[Aktueller Song: "The Saddest Song" von Streetlight Manifesto]
Tuppes, der natürlich nicht wirklich so hieß, sich aber so verhielt, war ein etwas unsicheres Kind aus der Parallelklasse. Irgendwann, als die Pubertät anfing und man solche Sachen machte, nähte er sich eine Heavy-Metal-Kutte, denn er hörte ja Metallica, auch sowas machte man damals. Eigentlich machte er das aber nur, weil er bei den Heavy-Metal-Kindern mitspielen wollte. Da war Tuppes 14 und Antialkoholiker, die Metal-Kinder hingegen nicht, die soffen wie die Löcher.
Deshalb war Tuppes jahrelang Ziel boshafter Scherze seitens der Metal-Kinder, die sich ja für besonders tolle Typen hielten, damals. Und wir anderen dachten das auch, denn die Metal-Kinder rauchten und soffen und das trauten wir anderen und ja noch nicht. Deshalb wollte Tuppes dazugehören, er fühlte sich zum Heavy-Metal-Kid berufen und ließ sich sogar die Haare wachsen. Die allerdings musste er bald wieder abschneiden, sein Vater war ja Staatsanwalt und hatte eine Glatze und einen Schmiss auf der Wange und mochte das wohl nicht haben, dass sein Sohn so rumlief. Das ging einige Jahre so.
Eines Tages kam Tuppes nach den Sommerferien wieder, es muss wohl zur Oberstufe gewesen sein. Er hatte offenbar den Sommer über überlegt, ob er weiterhin der Depp für die Metal-Kinder sein wollte und sich selbst dafür eine Absage erteilt. Metal-Kinder-Depp wollte selbst der Tuppes nicht mehr sein und war in einem sechswöchigen Schnellkurs auf Hip-Hop umgestiegen.
Deshalb hatte er sich auch Freeman T. Porter-Baggys gekauft. Das waren so riesige, fürchterlich teure Putzlappen, die nur mit viel Wohlwollen als “Baggys” oder gar “Hosen” zu bezeichnen waren. Damals gab es eben nichts anderes, es waren die 90er und die Gründerzeit der Baggypantsbewegung. Kein deutscher Rapper hätte sowas angezogen, es waren eben schlechte Zeiten für hochgewachsene, magere Baggypantsträger.
Tuppes hatte sich beim Windelhosenkauf für eng und kurz entschieden, traute sich aber nie so recht, die Hose richtig hängen zu lassen wie wir anderen unsere Levis 501. Hochgewachsen wie er war, hatte er aber auch Hochwasser in den Baggys, selbst wenn er sie hängen ließ. Weiße Tennissocken blitzten aus den riesigen Turnschuhen und weil Tuppes nur eine Freeman T. Porter-Baggy hatte und die obendrein von mieser Qualität waren, war die bald ganz fadenscheinig und ausgewaschen und oft geflickt. Auch weil er mit Typen rumhing, die sein Vater eigentlich hätte verknacken sollen.
Das hinderte Tuppes allerdings nicht daran, voll den Hip-Hopper raushängen zu lassen. Uns andere, die Mützenträger, die wir schon lange Hip-Hop hörten, ohne das per Baggy oder Connections zur lokalen Asoszene beweisen zu müssen, belaberte er, mehr fragend, in der Schule über den Eastcoast-Westcoast-Konflikt. Gerade waren ein paar Rapper erschossen worden und MTV hatte daraus einen USA-weiten Bandenkrieg gemacht. Das war Tuppes’ Welt, da wusste der Tuppes bescheid. Und weil er noch etwas wuchs, wurden seine Baggys noch kürzer.
Manchmal nutzte Tuppes sogar Geschichtsstunden, um Mitschülern wie Lehrern sein breitgefächertes Wissen über die soziokriminellen Konflikte in den Ghettos im Rheinland und der Welt kundzutun. Weisheiten, die keinen interessierten, aber der Tuppes glaubte halt daran.
Irgendwann begannen auch die Kleinen in der Unterstufe, weite Hosen zu tragen. Und während wir anderen das zum Anlass nahmen, nicht nur Kleidungsstil, sondern auch gleich die Musik zu wechseln, blühte Tuppes voll auf. Als offensichtlicher Vorreiter der Windelhosenbewegung hingen die Kleinen jetzt gerne mit ihm rum und Tuppes hatte endlich echte Freunde.
Und weil Tuppes, inzwischen fast 20 und recht gutaussehend, so gut mit Kindern konnte, fanden die Mädchen ihn auch plötzlich voll gut. Nur er die Mädchen nicht, denn er hatte nur Augen für den Hip-Hop und wenn er dann doch mal ein Date hatte, schwärmte er, Jan Delay sei eine “coole Sau”. Platten von den “Coolen Säuen” hatte natürlich auch, was er auch erzählte. Platten, “Vinyl, da ist die Qualität besser”, wie er sagte, natürlich keine CDs und schon gar keine MP3s und das vergraulte die Mädchen jedesmal, er kam nichtmal so weit, ihnen ein Mixtape zu machen, obwohl er das sicher gerne gemacht hätte.
Irgendwann kam Eminem raus, Hip-Hop war nur noch peinlich, wir machten Abi und ich verlor den Tuppes aus den Augen und das war auch besser so.
Über ein halbes Jahrzehnt später – ich näherte mich meinem Studienabschluss und war Dank Eminem, Sido und Konsorten längst keiner mehr, der laut gesagt hätte, dass er jemals Hip-Hop hört – traf ich Tuppes zufällig wieder. Er erzählte, dass er jetzt eine Band habe. Crossover. Hip-Hop sei ja nicht mehr so cool, aber Crossover, das sei groß im Kommen. Es war 2006. “Crossover ist tot”, sagte ich lakonisch, worauf er ganz traurig wurde. Wenigstens hatte er jetzt eine Freundin, das war immerhin ein Fortschritt und erlöste ihn vom leidigen Vorwurf der Päderasterie, wobei ich nicht nach ihrem Alter gefragt hatte. Als er dann ging, konnte ich sehen, welche Hose er trug: Es war der alte Hochwasser-Lappen von Freeman T. Porter.


24/01/2009 at 06:58 Permalink
Metallica? Zu “hart”, er stand mehr auf Blind Guardian.
25/01/2009 at 23:17 Permalink
Ach ja, verdammt, ich erinnere mich…