Superfremdscham: “Ich weiß, wer gut für Dich ist” (ARD)

Kandidaten finden ist schwierig![Aktueller Song: "Silver Surger" von Such A Surge]

In Deutschland gibt es fünf Millionen Singles, Tendenz steigend. Keine Frage also, dass die einsamen Herzen, bekennenden Neurotiker und pathologischen Hackfressen irgendwie unter die Haube müssen. Die ARD, sonst das Fachorgan für geriatrische Unterhaltungssendungen, hat deshalb seinen angestaubten Klassiker “Herzblatt” und das Experiment mit dem hyperaktiven Quotenschwulneger Bruce Darnell durch eine neue Kuppelshow ersetzt: “Ich weiß, wer gut für Dich ist“. Das Prinzip der Sendung ist einfach wie peinlich: Freunde, Arbeitskollegen, sogar Expartner verkuppeln den einsamen und auf jung frisierten Single um die 30. Und das ist ist unglaublich peinlich!

Da sitzt eine Frau mit schwer einschätzbarem Alter und schickt ihren schwulen Chef, ihre beste Freundin, ihren Exfreund und noch einen männlichen Kumpel los, um jemanden zu finden. Gesucht wird an den Unis und in den Fußgängerzonen dieser Welt, es erinnert ein wenig an diese Gameshows für Kinder, wo es darum geht, in einer gewissen Zeitspanne möglichst viele Erwachsene aufzutreiben, die dann irgendeinen Quatsch machen sollen. Die angesprochenen machen Quatsch und da niemand ohne Vertrag im Fernsehen erscheint, handelt es sich bei den angeblich spontanen Aktionen immer um schlecht geschriebene Baggerdialoge von und für Selbstdarsteller.

Dazu werden in bester Panelshow-Machart die anderen Freunde eingeblendet, die das Fußgängerzonenfundstück bewerten. Dabei fällt auf: Jeder bringt immer den Typ Mensch ein, der seinem Geschmack entspricht. Der Exfreund sucht boshaft den Superschluffi aus, der schwule Chef und die beste Freundin Typen, mit denen sie selbst am liebsten (oder unter keinen Umständen!) ins Bett hüpfen würden. So greift sich die beste Freundin zielsicher einen glatzköpfigen Sportstudenten heraus, der nicht nur optisch absolut glattrasiert ist und sich später beim Date als Superposer entpuppen wird.

Hat jeder “Freund” seinen Kandidaten gefunden, darf die Wohnung besichtigt werden. Auch das geht ganz “spontan” vor sich, weder ist jemals jemand zuhause, auch in WGs nicht. Der eine Kandidat hat die Wohnung vorher gewienert, der andere setzt auf Natürlichkeit und den Charme zentimeterdicker Staubschichten. Der Voyeurismus des Zuschauers wird befriedigt, so sieht es also in fremden Wohnungen aus, na sowas. Die suchenden machen lustige Witze über dies und jenes und der Zuschauer schämt sich unglaublich fremd über die Abgründe menschlicher Unzulänglichkeit. Danach darf gedatet werden.

Um die inszenierte Spontanität zu unterstreichen, geben die Darsteller vor, sich vorher nie gesehen oder gesprochen zu haben. Die gefundenen Kandidaten für den suchenden Single müssen sich nun darum bemühen, ein möglichst aufwändiges Date zu organisieren. Von Candlelight-Dinner bis zum Hochsprung-Kurs ist da alles möglich. Die Kamera hält alles fest, wirkt unsichtbar, selbst an öffentlichen Plätzen rennen nie winkende Türkenkinder vor die Kamera, womit klar sein dürfte, was die Spontanität unterstreicht. Derweil stelzen sich die Protagonisten in bester Herzblatt-Manier und mit dem massentauglichen Humor aseptischer RTL2-Polizei-Dokusoaps durch die offensichtlich geschriebene Dialoge.

Nachdem alle Kandidaten gedatet wurden, muss der gepeinigte, mit Vollspaten beworfene Single eine Entscheidung treffen. Dazu wird sich an einen Tisch gesetzt und kurz diskutiert. Die Verzweiflung treibt ihn immer zu einem der vorgegebenen Kandidaten, das Drehbuch gibt wohl keine “die waren alle total ätzend”-Entscheidung vor. Freude beim “Gewinner”, Entäuschung bei den “Verlierern”, deren Kandidaten nicht durchkamen, zum Schluss noch ein Bild des Singles mit der menschlichen Neuerwerbung vor romantischer Kulisse und Abspann.
Und für solchen Mist muss der deutsche Fernsehzuschauer GEZ-Sondersteuer zahlen. Ein Trauerspiel!

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