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Alternativen zum Jetzt und Hier #4: Kirschblüte in der Bonner Altstadt

Kirschblüte in Bonn

Kirschblüte in Bonn

Jedes Jahr im April regnet es in Bonn rosa Tränen auf alte Autos. Die Altstadt wird zum schönsten Ort der Welt, wenn nur die Sonne scheint. Es besteht weiterhin Sanierungsbedarf.

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Orte, wo man lieber woanders wäre: Das Emo-Konzert

Das Publikum geht voll mit, steht also zombiehaft herum und ritzt sich launig im Takt der Emocore-Akkorde mit der Rasierklinge.

Das Publikum geht voll mit, steht also zombiehaft herum und ritzt sich launig im Takt der Emocore-Akkorde mit der Rasierklinge.

[Aktueller Song: "God Put a Smile On Your Face" von Mark Ronson]

Zeit für eine neue Reihe hier auf dem Deluxe-Blog: “Orte, wo man lieber woanders wäre” ist vielleicht grammatikalisch eher schwäbisch als korrekt, aber trifft die Sache ganz gut. Hier wird in nächster Zeit der ein oder andere Ausgeh-Kracher verewigt. Und davon habe ich noch so einige im Petto, weil ich in letzter Zeit so richtig gar keine Lust hatte, darüber zu bloggen. Heute also die erste Folge: Das Emo-Konzert!
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Köln

[Aktueller Song: "Across 110th Street" von Bobby Womack]

Viele deutsche Großstädte haben ein Imageproblem, aber wohl keine ist diesbezüglich so schlecht dran wie Köln. Während der Kölner selbst seine Stadt für den schönsten Fleck des Planeten hält, reagieren Auswärtige auf die vier Buchstaben wie Youtube-Nutzer auf das “2 Girls, 1 Cup”-Video. Wer an Köln denkt, denkt an Karneval, an den Dom und an den Rhein. Germanisten vielleicht noch an Heinrich Böll und Historiker an den zweiten Weltkrieg, aber das war es dann auch schon.
Doch Köln bietet viel mehr!

Köln, das sind 2000 Jahre städtebauliche Anarchie. Kein Bauvorhaben wurde in Köln jemals mit dem kalkulierten Budget fertiggestellt, weil immer zwischendurch ein Team nerviger Archäologen anrücken muss, um römische Müllhaufen zu bergen. Die hat Köln nämlich reichlich, dazu Kram aus allen Episoden dazwischen. So wird selbst das Einpflanzen eines Rosenstrauchs im eigenen Garten zum finanziellen Risiko, denn wenn man Pech hat, wohnt man zufällig auf einem der zahllosen römischen Müllkippen der Stadt. Bauvorhaben dauern deshalb immer mindestens doppelt so lange wie geplant und kosten das vierfache. Aber die Stadtverwaltung lernt einfach nicht, das bei der Kalkulation von U-Bahnstrecken und ähnlichem zu berücksichtigen.

Köln, das sind zahllose Notbauten aus den 50ern und Bausünden aus den 60ern und 70ern. Wer auch immer damals die glorreiche Idee hatte, den ohnehin schon geschmackfrei-größenwahnsinnigen Dom mit einem unattraktiven Skaterparadies namens Domplatte zu umrahmen, gehört posthum nach Düsseldorf zwangsverschifft! Überhaupt der Dom, die Dauerbaustelle. Aus haltbarem Sandstein gebaut, würde dieses Stück gotisch-katholischer Profilneurose ohne konstante Pflege nichtmal ein Jahrhundert überstehen, ohne chinesische Touristen beim kleinsten Windstoß unter tonnenschwerem Steinschlag zu begraben. Immerhin: Das gute Stück ist weithin sichtbar, selbst der ewig neidische Düsseldorfer muss seinen Anblick bei klarem Wetter ertragen. Das architektonische Leitprinzip des Doms – protzig und/oder hässlich – zieht sich durch die ganze Stadt.

Ringförmig strukturiert heißen die vollkommen verstopften Straßen immer wie die Orte, wo sie historisch mal hinführten. Das ist eine schlaue Idee, setzt aber gewisse Geographiekenntnisse voraus, die der Kölner an für sich nicht hat, verlässt er doch niemals seinen schönsten Flecken Erde, höchstens vom Köln/Bonner Flughafen aus, um an den Ballermann zu fliegen. Ortsfremde hingegen finden immer einen Weg in die Stadt, aber niemals einen heraus. Das ist wohl auch der Grund, warum Köln eine der am stärksten wachsenden deutschen Großstädte ist: Irgendwann gibt eben jeder frustriert auf, steigt aus seinem Auto, sucht sich eine Wohnung und nennt sich fortan Kölner. Besonders Türken scheint das ziemlich häufig zu passieren.

Überhaupt, Türken. Es gibt Stadtviertel, Ehrenfeld etwa, die bei oberflächlicher Betrachtung problemlos als Stadtteil von Antalya durchgingen, auch städtebaulich. Da stehen billigst errichtete Notbauten, einst geschaffen, um nach dem Krieg schnell und billig Wohnraum zur Verfügung zu stellen, die seither weder renoviert, noch gesäubert wurden. Irgendwann werden die dann aber doch abgerissen und an ihrer Stelle wächst ein sauteures Appartementhaus mit Eigentumswohnungen (38 bis 150 qm!) und Tiefgarage im Keller aus dem Boden. Da ziehen dann hippe Medienmenschen mit eckigen Hornbrillen ein, wegen des multikulturellen Flairs, und vertreiben die türkische Urbevölkerung mit ihren Mini-Coopern und Latte-Macchiato-Kneipen.

Nur rechtsrheinisch, da trauen sich die Medienmenschen nicht hin, vermutlich auch, weil da die Messe ist und Medienmenschen Messegelände fürchten wie der Dom sauren Regen. Und deshalb sind Mühlheim und Höhenberg inzwischen offiziell zu türkischen Exklaven ernannt worden, Orte mit eigenen Traditionen und eigener Scharia-Rechtssprechung. Zum Glück arbeitet die Stadtverwaltung erfolgreich gegen die Medien-Infiltiration im Westen, indem sie demnächst eine riesige Moschee in Ehrenfeld baut, von der alle drei Stunden der Muezzin herunterbrüllt. Damit hat man noch jeden langschlafenden Digitalbohémien vertrieben, dafür hat man sich extra in Berlin schulen lassen. Das alles zusammen ergibt das Kölns “internationalen Flair”, mit dem die Stadt sich so gerne selbst bewirbt.

Weniger internationale Zeitgenossen ziehen sich in kleinere Stadtteile zurück, die angefüllt sind mit so genannten Kölschkneipen, Gaststätten, die zu 100% unter die Ausnahmeregelung des Nichtraucherschutzgesetzes fallen, kaum größer als ein Wohnzimmer. Schon morgens um 10 hängen dort schnurrbärtige Gestalten herum, betrinken sich mit Kölsch und lauschen das ganze Jahr den Klängen eingängiger Karnevalsschlager. Sind sie noch weniger international, wird der Schnurrbart samt des Haupthaars rasiert und man tritt einem Club bei, der sich “Pro Köln” nennt und Moscheen ziemlich blöd findet, das aber für demokratisch hält.

Wer die Stadt von ihrer schönsten Seite sehen möchte, sollte einen eine Stadtbesichtigung mit S- oder U-Bahn in Erwägung ziehen. Schmutzige, spärlich beleuchtete Stationen geben zahllosen zwielichtigen Gestalten ein sicheres Zuhause und Jugendliche mit schief auf dem Kopf sitzenden Fernfahrermützen beschallen arglose Mitfahrer mit den neuesten Klingeltonhits aus TV und Internet. Wer schief guckt, kriegt auf die Fresse, denn die U-Bahn-Teenager sind die uneingeschränkten Herrscher des Untergrunds. Echten Underground gibt es in Köln nämlich nicht, da bleibt eben nur die U-Bahn als Zentrum adoleszenter Jugendkultur. Und so wird gesprayt, was das Zeug hält.

Ältere Jugendliche hingegen wählen die Kölner Ringe als Ort der Balz und des Aggressionsabbaus. Während des Nachts tiefergelegte BMWs die lange Straße auf und ab kreuzen, stacksen minderjährige Mädchen im Prostituiertenkostüm und beschissenen Frisuren auf dem viel zu breiten Bürgersteig umher, immer auf der Suche nach dem finalen Kick in Form von noch einer neuen Disco, in der ganz innovativ House oder der kölsche Hitmix gespielt wird. Es ist nicht bestätigt, aber die Musikmischung in den meisten Kneipen legt die Vermutung nahe, dass die Kölner DJs zentralistisch organisiert sind und nichts weiter machen, als das Programm eines geheimen Radiosenders einzuspielen. Auf Brings folgt immer der “FC Kölle”, danach folgt House, ein Rock-Hit, den jeder kennt, Brian Adams vielleicht. Aber das kölschbeduselte Publikum merkt das sowieso nicht mehr, die Ringbesucher laufen im Paarungsmodus und nimmt nur noch das andere Geschlecht wahr wie läufige Hunde. Ab und zu stirbt irgendwo ein Penner und es gibt eine Messerstecherei, dann kehrt irgendwann gegen halb zwei etwas Ruhe ein, weil da die letzten Bahnen fahren. Das ist ja so üblich in Weltstädten.
Wer mit dem Auto da ist, besäuft sich hemmungslos weiter und fährt dann nach Hause.

Einmal im Jahr explodieren die Ringe. Dann ziehen sich plötzlich alle in der Stadt komisch an, saufen sich mit Kölsch ins Koma und brüllen “Kamelle” und “Alaaf”. Auf den Straßen wird wild kopuliert, Ehen und Beziehungen sind zeitweise außer Kraft gesetzt und das ist allgemein gesellschaftlich akzeptiert. Japaner finden das besonders lustig, reisen extra dafür um die halbe Welt, um dann wie Tiefkühltruhen im Trubel zu stehen und verschmitzt zu lächeln, wenn gewichtigen kölschen Mädchen weit jenseits der Wechseljahre die kurzen Röcke hochrutschen. Das ganze nennt sich dann Karneval und macht ziemlichen Spaß.

Eine der wichtigsten Attraktionen Kölns ist der Rhein, ein großer, brauner, stinkender Strom, der die Stadt von Süden nach Norden durchquert. Stellenweise hübsch, versprüht das Rheinufer sonst weitestgehend den weltläufigen Charme des Containerhafens von Kalkutta. An wohl keinem anderen Ort der Welt kann man Verfall und architektonischen Irrsinn so wunderbar verfolgen wie im Deutzer Hafen oder auf der anderen Seite, im Rheinauhafen.
Trotzdem ist der Rhein die Lebensader von Köln. Er versorgt die Stadt mit wichtigen Gütern und mit Trinkwasser, der Kölner trinkt die lausige Brühe und braut sein Bier damit, das international als Spezialität anerkannt ist. Wenn all die hippen Japaner, die teures Früh einkaufen, wüssten, dass das Bier aus dem gleichen Wasser gemacht wird, in das Chemiewerke und Großstädte von Basel bis Rotterdamm ihre Abfälle einleiten, wären sie wohl kaum erfreut.

Warum also, so fragt man sich, möchte jemand freiwillig in Köln, dieser mittelalterlichen Höllenvision wohnen? Auswärtigen, gerade denen aus dem schönen Süddeutschland, ist es immer ein Rätsel, wie jemand Köln mögen kann.
Aber Köln ist Köln.
Und das ist irgendwie ziemlich geil.