[Aktueller Song: "We've Got A Groovey Thing Goin'" von Simon & Garfunkel]
Twitter, Facebook, Xing, Weblog, Webforen, Skype und E-Mail: ich bin rundum vernetzt, rund um die Uhr, per Laptop, iPhone, immer on, immer greifbar. Alle Freunde, Bekannten, Geschäftskontakte sind nur einen Mausklick entfernt. Und doch fühle ich mich manchmal einsam. Wenn ich Skype öffne, und keiner online ist. Wenn ich in Facebook schaue und zwar genau weiß, was wann wer warum gerade treibt, aber merke, dass dabei niemand an mich gedacht hat. Wenn niemand Blogbeiträge kommentiert. Doch wenn es dunkel wird, kann das Web 2.0 sehr, sehr einsam sein kann.
Im medialen Grundrauschen des Web 2.0 herrscht ein unendlicher Informationsstrom. Mehr als 200 Menschen folgen mir bei Twitter, ich folge meinerseits genauso vielen. Rund 500 Menschen besuchen täglich meine Website, aber nur wenige hinterlassen einen Kommentar. Ich aktualisiere Statusmeldungen bei Facebook, kommentiere auf Blogs, aber niemand antwortet, niemandem “Gefällt dies”. Es ist frustrierend. Man fühlt sich ein wenig wie ein Komapatient, der alles mitbekommt, dessen geistige Aktivität aber niemand mehr bemerkt. Als brüllte man permanent in die große, weite Welt, ohne dass jemals jemand antwortet.
Warum also tut man das? Warum blogge, twittere, webzwonulle ich? In starken Momenten liebe ich diese Möglichkeit der Selbstdarstellung, der dauernden Erreichbarkeit, aktiv wie passiv. Ich fühle mich wie ein Star, meine Bühne sind Bits und Bytes im weltweiten Datennetz, meine Spotlights sind Follower und Blogleserzahlen und meine Show die viel zu oft nachlässig ins Web gespuckte Kommentare zum Zeitgeschehen und zu persönlichen Erlebnissen.
In schwachen Stunden allerdings frustriert mich diese Einsamkeit, die aufkommt, wenn man eben mal nichts hat, um sich selbst zu präsentieren. Ich lese dann fremde Tweets und frage mich oft, warum ich nicht auf diese oder jene Idee gekommen bin. In Blogs stoße ich immer wieder auf Geschichten aus anderen, interessanteren Leben, auf Postings, die selbst ich mich nicht trauen würde oder Inhalte, die vor Kreativität nur so strotzen und Blogger, die immer in der ersten Reihe sind, immer am Zahn der Zeit, neue Youtube-Videos als erste verteilen und die schnellsten Statements zu irgendwelchen netzpolitischen Entwicklungen abgeben. Dann frage ich mich, ob ich überhaupt in der ersten Liga mitspielen kann, was man machen muss, um wie Niggemeier, Lobo, Haeusler und Co. immer als erster dabei zu sein, Trendsetter zu sein, einer, dem alle zuhören, dessen Show permanent andauert. Wahrscheinlich arbeitslos oder pathologisch manisch.
In solchen Momenten denke ich manchmal an die Zeit vor dem Web 2.0. Ich habe zwar immer viel Zeit am Computer verbracht, aber dieser Status permanenter Erreichbarkeit war erst mit dem Web 2.0 möglich. Früher, das war bestenfalls ICQ und Mail, einmal am Tag, Abends, für ein, zwei Stunden.
Wenn ich heute einen Abend lang nichts zu bloggen oder twittern habe, fühle ich mich seltsam leer. The CRen-Show must go on und nur durch immer noch mehr Seelenstriptease kann man sich weiter vom Rest abheben, Leserzahlen sichern, das Blog am laufen halten. Und das für einen lausigen Euro Werbeeinnahmen am Tag. Wo ist da der Sinn? Man macht sich weltweit zum Affen, aber nichts davon bleibt. Berühmtheit im Web 2.0 ist nicht von Dauer und Geld damit verdienen können eigentlich nur die, die die Dienste programmieren können. Nicht die, die sie nutzen. Die Schreiber, die Entertainer, Videoblogger, Podcaster und Selbstdarsteller, sie gehen leer aus. Kein Lobo dieser Welt wird jemals in einem gedruckten Lexikon und keinem Geschichtsbuch erwähnt werden, das ist sicher. Seine und meine Texte werden niemals Inhalt des Deutschunterrichts der Oberstufe sein. Und typische Blog-Texte sind nicht einmal als Arbeitsproben geeignet, zuviele Fehler, zu wenig Recherche, zu lausige Qualität.
Warum also Web 2.0? In diesen schwachen Momenten möchte ich mich komplett aus dem Web 2.0 zurückziehen. Das Blog zumachen, den Twitter-Account abschalten, Facebook kündigen und nur noch Teil der namenlosen Masse der Konsumenten sein, derer, die sich im Verfolgungswahn nur all zu gerne anonym durchs Netz hangeln und bestenfalls mit falscher Mailadresse kommentieren. Nur: Spaß macht das ja auch nicht, so komplett ohne, und Web 2.0 ist das erst recht nicht. Abgesehen davon, dass es ohne Dienste wie Facebook auch kaum noch möglich ist, Kontakt zu anderen Menschen zu halten. Schon die Systemgrenze Facebook-StudiVZ kann den Freundeskreis nachhaltig prägen. Wohl deshalb bleiben die Accounts wo sie sind und das Blog online.
Spätabends, wenn es still wird hier in den Slums von Köln, nur noch die knallharten Geeks online sind und ich selbst nichts zu erzählen habe, kommt sie dann trotzdem oft, diese Einsamkeit. Und dann bin ich verdammt froh, dass ich auch noch ein anderes, ein Offline-Leben habe. Eins mit Familie, Freundin, Freunden und Arbeit. Eins, das auch ohne Internet auch nur per Telefon weitestgehend funktioniert. Eins, in dem ich ich bin und nicht die manisch-depressive Krawalltype, die an guten Abenden genug Krachmunition abwirft, um damit Kleinkriege anzuzettel. Dann bin ich nur ich und dürfte damit einigen der Blogger-Kollegen weit voraus sein.

28/07/2009 at 01:20 Permalink
Gefällt mir! (nicht)
28/07/2009 at 01:25 Permalink
???
28/07/2009 at 08:03 Permalink
Naja, durch deine Aktivitäten hebste dich von der Masse der Leute ab, die irgendwie gar nichts machen – vielleicht sogar nur den ganzen Tag RTL2 schauen. Du hast sicherlich viele Leser – und das zurecht. Na kalr – liest man bei anderen ist immer nur alles super spannend. Vielleicht liest man die falschen Leute. Man liest die, deren Leben immer spannend ist, die immer busy sind und von einem Barcamp und/oder Event zum anderen flitzen. Das ist aber nicht die Masse. Wenn ich meinen PC ausmache, dann hocke ich hier auch in Bremerhaven, quasi Hartz4-City – der Stadt, in der wenig bis gar nichts geht. Sei froh, dass du ne City wie die deine zur Verfügung hast. Die Möglichkeiten sind quasi unendlich….
28/07/2009 at 08:57 Permalink
Ohne Deine Seite würde mir wirklich etwas fehlen. Wo ich auch bin – auf der Arbeit, zu Hause oder unterwegs – ich besuche spiegel online, stern online xtown. Vielleicht klicke ich ja ab jetzt auch mal ein bisschen Werbung an
28/07/2009 at 11:19 Permalink
Ich glaube, dass es jedem Blogbetreiber so geht. Ich kenne das nur zu gut, da schreibt man 100 Jahre einen Artikel an dem man sich wirklich Mühe gegeben hat, sieht wie die Leute sich ihn ansehen aber keine Sau kommentiert, verlinkt oder sonstiges. Ich habe mir auch schon oft gedacht den ganzes Scheiss einfach zu löschen, interessiert sich ja eh kein Schwein für. Aber dann habe ich mir doch gedacht das ich es ja auch ein bisschen für mich mache und mir besonders das Basteln am Blog, vor allem an kleinen Feinheiten die eh niemand bemerkt, Spaß macht. Was will ich jetzt? Achja
, Blogge gefälligst weiter damit diese Seite weiterhin Teil meiner Internettour bleibt
28/07/2009 at 11:37 Permalink
“und 500 Menschen besuchen täglich meine Website, aber nur wenige hinterlassen einen Kommentar. Ich aktualisiere Statusmeldungen bei Facebook, kommentiere auf Blogs, aber niemand antwortet, niemandem “Gefällt dies”. Es ist frustrierend. Man fühlt sich ein wenig wie ein Komapatient, der alles mitbekommt, dessen geistige Aktivität aber niemand mehr bemerkt. Als brüllte man permanent in die große, weite Welt, ohne dass jemals jemand antwortet.”
wir beobachten dich.
28/07/2009 at 13:31 Permalink
“Rund 500 Menschen besuchen täglich meine Website, aber nur wenige hinterlassen einen Kommentar.”
Na guuuuut, wollen wir mal nicht so sein und schreiben auch ausnahmsweise was anstatt nur die Buchstaben mit den Augen abzunutzen.
Das Problem liegt glaube ich nicht darin daß den Leuten nicht gefällt was sie lesen, sondern viel eher darin daß der “normale” Internetnutzer wie ich auch (also die, die das Netz größtenteils fürs Zocken, Schmuddelbildchen und Zeit auf der Arbeit totschlagen sowie ab und zu mal Shoppen wenn der Dispo nicht mal wieder am Limit ist nutzen*) eher passiv konsumiert und sich eher denkt “was soll ICH denn jetzt dazu schreiben, meine Meinung interessiert doch eh nicht, würd sie wen interessieren könnt ich ja gleich nen Blog starten”.
Was hier natürlich noch “erschwerend” hinzukommt, man bekommt ja als regelmäßiger Leser mit daß Du den ein oder anderen Kommentator auch persönlich kennst, und wenn jetzt von dem einen oder anderen ein Kommentar kommt und Du antwortest darauf gibt daß dem ganzen schon einen gewissen Schlag Privatunterhaltung, manchmal wird über “weißt noch damals” etc. gesprochen. Und da will man sich ja aus Höflichkeit nicht einmischen. Also sagt man lieber gar nix.
So aber zum Wesentlichen: Super Blog, einer der wenigen die ich regelmäßig besuche. Anständiger Humor und schön authentisch. Also auch wenn ich bisher nix geschrieben habe, gern gelesen wirds auf jeden Fall.
Aber zu “und bestenfalls mit falscher Mailadresse kommentieren”… was soll daran denn verkehrt sein? Mach ich auch nie anders. Erstens weil die zwei Mailadressen die ich gespeichert hab beide meinen RL-Namen enthalten dem ich ja auch nicht unbedingt jedem präsentieren muss, zweitens, ich habe EINMAL einem Lieferanten aus Jakarta meine private Emailadresse gegeben weil die geschäftliche nicht wollte, ja olé, die Spamflut über das nächste Jahr war nicht lustig. Und die 2-Tages Adressen die man sich ab und zu mal zulegt um sich irgendwo zu registrieren schaut man ja danach eh nicht mehr an, also kann ich mir auch gleich sparen die irgendwo einzutragen.
Das hat weniger mit “Verfolgungswahn nur all zu gerne anonym durchs Netz hangeln ” zu tun, als die genannten, praktischen Gründe. Die Illusion daß man anonym wäre macht sich doch eh keiner mehr, oder?
*hah, ich schlag auch oft was im Internet nach, also verbring ich doch nicht nur sinnlos Zeit im Internet. Wusste nur nicht wie ich das ohne Bruch noch in die Aufzählung reinkriege. Ausserdem mag ich *
28/07/2009 at 15:05 Permalink
Besser kann man meine Gedanken gar nicht in Worte fassen.
28/07/2009 at 17:11 Permalink
@Töt-O-Tron: Gerne, aber übertreib’s nicht
@Kaio & Rest: Aber sicher, mach ich.
@Moggadodde: Dann nimm mal Platz, wir sitzen im gleichen Boot.
@Moo: WER beobachtet? *Nervös umschau*
@Sgt. Awesome: Schön gesagt
29/07/2009 at 00:07 Permalink
das Web 2.0. überflutet einen mit Informationen und Kontakten, während man eigentlich gar keine Zeit dafür hat. Wenn es aber dann mal bei einem selbst ruhig wird und man genau diese Kommunikation haben will, dann ist es plötzlich ganz still. Irgendwas läuft da schief…
29/07/2009 at 00:31 Permalink
ich fühle mich ehrlich gesagt auch manchmal einfach zu blöd um auf manches einen kommentar zu bringen
29/07/2009 at 09:54 Permalink
@Bloggeresk: Und dann merkt man, dass man doch ziemlich allein ist…
@wolf: Blöde Kommentare sind freilich auch jederzeit willkommen
29/07/2009 at 12:28 Permalink
Lieber Herr Cren, was möchtest du uns, den bis zu 500 täglichen Lesern, damit sagen?
Fishing for Compliments?
Wenn ja, hat geklappt, siehe oben.
Aufruf zur Zwei-Wege-Kommunikation?
Dafür ist Web 2.0 nur bedingt geeignet, das merkst du ja selbst. (Wobei, sich damit auseinanderzusetzen, also warum wahre Kommunikation via Web 2.0 nicht wirklich funktioniert, das wäre mindestens einen Artikel wert)
Plädoyer für Real-Life?
Da lass dir gesagt sein, nur wo Real-Life drauf steht, ist auch Real-Life drin.
29/07/2009 at 18:21 Permalink
Willkommen in der Welt der Oberflächlichkeit. Social Networks sind nunmal die reinste Verschwendung von Zeit (in meinen Augen).
In den Anfängen (mit 28,8 Kbps Modem) war ICQ Luxus und Mail noch richtig Hip. Und irgendwie hatte ich zu fast allen ICQ Kontakten auch einen persönlichen Bezug. Heute geht das kaum richtig. Man hat zwar zig “webfreunde”, aber irgendwie bewegt sich das auf einer Ebene, auf der nur selten der letzte Schritt erfolgt -> das Kennenlernen.
Aber Kopf Hoch. Kölner Gegend unsicher machen und Leben genießen. Und alle Schandtaten dann hier kund tun
29/07/2009 at 21:32 Permalink
Deshalb schreibe ich immer mal wieder etwas wenns grad passt, damit man doch so’n bisschen was “zurück geben” kann.
29/07/2009 at 22:59 Permalink
über ein trauriges Thema zufällig hier gelandet. Spassig und intelligent befunden und seither täglich schnell reinschauen muss!
Grüsse aus Helvetien
30/07/2009 at 01:37 Permalink
HA!… noch jemand aus der Schweiz…
30/07/2009 at 12:10 Permalink
@Jonas
Grund genug einen Verein zu gründen?! *grins*
16/08/2009 at 18:27 Permalink
Schön geschrieben! Sehe ich genauso! Es ist nicht alles so toll in diesem Internetz und die bestens Geschichten schreibt irgendwie immernoch das wahre Leben
Werd jetzt öfter hier vorbei schauen. Gefällt mir ganz gut das Blog.
02/11/2009 at 15:19 Permalink
Damit du nicht ganz so einsam bist, hab ich dich mal in mein Blogroll aufgenommen
02/11/2009 at 16:14 Permalink
Da der Trackback nicht funktioniert, hier mein Resonanz-Beitrag:
Einsam im Web 2.0 ?
http://www.claudia-klinger.de/digidiary/2009/11/02/einsam-im-web-2-0/
04/02/2010 at 11:09 Permalink
Liegt es eventuell daran, dass man trotz der Follwer, Leser, Fans und bestätigten Freundschaften, keine Menschen kennenlernt, bei denen man Gemeinsamkeiten feststellt? Es gib sicher Viele mit gleichen Interessen, Meinungen etc. aber dies wird man im seltensten Fall erfahren, da auch jeder nur für von und über sich twitter, bloggt, gruschelt…
Interessanter Ansatz zu dem Thema: http://blog.suggy.com/2010/02/04/soziale-netzwerke-machen-einsam/