Roonburg, Köln: Schlagerparty – ein schäbiges Kult-Relikt (2004)

Die Samstagabend-Frage war schnell gelöst. Die Roonburg sollte es sein, Schlagerparty. Wunder gibt es immer wieder, aber bitte mit Sahne. Die Roonburg hingegen ist alles andere als ein sahniges Wunder, sondern vielmehr eine handfeste Baggerkneipe mit Ekelbonus.

Dennoch: Die soziale Pflicht ruft und manchmal müssen Freundschaften nunmal gepflegt werden. Und guten Freundschaften tut auch ein Abend in der Roonburg keinen Abbruch, sollte man glauben. Also auf nach Köln, “Spaß haben”, wie frustrierte Bankangestellte einen Abend in der Disco gerne bezeichnen.

Also auf ins Getümmel. Mit 55 PS unter der Haube ist die A555 einfach zu lang. Links erstrecken sich die hell erleuchteten Chemiewüsten von Wesseling und Godorf, in den Pfützen schwimmt Benzin und im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen. Die will sicher auch zur Schlagerparty

Schon beim Betreten des schummrigen Etablissements dröhnt viel zu lauter Schlager ohne Umweg über das Trommelfell direkt durch’s Bauchfell ins Hirn und löst ein unbändiges Verlangen nach viel, zuviel Alkohol aus. Die Tanzfläche ist völlig leer, die anwesenden Gäste scheinen ähnlich vom Schlager beeinflusst und prügeln sich an der Theke um Bier wie die Junkies um Pizzareste. Der Fluchtreflex lässt lässt sich nur durch den Geiz unterdrücken, die 5 Euro Mindestverzehr zu verbraten, den Brechreiz unterdrücken, bis es sich wirklich lohnt. Ein Kölsch muss her.

Schlager ist Kult, dürfte nun manch ein studentischer Zeitgenosse anmerken. Wer das tatsächlich glaubt, der hat vermutlich zuhause auch Haddaway- und Gildo-Horn-Platten. NUR Haddaway- und Gildo-Horn-Platten. Denn bevor alles Kult war, war Schlager nichts anderes als Gaudi für das Volk, einfache Musik für einfache Geister.

Dann rief irgendein “Trendforscher” das Schlager-Revival aus und plötzlich war auch das Bildungsbürgertum in Form von Studenten von der Musik aus der untersten Schublade der Plattenfirmen überzeugt. Der, der wagte, Kritik an der Schlager-Welle zu üben, wurde direkt abgebügelt: “Schlager ist Kult, man soll das gefälligst geil finden und Spaß haben!” Tanze Samba mit mir, die ganzen 90er lang. Der alltägliche Horror nimmt kein Ende!

Und weil alles Kult ist, kann auch nichts mehr Kult werden. Mit dem Erfolg, dass alte Kulte bleiben, bis jeder, wirklich jeder, sie intensiv auskosten konnte. Und weil keine neuen Kulte hinzukommen, fallen auch alte nicht durch. Das bedeutet, dass es für alle Ewigkeit Schlagerpartys geben wird, auf denen irgendwelche besoffenen Brot-Frauen erklären, wie kultig das alles sei. Der Kult allerdings ist längt Religion geworden. Wer kann schließlich nicht blindgesoffen und taubgebasst “Moskau” mitgröhlen? xTown.net wünscht Ralf Siegel einen langen und qualvollen Tod.

Als das Kölsch sich dem Ende neigt, ist erstmal das große Fragezeichen angesagt. Und weil es für Gespräche nun wirklich zu laut ist, werden die Menschen in dem Schuppen betrachet. Dort, an einem Tisch neben der Cocktailbar haben sich drei reifere Damen eingefunden. Sie haben ledrige Gesichter von gut und gerne 50 Jahren Gerbstoffen in Kölsch, Reval und Sunpoint.

Da hilft nur wegschauen. Der Blick streift eine Gruppe hübsche Mädels, sichtlich froh darüber, sämtliche Lieder zu kennen und sich so vor allen anwesesenden Männern als “Partybombe” profilieren zu können. Warum denken Frauen eigentlich immer, es wäre supercool, “Spaß” zu haben, indem man “abfeiert”? Daraus resultiert auch die schlechte Angewohnheit, in Discos zu bleiben, bis das Licht angeht. Selbst wenn die Stimmung scheisse ist und garnichts mehr geht. Hauptsache, Tags darauf den anderen Leuten erzählen, wie lange man weg war, und wieviel “Spaß” man hatte.

In der Roonburg.

Der Lateiner nennt das “Contradictio in se”, der Roonburg-Kenner kommt immer wieder, obwohl er den Schuppen hasst. So wie der Autor
dieser Zeilen.

Plötzlich ist es Mitternacht, die Geburtstagsgrüße gehen raus: Die kleine Lisa wird 18, Onkel Adolf 115, das obligatorische “Happy-Birthday”-Lied, das in keinen gut sortierten DJ-Plattenkoffer fehlen darf und zurück zum Schla… halt, nein. (Ost-)Bürger Lars Dietrich.

Sein zu recht vergessener Hip-Hop-Verschnitt “Sexy Eis”, der am Beginn des Viva-Zeitalters noch fast als brisant einzustufen war, ist inzwischen nur noch grenzpeinlich. Er lebt von Andeutungen, die eines Gottlieb Wendehals/Werner Böhm würdig wären. Und Erwin packt der Heidi von hinten an die Schulter.

Schockierender allerdings als die Tatsache, dass sich ein DJ tatsächlich dieses Liedes besonnen hat, ist, dass es noch nicht so alt ist. Es gibt also auch Lehrreiches auf der Roonburg-Schlagerparty: Der Schlager-Kult des neuen Jahrtausends ist nicht der der ausgehenden 90er, oh nein.

Es geht nicht mehr nur um lieblich-schusselige Schlaghosen, Prilblumen, lange Koteletten und den VW Käfer, es geht auch um Karottenjeans, Mofas, Fußballermatten und den Opel Corsa. Willkommen in den 80ern aka. 90ern, quitiert vom ewigen Mitgröhl-Sunshine-Hit “Ab in den Süden”. Und auch hier wieder: Potemkinsche Dörfer (die Musik) und Böhm’sche Andeutungen (der Text). Welcome to Hell, my friend.

Die Zeit vergeht fast so schnell wie die Fähigkeit, Töne außerhalb des Infraschall-Bereichs wahrzunehmen. Zwischendrin Rio Reiser, der sich vermutlich im Grabe herumdrehen würde, wenn er wüsste, dass er in einem Abwasch mit Micky Krause und den Kolibris gespielt wird. Den gerne in der Roonburg zitierten Ärzten dürfte es ähnlich gehen, mit dem Unterschied, dass die noch nicht tot sind.

Gegen zwei Uhr ist es dann endlich soweit: Der Restefick setzt ein. Betrunkene Frauen finden besoffene Männer und steigern das Bruttosozialprodukt über den Umweg der Kondomindustrie. Oder auch nicht, aber halb so schlimm, auch jedes ungeplante Kind ist in diesem
Land inzwischen Gold wert. Es ist Zeit zu gehen.

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