Warum Köln Bickendorf viel cooler ist als Berlin Mitte

bickendorf[Aktueller Song: "Paper Planes" von M.I.A.]

Köln, die eher mässig pulsierende Kleinstadt mit einer Millionen Dorfprolls, ist sicher nicht so cool wie Berlin. Das wissen die Kölner fast besser als die Berliner. Dabei ist Berlin auch nichts weiter als ein Konglomerat preussischer Dörfer, deren Mitte von einer derart brutalen Hässlichkeit ist, dass man selbst als Kölner, der man ja in Sachen Stadthässlichkeit so einiges gewöhnt ist, nur noch kotzen möchte. Aber das nur am Rande. Live und direkt aus Köln Bickendorf nun also gebloggt, warum Köln Bickendorf einfach zehnmal geiler ist als Berlin Mitte.

Berlin Mitte, wer da landet, der hat es geschafft, glaubt er. Unabhängig, freiberuflich und das in kernsanierten Altbauwohnungen biblischer Größe, für deren Mietpreis man in Köln Innenstadt nicht einmal einen abrissbedürftigen Parkplatz bekommt. In Berlin ist alles andersrum als in Köln und in Köln ist es richtig: Von innen nach außen wird es asozialer, versiffter, billiger. In Berlin gibt’s den Speckgürtel, wo die reichen Säcke wohnen, in Köln heißt das “Marienburg” oder gleich “Bonn”. Oder eben “Belgisches Viertel” für die, die es nicht besser wissen, aber Geld haben.

Aber es geht ja um Bickendorf. Versus Mitte, soviel Zeit muss sein. Und um ehrlich zu sein, war ich noch nichtmal irgendwann richtig in Mitte. Habe nur viel drüber gehört und stelle mir das etwa so vor wie Düsseldorf-Flingern, mit erfolglosen Medientypen statt erfolglosen Modetypen, durchsetzt von romantisch-proletarischer Urbevölkerung und Dönerbuden. Oder so ähnlich. Hier bloggt Deutschland ganz authentisch, denken die Blogger. Jeder hier schreibt ein Drehbuch und trägt eine eckige Hornbrille und eine Ché-Mütze und wenn nicht das, dann doch mindestens einen Parka.

Kürzlich sagte ein Berliner zu mir: “Komm nach Berlin, sonst wächst Dir noch ein Schnurrbart.” Und wenn ich mich hier in Bickendorf umsehe, sehe ich verdammt viele Schnurrbärte. Meistens an Oberlippen untersetzter türkischer Papas, aber eben auch, und das ist halt Köln, kölschblondiert als Abschlussbehaarung einer königlichen Vokuhila. Und dazwischen immer Ché-Mützen, eckige Brillen und Army-Parkas, am besten mit Laptop-Tasche, denn das sind die Insignien der bloggenden Bionade-Biedermeier. Oder der “irgendwas mit Medien”-Typen. Die ihre Drehbücher eben nicht für Filme schreiben, sondern für die zahllosen in Köln produzierten Serien. Und das gegen echtes Geld, nicht gegen Milchkaffee oder die Beteiligung an irgendeiner erfolglosen Web 2.0-Geschichte.

Diese Typen allerdings sind selten. Authentizität in Bickendorf, das bedeutet direkt im Herzen des rheinischen Proletariats zu leben. Den Verfall zu spüren, der in Berlin Mitte längst popkulturell konserviert wird. Und dagegen zu arbeiten. Wenn etwa Jugendliche mit Migrationshintergrund und Frisuren wie ausgestorbene Indianerstämme in U-Bahnstationen rumlungern und andere Jugendliche abziehen. Wenn der Nachbar im Feinripp-Unterhemd losstürmt, um die zu richten, die seine im Vorgarten drapierten Gartenzwerge umschmeißen.

Hier, das merkt man, ist die geringste Dichte von DSL-Anschlüssen bundesweit. Die Hälfte der Menschen ist zu alt, um das Internet zu kennen, die andere Hälfte ist zu asozial, um es bezahlen zu können. Hier sind Hautkrankheiten, Übergewicht, McDonalds-Abhängigkeit, Verzweiflung und schlecht sitzende Kik-Klamotten noch nicht ironisch gebrochenes Spielzeug, sondern echt. Fälle für die Supernanny an jeder Ecke und wenn RTL sowieso schon da ist, kann der Sender auch gleich Tine Wittler schicken.

In Bickendorf weiß man nie, ob hinter der nächsten Ecke ein Trupp messerstechender Drogendealer, eine Gruppe halbstarker Muskelprotze mit Migrationshintergrund und Masturbationsstau oder ein besonders gesetzestreuer Senior mit Rippenunterhemd und Rauhaardacke wartet, um einen für das geringste Vergehen, ja allein für die Tatsache, dass man da ist, anzuzeigen. Das ist Leben, das ist Deutschland 2009. Ohne Ironie. Hier riecht Hartz IV noch wie über Wäschetrockner-Wäsche verschütteter Doppelkorn und nicht wie in teure Flaschen umgefüllter Tetrapak-Rotwein mit Biobutter auf Steinofenbaguette. Wenn man jemanden, x-beliebig, nach seinem Job fragen würde, er spräche nicht von irgendwelchen Projekten, sondern die Wahrheit, die da hieße: Hartzi, einer von vier Millionen in Deutschland und über 250.000 in Köln. Hobbys? Fernsehen, saufen, prügeln.

So oder so: Die Ecke hier ist im kommen, sagen die, die hier wohnen. So wie in Kalk und Ehrenfeld, die auch seit 20 Jahren am kommen sind. Man muss nur vorher das Geschmeiß ausquartieren. Aber gestern, da habe ich hier ein Eis gegessen, im Schatten des Hochhauses. Und es hat nach Web 2.0 geschmeckt. Berlin Mitte, nimm Dich in acht!

Stylische Bickendorf-Bekenner-Shirts gibt’s übrigens im xTown-Shop…

Verwandte Einträge:

, , ,

No Comments on "Warum Köln Bickendorf viel cooler ist als Berlin Mitte"

Hi Stranger, leave a comment:

ALLOWED XHTML TAGS:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

 

Subscribe to Comments

Additional comments powered by BackType

Creative Commons Attribution-NoDerivs 3.0 Deutschland
This work by xTown.net is licensed under a Creative Commons Attribution-NoDerivs 3.0 Deutschland.