Schweinegrippe: Gott macht ernst

Es ist ein trüber Fronleichnams-Tag in Köln: Draußen will es nicht so recht aufhören zu regnen, sturzbachartige Kurzschauer wechseln sich mit minutenlangen sonnigen Passagen, Gewitter und Nieselregen ab. Weltuntergangswetter. Passend dazu die Meldung, dass die WHO zum ersten Mal seit 1968 die Pandemie-Warnstufe auf “6″ hochgesetzt hat. Warnstufe 6 ist die höchste Stufe und bedeutet: Wir werden ALLE sterben. Und dabei waren die Aktienkurse doch gerade erst wieder am klettern…

Nicht jetzt, vorerst, aber demnächst, so ab Herbst, wenn die Grippesaison wieder anfängt, die Reisezeit vorbei ist und sich das Virus es sich im menschlichen Körper so richtig bequem gemacht hat, kommt Gevatter Tod vorbei. Wenn die Menschen wieder enger zusammenrücken wie Pinguine im Polarsturm, um der Kälte zu trotzen. Wenn sie vom Geist des Kommerzes wie gejagte Füchse durch überfüllte Fußgängerzonen hetzen, um den Kindern an Weihnachten eine Freude zu machen.

Die größte Freude, das schönste und nachhaltigste Geschenk und Urlaubsmitbringsel dieses Jahr ist mit Sicherheit die Schweinsgrippe vom Typ H1N1. In gebrauchten Taschentüchern und Reispackungen im Supermarkt, an Flaschenhälsen, Türklinken und Tankschläuchen, im öffentlichen Personennahverkehr, in Kneipen und auf dem Arbeitsamt lauert der kleine Killer auf seine Opfer.

Die sind diesmal – und das ist das eigentlich Beunruhigende – nicht sehr jung oder sehr alt, sondern eben im besten gesunden Alter. Ein hochaggressives Virus, noch nicht, aber schon bald. Nach einzelnen Fällen vor einigen Wochen sind die Schweinegrippe-Krankmeldungen und auch die Todesfälle in den letzten Tagen explodiert. Allerdings, so sagen Experten, ist die grippale Schweinerei eher harmlos: Zwar ist H1N1 ansteckender als “normale” Grippe, zu Tode kämen aber nur rund 1 Prozent der Infizierten. Für 277,37 der aktuell 27.737 bestätigt Infizierten sicher keine gute Nachricht, aber absolute Zahlen haben in Statistiken sowieso nichts verloren.

Angenommen, es steckten sich 50 Prozent der Weltbevölkerung an. Angenommen, 3,5 Milliarden Menschen bekämen die Schweinegrippe, es wären nach dieser zynischen Mathematik weltweit “nur” 35 Millionen Tote. Nicht einmal die halbe Bevölkerung Deutschlands. Von Leichenbergen wäre man also weit entfernt und die Survivalrate läge schließlich bei satten 99 Prozent, das würde sich jeder Krebs- und AIDS-Patient sicher wünschen, so gute Chancen zu haben. In Panik, so die Experten, solle man deshalb nicht ausbrechen.

Dennoch: H1N1 hält sicher noch die ein oder andere Überraschung bereit. Vielleicht nutzt das Virus noch Sommer-, Reise- und Festivalzeit, um ein wenig an seinen Superkräften zu feilen. Um sich vielleicht irgendwo im kambodschanischen Dschungel zu einem echten Killer ausbilden zu lassen. Evolution kann ein Arschloch sein.

Was wird passieren, wenn wirklich 35 Millionen Menschen binnen weniger Tage sterben? Die Sarg-Produktion würde die letzten Urwaldreserven verschlingen, die IKEA-Produktion würde zum erliegen kommen. Die Panik, die nur ein Schweinegrippetoter in einer deutschen Stadt wie Köln auslösen kann, ist unermesslich. Aktienkurse werden einbrechen, Großveranstaltungen abgesagt, Flüge eingestellt und Grenzen dicht gemacht.

Und am Ende werden sie wieder triumphieren, die Weltretter, vor die Kameras treten und mit einem blasierten Grinsen der inneren Genugtuung sagen, dass sich die Natur nur dafür gerächt hat, dass wir alle immernoch acht Liter Sprit auf 100 Kilometern verblasen und den Müll nicht ordentlich trennen. Und dass die nächste große Pandemie schon auf uns wartet, schließlich wird mit der Klimaerwärmung jeder ostfriesische Schweinestall zum tropischen Seuchenherd.

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