Roonburg, Köln: Immer wieder Dienstags geht die Erinnerung (2004)

Lust auf einen Abend in gepflegtem Ambiente? Interesse daran, sympathische und interessante Leute kennenzulernen?

Dann sollte auf einen Besuch in der “Roonburg” verzichtet werden. Vor allem unter der Woche und ganz besonders am Wochenende. Überhaupt: Die Roonburg sollte man ohnehin niemals aufsuchen.

Denn das Elend, das den Besucher dort erwartet, schockt sogar Köln-erprobte Hardcore-Kosmopoliten immer wieder auf’s Neue.

Nein, die Roonburg sollte nicht einmal von volltrunkenen Partygängern in Erwägung gezogen werden. Auch und gerade weil es immer Dienstags eine “Studentennacht mit Freibierparty” gibt.

Dass diese Studentennacht tatsächlich für Studenten reserviert ist, beweist schon die Musikauswahl. Der Uni-Party-Hitmix bringt selbst die dicksten
BiologInnen-Ärsche auf die Tanzfläche – ungeficktes Elend, wohin man schaut. Ein Glück, dass der Freibier-Ausschank auf zwei Stunden
beschränkt ist, danach gibt es die in Köln gewohnten Preise von 2 Euro pro 0,2 Liter Kölsch oder 4 Euro für einen halben Liter Weizen.

Übrigens: “Freibier”, das sollte jeder Zugereiste vor Eintritt wissen, heisst in Köln doppelt verdaute Babypisse vom Fass, die die Kölner stolz als
Kölsch bezeichnen. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die Plörre als leicht verdaulicher Libido-Förderer in den internationalen Katalog der
Spezialitäten aufgenommen wurde. Schlechteres Bier gibt’s eigentlich nur noch in Düsseldorf oder den USA.

Irgendwo auf dieser Welt, wahrscheinlich in Japan, gibt es sicher ein exklusives Restaurant, das Kölsch zu 35 Dollar den Liter an den Mann bringt, als Spezialität aus Deutschland. Und während der Japaner sein teures, schaum- und geschmackloses Pornogesöff geniest, sitzen irgendwo im Osten der
Republik einige Hilfsarbeiter, die mit vollem Körpereinsatz aus einem Liter Holsten zwei Liter Kölsch produzieren. Das reduziert Arbeitslosigkeit und fördert die Urologen-Zunft.

Aber zurück zur Roonburg. Bei den Freibier-Partys bekommt der geneigte Kunde schon am Eingang ein Kölschglas in die Hand gedrückt. Dieses Glas
sollte dem Besucher sympathisch sein, immerhin wird es den restlichen Abend sein Begleiter sein.

An der überfüllten Theke angelangt sollte sich der Trinkwillige nicht scheuen, einige Betrunkene auf den mit den überresten entglittener Kölsch-Gläser übersähten Boden zu stoßen, ansonsten wird nämlich den ganzen Abend kein Tropfen Babypisse die Kehle fluten. Das ist zwar gesünder, aber nicht Sinn der Sache.
Plätze an der Theke sollten, notfalls auch mit Waffengewalt, bis aufs Blut verteidigt werden, denn sie sind rar und heiß begehrt.

Ein Bier in der Hand, den Klängen der ärzte, Nenas und der Beach-Boys lauschend, können dann entspannt zehn bis zwanzig Kölsch konsumiert
werden. So lässt sich schnell die nötige Grundbetrunkenheit herstellen, die vonnöten ist, um möglicherweise doch noch Spaß zu haben.

Der Nebel im Blick nimmt zu, die tendenziell unattraktive weibliche Kundschaft wirkt, als täte sie das Gegenteil und schon gegen 23 Uhr, wenn die Freibiertheke schließt, sind gut 80 Prozent der Damen so weit schöngesoffen, dass der Partylöwe rausgelassen werden kann.

Das Schöne an der Roonburg: Die Frauen machen den ersten Schritt, also immer schön gelangweilt in die Gegend starren und ab und zu die Position wechseln, feuchte Hände am Arsch sind garantiert. Und die blöden Sprüche lassen auch nicht auf sich warten, ob von weiblich-hetero- oder männlich-homosexueller Seite. Völlig nebensächliche Gespräche lassen selbst den unattraktivsten Nerd zum Tier werden.

Ist die Partnerin für die Nacht gefunden, wahlweise eine untersetzte Brünette mit schiefen Zähnen, die “irgendwie Informatik” studiert, oder eine Lehramts-Anwärterin, die sich das für den Job erforderliche dicke Fell am ganzen Körper schon seit geraumer Zeit nicht mehr geschoren hat, kann der Heimweg angetreten werden. Taxi nehmen, nur zu ihr, Kondom benutzen, dann ist das alles halb so schlimm.

Digicam und Betäubungsgewehr nicht vergessen!

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