Kennt noch jemand Viva? Das ist dieser Klingelton-Sender, wo ab und zu mal eine Sendung läuft. Dieser Sender, den man sich in der Regel ganz nach hinten programmiert, damit man beim Zappen nicht aus Versehen einen epileptischen Anfall bekommt, wegen der bunten Klingeltonwerbungen.
Und was läuft auf diesem Sender, wenn die Klingelton-Quälgeister mal Ruhe geben? Meist sind es amerikanische Neid-Sendungen, frei nach dem Motto: “Star X hat Auto Y und Haus Z.” Alternativ wird das ganze auch mit einem leicht ironischen Ton gewürzt, dann heißt es, “Star X hat Macke Y und Fehler Z.” Man soll ja merken, dass Tom Cruise einer von uns ist. Oder halt noch weiter unten, denn das Viva-Publikum ist meist extrem weit unten.
Viva, das war auch mal ein Musiksender, der sich 1993 anschickte, gegen den großen, gegen MTV anzutreten. Eine Vision, Viva-Deutschland gegen den Rest der MTV-Welt. Oder auch: Heute Köln und morgen die ganze Welt. Damals begann alles ganz klein, neben Eurodance wurden vor allem stein-, ja sogar uralte Musik-Videos gezeigt: Madonna, Michael Jackson, Mark Knopfler und Genesis als Musik-Urgesteine neben Eurodance-Kirmesmusik von Twenty4Seven, La Bouche, 2Unlimited und Masterboy. Das war gewöhnungsbedürftig.
Schon damals trennte Viva die Spreu vom Weizen. Menschen, die es bunt und einfach mochten, Menschen, die gerne an Autoscootern herumhingen, für die die Dorfkirmes auch heute das Größte ist und die sich dafür schick machen. Einzeller, die sich Filme wie das zeitgenössische Werk “George, der aus dem Dschungel kam” anschauten, rekrutierten sich schon bald als Viva-Kundschaft.
Menschen mit einem erleseneren Geschmack, Menschen, die lieber “härtere Sachen” oder einfach nur guten Chartpop mochten, verzogen sich schnellstmöglich zu MTV. Dort gab es Beavis & Butthead und andere seltsame Trickserien, damals. Und Rock, Metall und Rap gab’s da auch. Das war irgendwie cooler.
Viva zeichnete sich besonders dadurch aus, dass der Sender dem Zuschauer mit schöner Regelmässigkeit Moderatoren präsentierte, die sich in Sachen Hirnfreiheit ständig überboten. Aus Moderatoren wurden “VJs”, was wohl Video-Jockey, zu deutsch: Video-Rangler.
Ein darwinistischer Kampf entbrannte und bleiben durfte nur, wer wirklich, wirklich blöd war. So schieden Mola Adebisi, Stephan Raab und Heike Makatsch bald aus, wurden ersetzt durch Menschen wie Tobi Schlegl und Sarah Kuttner, die letztendlich auch nur da waren, um den Absprung zu schaffen. Andere haben ihn nicht geschafft oder müssen jetzt ein Dasein als ewige B-Promis fristen, ohne bisher die 40 überschritten zu haben.
Der Höhepunkt dieser Viva-Moderatoren-Negativ-Evolution: Hyperaktiv-Klaas und Koks-Gülcan. Die haben zwar inzwischen auch den Absprung zur VIVA-Resterampe Pro7 geschafft, aber, damals, auf Viva, irgendwann nachmittags, zeigten sie ihre wahre Kompetenz. Sie waren der lebende Beweis dafür, dass durch gesunde Zuchtwahl auch Rückwärts-Evolution möglich ist. Obwohl sie eigentlich noch viel zu helle waren, wenn man sich einmal anschaute, was für Schoten im Publikum sitzen.
Der Viva-Traum platzte mit dem ersten Klingelton-Spot, den der Sender ausstrahlte. Es war vorbei, als die Musikindustrie, geschockt von den Raubkopierer-Zahlen, jede Form finanzieller Unterstützung einstellten. Frei nach dem Motto: “Wenn sich unsere Scheiße eh nicht verkauft, brauchen wir auch keine Videos drehen.” Musikindustrie-Logik. Das Feld war frei für Jamba und Co. und die Rütli-Hauptschule in Neukölln beweist: Der Stoff ist, überkonsumiert mit anderen Hirnzertrümmerern wie 50Cent und Aggro Berlin, eine tödliche Mischung für jede Hirnzelle. Die Jugend ist im Arsch, sprischt nur Kanakisch, ne, und weiß nisch mit die Scheiße anzufangen, Lan!
Danke, Viva.
Die Strafe kam sofort: Viva pleite, aufgekauft von MTV. Aus der Traum.
Die MTV-Gruppe, die schon seit Mitte der 1980er eine aggressive Kampagne gegen jugendliche Intelligenzbildung fährt, fand in Viva den richtigen Partner. Viva 2, der ehemalige, wenigstens halbwegs erträgliche “Alternative-Sender” wurde erst zum Viva-Klon Viva Plus, dann mutierte er zu einem Spielshow-Kanal Marke 9Live, bis der Sendeplatz schließlich zugunsten eines Homeshopping-Kanals kampflos aufgegeben wurde. So gehört sich das, erst die Jugend blöd züchten, um ihr dann das Geld aus der Tasche zu ziehen. Nicht anders als Anfang der 90er, nur halt viel offensichtlicher.
So weit, so gut. MTV selbst dümpelt seitdem ähnlich wie die Tochter Viva am unteren Rand der Niveau-Untergrenze und schafft es nur noch ganz, ganz selten, diese zu überschreiten. Aktuell sind es brutale US-Trickserien, die das Ruder zumindest Nachts herumreißen. Dank der zahllosen Wiederholungen und mieser Synchronisation ist das in Zeiten von Bittorrent und Online-Videoportalen.
Macht’s gut, ihr beiden Sender, ich werde Euch nicht mehr einschalten. Ihr wisst wahrscheinlich, warum.


09/07/2009 at 10:01 Permalink
Wirklich brauchbare Musiksender gibt es eigentlich nicht mehr. VH-1 ist noch relativ hör- bzw. sehbar.
Aber dafür gibt es heute Internet-Radio, myspace und youtube.
09/07/2009 at 11:56 Permalink
Na komm, Viva II war zeitweise echt gut. Aber Fieps-Alex-Bechtel – das ging mal gar nicht. Warum schmeißt MTV nicht endlich das M aus dem Namen… Meine Güte, die waren damals so groß – und heute irgendwas a la QVC…
09/07/2009 at 23:06 Permalink
Wobei sich MTV echt langsam bessert. Kürzlich stieß ich auf eine Reihe Musikvideos in Folge, ich war entsetzt.
10/07/2009 at 11:23 Permalink
Wow, wie kommen die denn dazu?
Es geschehen noch Zeichen und Wunder… ich bin begeistert!!