17.06.08

Die 80er[Aktueller Song: "Youth" von Matisyahu]

Damals, in den Achtzigern, als wir klein waren, gab es überall diese Verbotsschilder: "Rasen betreten verboten" gab es gleich viermal in unmittelbarer Nachbarschaft. In jedem grauen Garagen-Hinterhof mit optimaler Fußball-Asphaltierung hing ein "Ballspielen verboten" und natürlich lauerte in der Nähe dieser Schilder den ganzen lieben langen Tag lang ein dicker, ekelhafter Nazi-Frührentner im Ehefrauenschläger-Feinripp darauf, dass einige wagemutigen Knaben doch auf den Rasen sprangen oder im Hinterhof Fußball spielten, bis die Knie bluteten. Der drohte dann mit der Polizei oder trat selbst in Aktion und zog uns an den Ohren, ja so war das damals in den 80ern!

Einmal machte einer von diesen Altnazis ernst: Wir, das waren Jan, Daniel und ich. Wir waren damals vielleicht acht Jahre alt, trugen kurze Hosen und hatten es weder mit Friseuren, noch mit Körperpflege. Als die Anarchisten, als die wir auftraten, hatten den Oberfrevel begangen, von einem dieser Hinterhof-Parkplätze ("Ballspielen verboten") Steine auf den Rasen ("Betreten verboten!") zu werfen. Wir waren kleine Jungs und entsprechend schwach war die Wurfleistung, also keine Gefahr für niemand. Eigentlich weiß ich auch nicht mehr, warum wir das getan haben, Kinder wissen das nicht immer.

Aber Spaß hat es gemacht. Zumindest, bis der offensichtlich hippieverschreckte Altnazi plötzlich vor uns stand, schwitzend, knallrot vom übergewichtbedingten Bluthochdruck und einem harten Leben als KZ-Wärter und Postbeamter. Er erschien stilecht im Unterhemd mit Hosenträgern und mit Buddy-Holly-Kassenbrille, die er in die mit Schuhwichse geschmierte graue Restkopfbehaarung geschoben hatte. Er brüllte wütend und stank nach Alkohol. Wir, das heißt: Jan und ich, zischten sofort ins Gebüsch. Daniel, der immer der dickste und langsamste von uns war, fragte sich in diesem Moment wohl noch, warum wir anderen plötzlich rannten, dickes Kind eben, als ihn der Goebbels-Uffz am Ohr packte. Jan und ich beobachteten die Situation aus sicherer Entfernung aus dem Gebüsch, man ist nicht sehr mutig mit acht.

Der Kerl zog Daniel am Ohr zur damals noch gelben und eckigen Telefonzelle, brüllte etwas von "Punkerpack" und "hab ich Dich endlich, Du Drecksblag" und verlangte ernsthaft, dass Daniel nun selbst die Polizei rief. Der Altnazi war wirklich sehr, sehr sauer. Zu erwähnen wäre an dieser Stelle, dass Polizeirufen damals auch ohne die 20 Pfennig möglich, die unsere Mütter uns immer für Notfälle im Lederbrustbeutel mit Namenszug mitgaben und die wir regelmässig in Saure Gurken von Haribo umsetzten. Die waren auch sehr, sehr sauer, aber die verlangten nicht, dass man sich selbst den Henker bestellte.

"ICH ZEIG EUCH AN", brüllte der Mann in Richtung unseres Gebüschs und untermauerte die Ernsthaftigkeit seines Vorhabens, indem er Daniel eine scheuerte. Und noch eine. Er ohrfeigte den Frust seines verpfuschten Lebens direkt in Daniels Gesicht. Daniel rief heulend, aber geistesgegenwärtig die Polizei, Jan hielt die Stellung und ich, der am nächsten wohnte, rief Verstärkung in Form meiner Mutter.

Als ich mit meiner Mutter wiederkam, es waren vielleicht fünf Minuten vergangen, war die Polizei bereits da. Damals, vor der Wiedervereinigung, hatten die Städte nämlich noch Geld, müsst Ihr wissen, da konnten sich Altnazis noch sicher fühlen auf den Straßen und steineschmeissende Randalierer wie wir hatten sowas von nichts zu melden, damals. Sowas gäbe es heute nicht mehr. Heute würde die Polizei den Altnazi auslachen, selbst wenn er selbst angerufen hätte

Meine Mutter ging sofort schimpfend auf Führeres besten Blockwart los, während sich die zwei Wachtmeister ganz ernsthaft mit der Aufnahme einer Anzeige beschäftigten. Was folgte, war ein wildes Handgemenge, viel Gebrüll und es ist nur der Geistesgegenwart des Wachtmeisters zu verdanken, dass meine Mutter und der Altnazi sich nicht auf offener Straße prügelten. Jan und ich standen daneben und versuchten, dem Geschehen zu folgen. Irgendwann schickte der Polizist den Mann nach Hause, packte Daniel in den chromblitzenden Passat-Streifenwagen und brachte ihn zu seinen Eltern.

Daniel wurde zwei Wochen nicht gesehen, er hatte Hausarrest. Wir anderen kamen glimpflich davon, doch vor dem Altnazi-Haus in Bonn-Endenich habe ich bis heute Angst.

Neulich kam ich wieder dran vorbei und überlegte kurz, ob ich einen Stein werfen sollte, einfach so, um zu gucken, was wohl passieren würde. Die Ballspielen-verboten und Rasen-betreten-verboten-Schilder waren verschwunden, der eins graue Bau war offenbar renoviert worden. Ich nahm einen besonders schönen Stein und wollte gerade in Richtung des Balkons zielen, von dem der Altnazi damals gekommen war, als ein Punk dort die Balkontür öffnete. Er rülpste und schaute fragend in meine Richtung. Das reichte mir dann irgendwie als Genugtuung.

Comments

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#1 tiffy (Homepage) on 2008-06-21 01:33 (Reply)
tiffy"hatten es weder mit friseuren noch mit körperpflege" - hahahahha! ich liebe deinen blog!! täglich vorm schlafengehen, mit verkrampften füßen vor vergnügen quietschend siehst kann man mich schauen. wundert mich, dass der kommentierbär hier so verhalten steppt. nachti

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