Retrospektive: Erkans Bruder

In da hood![Aktueller Song: "For Reasons Unknown" von The Killers]

Erkan war ein ziemlicher Asi, schon damals in der Grundschule. Erkan war einer dieser Jungs, die zwar mit spätestens neun Kette rauchten, aber niemals eine höhere Schule von innen sehen würden. Wenn Erkan sprach, sprach er türkisch. Sprach er kein türkisch, blubberte das Migrantenkind irgendwelche Deutschfetzen, die zu schmerzhaften Verständigungsproblemen führten. Erkan hatte immer zuerst alle He-Man-Figuren und Schimpfworte und wusste auch, wie man im Kiosk Kurze und Kaugummi klaute, die er sich dann stilecht zur Zigarette auch dem Spielplatz genehmigte, er war eben Genießer. Erkan war ein Problemkind und der Schrecken jeder Grundschullehrerin, aber Erkan war nicht das Problem von Bonn-Endenich. Diesen Posten hatte nämlich sein Bruder bereits inne.

Erkans Bruder hieß anders, aber er sah aus wie Erkan, nur eben vier Jahre älter. Die entscheidenden vier Jahre, um uns i-Dötzchen das Fürchten zu lehren. Er hatte sich bereits in der dritten Klasse zum Schulversager aufgeschwungen und war somit mit fast 12 immer noch in der vierten Klasse. Natürlich rauchte er, aber nicht mehr unter dem Klettergerüst, sondern im Gebüsch, wo er auf Opfer wartete. Die großen Schnapsflaschen, die er sich dabei immer mit seinem offensichtlich geistig zurückgebliebenen und wesentlich älteren deutschen Kumpel einverleibte, waren wesentlich größer und nicht geklaut, sondern von geklautem Geld gekauft. Ja, Erkans Bruder stand ganz oben in der Asi-Hierarchie und hatte eine große Karriere vor sich.

Dummerweise war Erkans Bruder sehr dumm und nicht sonderlich flexibel, weshalb wir schlauen Kinder immer wussten, wie wir ihm aus dem Weg gehen konnten. Hin und wieder erleichterte er uns um unser Taschengeld, denn wenn er ganz besonders klamm war, verließ er gerne sein Gebüsch und ging auf die Jagd. Wir waren ihm sehr dankbar dafür, denn wenn er uns stoppte, konnten wir Fürze für ein paar Pfennige Lebensverlängerungen kaufen. Das sagte er genauso: “Ey Furz, willst Du leben? Isch verkauf” Dir “ne Lebensverlängerung!” Dass er ein so langes Wort wie “Lebensverlängerung” sauber aussprechen konnte, unterschied ihn maßgeblich von Erkan.

Erkans Bruder wurde älter und schon bald hatte er ein Mofa und einen bemerkenswerten Schnurrbart. Den Sprung auf die Hauptschule hatte er mit langem Anlauf auch geschafft und so lungerte er mit seinem gehirnamputierten Kumpel, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jungen Axl Rose aufwies, vor der Hauptschule herum. Das Problem dabei: Die Hauptschule lag – Danke, liebe Stadtplaner – genau zwischen unseren elterlichen Wohnungen und dem geilsten Spielplatz von Endenich. Und genau da lag das Dilemma, denn Erkans Bruder war immer da. Und wir mussten immer an ihm vorbei.

Die einen lösten das Problem mit einem spontanen Sprint, doch sie waren chancenlos, schließlich hatte sich Erkans Bruder das Mofa extra für solche Problemfälle besorgt. Andere schlichen sich hintenrum an ihm vorbei, doch auch das war hoffnungslos, da er in unregelmässigen Abständen mit dem Mofa Patroullie furh. Seine Vorgehensweise war nun mafiöser, irgendwo zwischen Mad-Max-Bösewichten und Mafiosi. Lebensverlängerungen verkaufte er auch nicht mehr, stattdessen hatte er sich den Standardspruch “willste aufmucken?” angewöhnt. Egal, welche Antwort man gab, es gab immer kostenpflichtig in die Fresse. Auf diese Weise brachte es Erkans Bruder zu beachtlichem Wohlstand für einen 15-jährigen.

Irgendwann erwischten Erkans Bruder und sein blonder Vasall uns auf dem Heimweg, gaben uns ein wenig links und ein wenig rechts und rippten und schließlich noch gut zehn Mark ab. Dummerweise hatte Erkans Bruder vergessen, dass er Erkans Bruder war und Erkan noch vor einem Jahr in unserer Klasse. Und so verpetzten wir Erkans Bruder bei unseren Eltern. Die wiederum verpetzten Erkans Bruder bei Erkans Vater. Wenige Stunden später standen Erkans Bruder und sein Gehilfe bei uns im Flur, gaben uns unser Geld zurück und entschuldigten sich förmlich. Erkans Bruder sah aus, als hätte er eine gehörige Portion Backpfeifen von Daddy bekommen. Seither grüßte Erkans Bruder uns, wenn wir den Weg an der Hauptschule vorbei nahmen, manchmal erzählte er uns sogar Geschichten. Dann verloren wir uns aus den Augen.

Kürzlich war ich bei McDonalds. Ich bin mir nicht sicher, ob es Erkans Bruder oder doch nur Erkan war, der mich da bediente. Erkannt hat er mich nicht. Gefreut habe ich mich trotzdem irgendwie.

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