersehen.
In den tieferen Ebenen der Zwergen-Stadt fand Pumuckl, was er suchte: Einen Ratten-Transfer in zum Bahnhof, wo er den Gesprächen der Menschen entnahm, dass er in Hamburg gelandet war. Der nächste Zug nach München ging und Pumuckl schmuggelte sich mit einer Gruppe Fußball-Fans ein. Nach einem ordentlichen Zug aus einer halb getrunkenen Bierdose, die unter den Sitz gerollt war, war er angetrunken genug, um erneut über seine Situation nachzudenken. Das Reich der Menschen war ihm lieber als das Leben unter seinesgleichen in der Unterstadt. Nie wieder wollte er dort hingehen, nie wieder wollte er mit Drogen herumexperimentieren. In diesem Moment fiel eine kleine Flasche Feigling aus der Tasche eines der Fußball-Fans. Pumuckl krallte sich den Schnaps und floh aus dem Abteil. Halb betrunken glaubte er, sich unsichtbar zu machen, doch in Wahrheit flackerte er unregelmässig: Sichtbar – unsichtbar – sichtbar. Fehlende Kontrolle über die Körperfunktionen, eine Nebenwirkung des Alkohols.
Der Alkohol stimmte Pumuckl sentimental. Er dachte an die schönen Zeiten mit Meister Eder, damals, als er dem alten Mann allerlei Dinge versteckt und gemopst hatte. Und wie er Eder immer beim Duschen zugeschaut hatte. Nicht, um sich an dem alten Leib zu ergötzen, sondern um den rustikalen Bayern singen zu hören. Eine Träne kullerte über seine Wange, während er so über den Gang schwankte. Dann wurde er von einer riesigen Hand gepackt und hochgehoben.
Vor Schreck war der Kobold wie erstarrt. Kein Beißen, kein Zwicken und dann der Blick in ein sommersprossiges, von roten, fettigen Haaren umrahmtes Gesicht. Eine bunte Brille hing zwischen Pumuckl und den tiefblauen Augen des Mädchens, das ihn hochgehoben hatte. Ihre rechtes Auge schielte von der Nase weg, während sie Pumuckl musterte. Ihre Kleidung war extrem stilfrei für ihr Alter von etwa 19 Jahren. Hasenartige Schneidezähne drückten sich in eine schmale, aufgeplatzte Unterlippe. Schlecht gebundene rosa Schleifen hielten die fettigen Zöpfe zusammen.
Pumuckl war verwirrt. Er wusste nicht, was er tun sollte, es war ihm, als schaute er in sein eigenes Gesicht. Dann holte die junge Frau tief Atem und stieß zwischen ihren schiefen Zähnen einen Laut der Verwunderung aus. “Du siehst ja aus wie ich?! Nur viel kleiner…” Sie lispelte und näselte gleichzeitig. Es war Liebe auf den ersten Blick, auf beiden Seiten.
Pumuckl musste für sie den Alkohol und die Unsichtbarkeit aufgeben, dafür durfte er zwischen ihren Brüsten schlafen. Sie mochte es, wie er stank, seine sexy Figur und den Wohlklang seiner Stimme, wie sie sagte. Pumuckl mochte ihr Schnarchen und ihre Vorliebe für längst vergessene Boygroups. Irgendwie passte das. Und so war auch die Hochzeit ein Fest der Liebe.
Heute, Jahre später, besucht Pumuckl manchmal das Grab von Meister Eder. Aber er weint nicht, sondern erinnert sich an die schöne Zeit.
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