Männer müssen sich rasieren. Das Fatale daran ist, dass, auch wenn Barthaar-Experten und Haar-Forscher diese Beobachtung verneinen mögen, die Barthaare mit jeder Rasur widerspenstiger werden. So widerspenstig, dass sich der Rasurwillige regelmässig die Haut an Hals, Kinn und Wange fein säuberlich abschält, ohne dabei auch nur noch ein Barthaar zu erwischen. Die nämlich scheinen mit der Zeit zu lernen, sich unter dem Nassrasierer hinwegzuducken. Gegen das allmorgendliche Blutbad hilft dann nur Klopapier und viel sensitives Aftershave, auch wenn es das Wort “sensitiv” im Deutschen garnicht gibt. Das Zeug brennt frelich wie die Hölle, weshalb ich, aus mindestens drei Dutzend frischen Schnittwunden literweise Blut verlierend beschloss, dass endlich mal ein neuer Rasierer ran müsste.
Zu meinem 16. Geburtstag hatte mein Vater mir meinen ersten Nassrasierer geschenkt. Er ist, als Frühaufsteher und Medizinier an viel Blut gewöhnt, seltsamerweise überzeugter Trockenrasierer. Diese Option, so lernte ich bei der Bekämpfung des ersten Flaums an Hals und Oberlippe, stellte für mich keine realistische Wahl dar – zu heftig die Problemzonen am Mundwinkel und am Hals. Freilich lag es weniger am starken Bartwuchs als vielmehr an der problematischen Topographie dieser Gebiete, dass ich fortan zum Nassrasierer griff. Waffe der Wahl: Der gute, alte Gilette Duplo II. Die römische zwei steht für zwei Klingen.
Im Gegensatz zur Trockenrasur, die mittels eines elektrischen Gerätes erfolgt, dessen beängstigend schwingende Messer sich in einem Käfig aus Stahl befinden, ist die Nassrasur ein archaisches, blutiges Ritual, das mit einem allmorgendlichem Prozedere vonstatten geht: Gesicht befeuchten, Schaum anrühren und ins Gesicht streichen, Klinge an einer schnell verheilenden Stelle auf Schärfe prüfen, am besten am Bein und dann wird sie auch schon geschwungen. Blutiger Schaum im Abwasch und zahlreiche Narben, die ich über die kommenden zehn Jahre anhäufen sollte, zeigten mir auch ohne den Besuch eines Dermatologen auf, dass ich mich wohl als glücklicher Besitzer von “Problemhaut” bezeichnen kann.
Dem guten, alten Duplo folgten mit der Zeit noch zwei weitere Modelle: Ein Wilkinson Protector (007-Edition!), der so cool war, dass ich ihn haben musste. Der Fortschritt gegenüber dem Duplo II: Die Klingen sind auf einem Schwingkopf angebracht, die Adernritzer sind durch ein Stahlgitter vor zu tiefem Eindringen in die zarte Gesichtshaut geschützt. Das Problem dabei: Da sich die Klingen nie wirklich auf dem Gesicht befinden, bleiben ständig Stoppeln stehen.
In einem Anflug von Retro-Liebe kaufte ich zu Wehrdienstzeiten außerdem einen Wilkinson Classic, das sind die Dinger, in die man noch eine richtige Rasierklinge einspannen muss. Richtige Rasierklingen haben einen Vorteil: Sie sind höllisch scharf. Der Wilkinson Classic hat jedoch einen Nachteil: Rutscht man ab, zieht man sich die Klinge in voller Länge durchs Gesicht. Die dadurch verursachten Fleischwunden sind beachtlich, besonders, wenn man sie sich morgens um fünf Uhr vor dem Antreten zuzieht und das Blut aufgrund von Restalkohol und exzessivem Aspirin-Konsum extra dünnflüssig ist. Leider hatten die Feldwebel nicht einmal den Anflug von Mitleid, weshalb ich schnell zum Protector zurückkehrte, zumindest für die morgendliche Rasur beim Bund. Überhaupt scheinen Feldwebel nur anhand der Blutspuren zu kontrollieren, ob sich die Schützen rasiert haben, am fehlen von Stoppeln kann es nicht gelegen haben, denn die hatten genau wie ich im Wehrdienst gelernt, sich im richtigen Moment zu ducken.
So rasierte ich mich also weiterhin mit dem Protector, bis ich eines Tages feststellte, dass der sich schlicht und ergreifend nicht für den Einsatz im Studentengesicht eignet, wenn der Bart mehrere Wochen gepflegt oder besser gesagt: nicht gepflegt worden war. So griff ich wieder zum Duplo und fügte mir fürderhin mit schöner Regelmässigkeit großflächige Fleischwunden zu, was den Erfolg beim anderen Geschlecht nicht gerade beflügelte.
Dann kam der Tag der Entscheidung. Wieder einmal war mein Vorrat an Duplo-Klingen – eine Ironie des Schicksals, dass der wohl bluttriefendste Nassrasierer der Industriegeschichte wie ein leckerer Schokoriegel heißt –¬†erschöpft. Also auf zum Schlecker und vor die Rasier-Abteilung. Schaum musste auch her, in der festen Annahme, dass die Schlecker Eigenmarke “A+S” dem Schaum von Wilkinson entspräche kaufte ich eine Dose Zeug “mit Aloe Vera”, was ja besonders hautschonend klingt. Außerdem einen Satz Duplo-Klingen, zehn Stück für fünf Euro. Zuhause angelangt wurde der Rasierer geschwungen, es war Freitagabend und es sollte auf die Piste gehen. Ebenfalls im Boot: Der neue Rasierschaum, dessen ätzende Wirkung ich aber leider völlig unterschätzt hatte. Das folgende Blutbad aufgrund der offensichtlich künstlich verstumpften Klingen hinderte mich an einer weiteren Gestaltung des Abends.
Weinend schmierte ich mein Kopfkissen mit den eiternden, blutenden und verätzt brennenden Überresten meines Gesichts ein.
Das war der Tag, an dem ich beschloss, der Nassrasur-Industrie den Kampf anzusagen!
Diese Entscheidung hielt genau zwei Wochen, danach fühlte der Filz im Gesicht sich latent nach nassem, öligen Waschlappen an. Auch der Trockenrasierer brachte keine Sänftigung. Das Gerät, irgendwann in den 90ern geschenkt bekommen, riss lieber an den Haaren, als sie abzuschneiden. Auch hier also keine Hilfe.
Wenig später rasierte ich den inzwischen üppigen Bart wieder mit den lebensgefährlichen Classic-Klingen, diesmal allerdings ohne Ätzschaum und siehe da, es ging. Dennoch: Blut aus allen Löchern und weil ich absolut keine Lust hatte, meine Abendplanung erneut von Erfolg und Misserfolg einer Nassrasur abhängig zu machen, beschloss ich, mir einen neuen Rasierer zu kaufen.
Die Welt ist klein, besonders im Schlecker in Poppelsdorf. Die Auswahl an Rasierern ist jedoch immens. Statt also ein Gerät zu kaufen, zog ich es vor, einige Männersendungen im Fernsehen anzuschauen. Da läuft immer Rasierer-Werbung. Und die ist toll: Raubtiere, Motorräder, herbe Typen, alle immer bestens rasiert mit ihren 21-Klingen-Blankscher-Systemen (das “System” muss sein, das klingt männlich-technisch!). Gewisse Parallelen zur Tamponwerbung zwangen sich auf: Jedes neue Produkt rasiert noch besser, noch gründlicher, am besten, am gründlichsten.
Interessant ist jedoch, dass die Hersteller die alten, nicht so gründlichen Rasierer dann nicht vom Markt nehmen. Stattdessen darf jeder rasierfreudige Kunde sich selbst ein Bild des √úbels machen und sich durch einen Kauf von billig nach teuer selbst davon überzeugen, welcher Rasierer der Beste ist. Die einfache Regel: IMMER der Teuerste.
Im Grunde gibt es ja nichts an den tollen Rasiersystemen mit klangvollen Auto-Namen wie “Mach 3 Turbo” oder “Quattro” auszusetzen, wenn man mal vom Preis absieht. Der ist nämlich für die Top-Rasierer extra teuer. 12 Euro für vier Klingen sind keine Seltenheit und damit kaum günstiger als ein Satz Alufelgen für einen Audi Quattro Turbo. Oder so ähnlich.
Wesentlich unangenehmer ist allerdings die Tatsache, dass die Rasierer-Hersteller offensichtlich mit jeder neuen Rasierer-Generation die alten Generationen ein wenig entschärfen. Hat 1970 noch ein Wilkinson Classic mit einer Klinge für die gründlichste Rasur gereicht, muss jetzt ein Multifunktional-Schwingkopf mit Lamellensteuerung, Getrenntschmierung, sechzehn Klingen und natürlich Turbo her. Rasieren wird der genauso, aber damit der Mann keinen Vergleich hat, werden die Klingensysteme für die alten Rasierer schlicht und ergreifend künstlich verstumpft. Mit dem Erfolg, dass das gequälte Gesicht nachher ausschaut wie eine schlecht vollzogene Schächtung, sofern man nicht zum Topmodell greift. Ich würde sogar jede Wette eingehen, dass der Gilette Mach 3 Turbo mir im Jahr 2050 Fleischwunden reissen wird, wie es aktuell der Duplo tut!
Entgegen meiner Überzeugung habe ich mich dann aber doch für ein veraltetes Modell entschieden: Den “Gilette Sensor 3″.
Der Name deutet auf eine Herkunft aus den 90ern hin, als nicht Autos, sondern Computer voll die Mode waren unter jungen, erfolgreichen Männern. Und das Preis-Leistungsverhältnis stimmt, für nur 12 Euro gibt’s immerhin zehn Klingen, eben der Toyota unter all den Nassrasierern. Und rasieren tut der auch ganz gut, jedenfalls sind morgendliche Blutbäder seither selten.
Zumindest solange, bis eine neue Rasierer-Generation das Licht des Nassrasierer-Marktes erblickt. Diesmal mit 122 elektronisch gesteuerten Nano-Klingen. Der klangvolle Name: Wilkinson Ultra-Nano.

01/03/2009 at 02:29 Permalink
Als kleiner Nachtrag: Es gibt um’s Verrecken keine Sensor 3-Klingen mehr, dabei ist das der beste Rasierer der Welt! Weiß jemand, wo ich noch welche herbekomme?