Silvester: Eine Hassliebe

FeuerwerkSilvester ist’s ja immer das gleiche. Gegen Anfang Dezember kommen die ersten Fragen nach der Abendplanung für Silvester auf, die finale Entscheidung fällt jedoch stets am 31. Dezember gegen 18 Uhr, also kurz bevor “Dinner for one” auf dem WDR läuft, um hernach von einer Klimbim-Folge abgelöst zu werden. Nach der Besinnlichkeit der Weihnachtszeit haben die Geschäfte bereits auf Karnevals-Austattung umgesattelt und zwischen Jahresrückblicken und Best-of-Blödsinn-Sendungen turnt plötzlich wieder Dieter Hallervorden durch das Programm.

Alle Welt ist frivol-fröhlich und geht aller Welt damit ziemlich auf den Sack.

Schon seit Tagen führen Handelsketten von ATU über Lidl bis hin zu PLUS enorme Feuerwerk-Arsenale, mit denen sich auch dieses Jahr wieder zahllose Besoffene die Hände in Fetzen sprengen und dieses oder jenes Objekt in der Nachbarschaft anzünden werden. Dabei ist eine gewisse Korelevanz zwischen Bildungsstand und Knallerverbrauch zu bemerken, die sich recht einfach berechnen lässt: Je dumm desto bumm! Während sich gewisse Individuen als Bastler versuchen und schon im Vorfeld des 31.12. versuchen, nuklearspengkopfgleiche Sprengwirkungen mit Schwarzpulver zu erzielen, knallen andere Vorwitzige Gestalten nervös ihr Waffenarsenal schon zwei Tage vorher weg. Die Kinder erforschen das Detonationsverhalten von Hundescheiße und freuen sich irrwitzig, wenn sie wieder einmal einen Zigarettenautomaten nicht in die Luft gejagt haben.

Auf der Party fließt dann der Alkohol seit 20 Uhr in Strömen, zotige Witze werden gemacht und sich um die Musikanlage geprügelt. Spätestens um 23:54 Uhr die ARD-Uhr angeschmissen. Fröhliches Zurückzählen, dann umarmt plötzlich jeder jeden. Luftschlangen werden in den Raum gesaut. Besonders penetrante Zeitgenossen greifen sogar zum Konfetti oder, noch schlimmer, zum Glitter-Spray, während sie sich fröhlich und stilecht mit Prosecco im Plastikbecher ein volltrunkenes “frohssneus” zuprosten. Die weniger robusten Zeitgenossen hat der Alkohol bereits lange vor Mitternacht von den Beinen gerissen. Die liegen, fast an der eigenen Kotze erstickend, im Bett des Gastgebers, obwohl die Tür zum Schlafzimmer eigentlich abgesperrt war.

Draußen knallt es jetzt richtig und alle rennen raus, um mitzuspielen. Die vegan-pazifistische “Brot-statt-Böller”-Fraktion schlägt bei jeder fast lautlos verpoppenden Deppenrakete vom Discounter ein Kreuz für ein verhungertes Kind in Afrika.

Die Handy-Netze brechen wie jedes Jahr zusammen, weil jeder Idiot unbedingt pünktlich zum Jahreswechsel gratulieren möchte.

Der grundsätzlich zu ignorierende Brot-statt-Böller-Aktivist sucht sich derweil neue Freunde bei denen, die eigentlich keine Freunde sind, sondern einfach nur zu geizig waren, Geld für diese albernen Raketen und Böller auszugeben. Und das meist auch nur aus einem Grund: Wenn es knallen soll, dann doch bitte richtig! Und unter einer IRA-Autobombe geht da gar nichts, so ihre Meinung, mit der sie sich beim Brot-statt-Böller-Menschen effizient disqualifizieren. Dieser verlässt die Party zum Glück früh und in tiefer weltanschaulicher Demütigung.

Nach dem Jahreswechsel wird fröhlich weitergesoffen und die “jetzt aber wirklich letzte” Kippe bis zu 68 mal angezündet. Derweil treffen die ersten Partyswinger “von der anderen Party” ein, füllen die Wohnung bis an ihre Tragfähigkeitsgrenze und bedienen sich fröhlich am Alkohol. Das einzige Klo wird spätestens gegen zwei Uhr von den Koppulationsversuchen zweier Menschen blockiert, die sich unter anderen, weniger volltrunkenen Umständen nicht ohne Ekel in die Augen schauen könnten.
Wohl deshalb landet die Kotze der deliriumtrunkenen Partyswinger auch oft auf dem Teppich, häufiger jedoch im Treppenhaus oder, ebenfalls nicht selten, auf den Köpfen von Passanten unten auf der Straße.

Spätestens jetzt hat ein besonders femininer Mann den Kleiderschrank der Gastgeberin entdeckt und sich mit BH und Sonnenhut in Schale geworfen, um kurz darauf der ebenfalls angerückten Rockertruppe in die Hände zu fallen und seinen ersten Live-Gangbang zu erleben. Während er im Hinterzimmer schreit, finden sich weitere Pärchen und fröhnen dem Klammerblues, den irgendein Volltrottel aufgelegt hat.

Ist die Party cool, löst sich die Gemeinde nach und nach auf, nimmt ein überteuertes Taxi oder fährt noch Auto. Der traurige Rest erwacht irgendwann gegen 10 Uhr am Morgen, erinnert sich weder an das Feuerwerk, noch daran, woher das Jucken im Schritt kommen könnte und fühlt sich auch sonst ziemlich scheiße.

Ja, morgen wird es wieder lustig! Ich freue mich drauf und wünsche allen Partylosen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

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