[Aktueller Song: "Lost In Space" von Dune]
Früher war alles besser. Kein Witz. FRÜHER© saß ich einfach mal zuhause und hatte schlicht nichts zu tun. GAR-NICHTS. Mich rief niemand an und ich rief niemanden an, denn jede Minute kostete 20 Pfennig und die Eltern schimpften, wenn die Telefonrechnung wieder zu hoch war. Internet und Handys gab es nicht und im Fernsehen lief auch damals – das hat sich nicht geändert – ausschließlich Schrott. Aber habe ich mich dabei gelangweilt? Wohl kaum.
Ich saß oft einfach herum, machte eine CD an und las, vielleicht ein MAD-Heft, eine Zeitschrift oder ein Buch – gerne auch mehrmals. Oder ich tat einfach gar nichts, lag auf dem Bett und lauschte der Musik und hing meinen damals sehr pubertären Gedanken nach. Das reichte und wenn die Sonne schien, nahm ich mein Mountainbike und übte Tricks oder fuhr einfach durch die Gegend. Wenn ich verliebt war, konnte ich Stunden damit verbringen, einem Mädchen einen Brief zu schreiben und eine perfekt zusammengestellte Musikkassette AUFZUNEHMEN – fast hätte ich “brennen” geschrieben.
Der PC, den ich seinerzeit hatte, wird heute leistungstechnisch von jedem iPod übertroffen und konnte weniger als jeder eeePC. Mein Mountainbike wog geschätze 50 gußeiserne Kilo und war kein Vergleich zu dem zehnmal teureren Leichtmetallwunder, das heute in meinem Keller verschimmelt. weil ich nicht mehr dazu komme. An einen Führerschein und ein eigenes Auto wagte ich noch nichtmal zu denken, ich fuhr Bus oder Fahrrad. Und Musik fand ausschließlich auf CDs (zuhause) und Kassetten (Walkman) statt, rein linear, denn mein erster CD-Player konnte nichtmal “Shuffle.
Das Telefon in meinem Zimmer war so analog, dass es beim Wählen ratterte – immerhin hatte ich eins – und wenn ich ein Mädchen anrufen wollte, musste ich da sitzen, das Knacken abwarten und beten, nicht die Eltern dranzuhaben oder gar einen völlig Fremden, weil ich mich verwählt hatte. Die Nummern gab man damals nämlich noch direkt ein, tippte sie nach Stunden bangen Zögerns bei jedem Wahlvorgang von einem kleinkarierten Stück Schreibblock mit sauberer Mädchenschrift ab. Und doch war es irgendwie schön… ruhig.
Das Highlight am Wochenende waren McDonalds-Besuche mit meinen Freunden, wo wir stundenlang abhingen. Manchmal schlichen wir uns in die Spielhalle und spielten “Daytona Racing” von SEGA, bis und jemand rausschmiss, weil wir längst noch nicht 18 waren. An so einem Tag gingen gerne mal 10 Mark weg, das war damals viel Geld und diese Nachmittage schienen ewig zu dauern.
Wir schreiben das Jahr 2008, der CRen ist inzwischen erwachsen und hat ganz viele tolle “Helferlein”, die das Leben einfacher machen: Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich als erwachsener Mann immer meine Telefonzelle samt Sekretärin in meiner Hosentasche mit mir rumschleppen würde, hätte ich ihn ausgelacht. Hätte ich damals gewusst, dass ich die etwa 100.000-fache Leistung meines PCs statt eines Walkman im Auto anschließen könnte, hätte ich das als Science Fiction abgetan. Etwas wie eine Digitalkamera war damals auch so ein Science-Fiction-Ding. Nur von E-Mail, davon hatte man schonmal gehört und der bebrillte Typ mit dem Aktenkoffer aus meiner Klasse hatte sowas sogar und für drei Mark durften wir auch alle mal zehn Minuten ins damals noch sehr leere Netz.
Inzwischen habe ich eine Deutschland-Flatrate und DSL mit 16.000 MBit. Ich habe ein Auto und jedes Interesse an Spielhallen verloren. Mein Handy speichert mehr Nummern, als ich jemals auf meinen kleinen Nummernzettel im Portemonnaie hätte schreiben können. Und diesen Text schreibe ich an einem schon veralteten Macbook Pro, dessen Rechenleistung meine wüstesten Träume seinerzeit um das millionenfache überschreitet. Per E-Mail, Facebook und Skype bleibe ich in Kontakt, die Freundin ist nur eine SMS entfernt und bei einem Aldi-Einkauf oder an der Tankstelle haue ich mehrmals das Vielfache meines damaligen Taschengeldes heraus.
Langweilig ist mir schon lange nicht mehr.
Damals dauerten die Tage irgendwie ewig. Ich hatte viel Schule, machte selten Hausaufgaben und ging um spätestens 11 Uhr ins Bett. Müde war ich selten, außer in der ersten Stunde Französisch bei Herrn Anlauff, da war ich immer sehr müde. Ich hatte Zeit, fünf Stunden am Stück an einer blödsinnigen Kassette herumzubasteln, um sie weitere fünf Stunden lang so perfekt zu bemalen, dass sie der Liebsten würdig war. Alle Songs kamen von Herzen und von den vielleicht 20 CDs, die ich hatte.
Heute finde ich nicht einmal mehr die Zeit, mal eben eine MP3-CD für jemanden zusammenzuschlampen, denn der Datenwust aus 3000 Songs macht mich fertig. Ich finde keine Möglichkeit, mein seit 2005 fast unbenutztes Mountainbike zu fahren und wenn doch, finde ich es nach fünf Minuten so anstrengend, dass ich mich wieder zuhause an den Rechner klemme. Im Fernsehen läuft nur Schrott, genau wie damals, aber ich schau es mir an, denn Stille ertrage ich nicht.
Ruhe insgesamt macht mich nervös, ich fühle mich sofort einsam, hinterher, irgendwie unruhig.
Und schon kommuniziere ich wieder, ohne dass die Kommunikation nötig wäre, spiele mit meinen technischen Geräten herum, ohne sie wirklich zu beherrschen, surfe auf Ebay umher, überfliege Texte bei Spiegel-Online, ohne sie zu lesen und klicke alle zwei Minuten auf Skype und mein E-Mail-Postfach, in der Hoffnung, dass jemand an mich gedacht hat.
Die Vorstellung, ohne Internet zu leben, macht mir Angst.
Die Vorstellung, in einer Welt wie 1994 zu leben, versetzt mich in blanke Panik.
Die Vorstellung, in einer Welt ohne Technik zu leben, wäre für mich blanker Selbstmord.
Und nichts ist dabei einfacher geworden, denn ich bin ständig damit beschäftigt, meinen Gerätepool auf dem neuesten Stand zu halten, meine Software zu updaten und die Welt nebenbei mit sinnlosen Blogeinträgen wie diesem hier zu belästigen.
Das ist doch kein Leben! Und während ich das hier schreibe, wünsche ich mir nichts sehnsüchtiger als einen Platz der Ruhe, an dem es all den Mist nicht gibt. Aber die Büchse der Kommunikationspandorra ist offen und lässt sich wohl kaum wieder schließen. Außerdem wüsste ich wohl kaum, was ich ohne all den Technikkram mit meiner Freizeit anfangen sollte. Das MAD-Heft gibt es ja leider nicht mehr…

No Comments on "Wo ist all die Zeit geblieben?"
Additional comments powered by BackType